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Frankreich, eine der tragenden Säulen der europäischen strategischen Autonomie und der Unterstützung für die Ukraine im Krieg, steht vor einer Phase politischer Ungewissheit. Angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen 2027 bleibt unklar, ob Paris seinen derzeitigen außenpolitischen Kurs beibehalten oder sich einer neuen Vision von Frankreichs Rolle in Europa und der Welt zuwenden wird. Emmanuel Macron verlässt den Élysée und die etablierten liberalen Kräfte verlieren zugleich an Boden – sowohl gegenüber dem Rassemblement National (RN) als auch gegenüber dem linken Nouveau Front Populaire. Die französische Außenpolitik könnte daher schon bald von Akteuren jenseits des traditionellen Regierungsestablishments geprägt werden.
Im Zentrum dieser Analyse steht Jordan Bardella, Vorsitzender des RN und eine der folgenreichsten Figuren der französischen Gegenwartspolitik. Lange galt er vor allem als nützliches Instrument in der Gesamtstrategie Marine Le Pens; inzwischen ist er weit mehr als ein Kandidat für Protestwähler oder ein treuer Protegé. Indem er das öffentliche Erscheinungsbild der Partei nach Jahrzehnten der Dominanz der Familie Le Pen überarbeitete, trug er maßgeblich dazu bei, den RN von einer politisch isolierten Kraft in eine Partei zu verwandeln, die sich auf die Regierungsübernahme vorbereitet. Aktuelle Umfragen unterstreichen diesen Wandel: Einer Erhebung des Instituts Ifop zufolge könnte Bardella im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl 2027 rund 37 % der Stimmen erreichen – mehr als seine Konkurrenten vom linken Rand wie aus der politischen Mitte und mehr als Marine Le Pen selbst.
Wer Frankreichs künftige Rolle in der europäischen Sicherheit und die Beziehungen der Ukraine zu Paris einschätzen will, muss daher verstehen, wie Bardella seine Außenpolitik neu justiert.
Die politische Bedeutung Jordan Bardellas liegt weniger in ideologischer Originalität als in der politischen Verpackung. Geboren in den Pariser Vorstädten, trat er mit 16 Jahren dem Front National bei, der später in Rassemblement National umbenannt wurde, und stieg rasch in der Parteihierarchie auf. Anfang zwanzig war er bereits eines der sichtbarsten jungen Gesichter des RN und galt weithin als disziplinierter Protegé Marine Le Pens.
Seine frühe politische Ausrichtung spiegelte das traditionelle Weltbild des RN wider. Lautstark kritisierte er die europapolitische Integrationsagenda von Präsident Emmanuel Macron; an deren Stelle sollten Euroskeptizismus, Antiglobalismus, eine strikte Abwehr von Zuwanderung und ein seit Langem gepflegtes Misstrauen gegenüber dem Atlantizismus treten. Auch seine ersten außenpolitischen Gesten entsprachen den historischen Sympathien der Partei für Russland. Mit sarkastischer Rhetorik verteidigte er die Zustimmungswerte Wladimir Putins in der russischen Bevölkerung, und 2019 organisierte er in Rom eine Konferenz europäischer rechtsextremer Jugendorganisationen, an der auch Vertreter von Einiges Russland und anderen rechten Kreisen Russlands teilnahmen. Anders als manche ältere RN-VertreterInnen hat Bardella es allerdings weitgehend vermieden, persönlich mit prorussischen Verbindungen identifiziert zu werden, obwohl seine politische Sozialisation in einer Partei stattfand, die lange von moskaufreundlichen Netzwerken geprägt war.

Zum Wendepunkt wurde das Jahr 2019, als Marine Le Pen ihn zum Spitzenkandidaten der RN-Liste für die Europawahl machte. Die Partei wurde in Frankreich stärkste Kraft, und der 23-Jährige zog als einer der jüngsten Abgeordneten ins Europäische Parlament ein - mit landesweiter Sichtbarkeit. Seine Bilanz in Brüssel geriet wegen häufiger Abwesenheit in die Kritik; die linke Europaabgeordnete Manon Aubry etwa bezeichnete ihn mit einigem Widerhall als „Geisterabgeordneten“, weil er nur selten an Parlamentssitzungen teilnahm. Politisch erfüllte das Mandat gleichwohl seinen Zweck: Bardella wurde zum jugendlichen, disziplinierten und medientauglichen Gesicht einer Partei, die ihren alten Ruf hinter sich lassen wollte.
Während der Covid-19-Pandemie nutzte Bardella die öffentliche Unzufriedenheit taktisch aus. Er wahrte strikte Parteidisziplin und griff die Maßnahmen der Regierung scharf an. Verordnete Lockdowns und eine Impfpflicht lehnte er entschieden ab und wertete sie als Eingriffe in die Bürgerrechte; die Ablehnung des russischen Impfstoffs führte er auf geopolitische Ressentiments statt auf eine wissenschaftliche Bewertung zurück. In der Summe waren es zwei Faktoren, die ihn von einer parteiintern anerkannten Figur zu einem der prominentesten Politiker Frankreichs aufsteigen ließen: die Führung des erfolgreichen RN-Europawahlkampfs 2019 und seine öffentlichkeitswirksame Opposition gegen die Covid-19-Politik der Regierung.
Seither gründet Bardella seine Anziehungskraft auf ein poliertes und zugängliches öffentliches Bild. Seine Präsenz in den sozialen Medien, die vor allem jüngere WählerInnen erreicht, und sein sorgfältig kontrollierter Auftritt erlauben es ihm, den RN als jünger, professioneller und respektabler darzustellen. Französische Medien haben ihn bisweilen als „Ken der französischen Politik“ bezeichnet – ein Etikett, das sowohl seine visuelle Wirkung erfasst als auch den Vorwurf, seine politische Oberfläche wirke glatter als sein ideologischer Kern. Während manche Politiker Hunderte von Seiten benötigen, um ihre Überzeugungen darzulegen, folgt Bardella schlicht der jeweiligen Grundströmung der französischen Politik und liefert genau das, was sein Publikum von ihm hören will.
Diese Uneindeutigkeit ist für seine politische Funktion zentral. Eine außenpolitische Doktrin, die von den strategischen Erfordernissen des RN unabhängig wäre, hat Bardella nur selten formuliert. Seine Stärke liegt nicht darin, neue Ideen hervorzubringen, sondern die Botschaft der Partei dem jeweiligen politischen Moment anzupassen. Insofern ist er innerhalb des RN keine revolutionäre Figur, sondern der wirksamste Repräsentant der nächsten Etappe: Eine alte Marke der extremen Rechten soll wahlpolitisch anschlussfähig erscheinen, ohne dass ihr nationalistischer Kern grundlegend revidiert würde.
Die Bedeutung von Bardellas Aufstieg erschließt sich nur vor dem Hintergrund des Erbes, das er übernommen hat. Der Rassemblement National geht auf den 1972 von Jean-Marie Le Pen gegründeten Front National zurück. Jahrzehntelang blieb die Partei wegen ihres Nationalismus, ihrer einwanderungsfeindlichen Agenda und der wiederholten Kontroversen um ihren Gründer am Rand der französischen Politik. Ein wichtiger Durchbruch gelang 2002, als Jean-Marie Le Pen überraschend die Stichwahl um das Präsidentenamt erreichte – ein Beleg dafür, dass die extreme Rechte nicht länger als politisch bedeutungslos abgetan werden konnte.
Marine Le Pen leitete später eine Strategie der Entdämonisierung ein, die die Partei für ein breiteres Wählerspektrum akzeptabel machen sollte. Dazu gehörten der Parteiausschluss ihres Vaters, die Umbenennung, ein moderaterer Ton und der schrittweise Verzicht auf einige der radikalsten Programmpunkte. Doch auch unter Marine Le Pen blieb der RN in der Wahrnehmung fest mit Euroskeptizismus, der Ablehnung des Atlantizismus und der Nähe zu Russland verbunden. In den 2010er-Jahren kritisierte die Partei die NATO, wandte sich gegen eine vertiefte europäische Integration und pflegte politische wie finanzielle Verbindungen nach Moskau – am auffälligsten 2014 mit einem Kredit über 9 Millionen Euro von einer Moskau-nahen Bank.
Mit Russlands großangelegter Invasion der Ukraine wurde dieses Erbe politisch teuer. Was Teilen der französischen Wählerschaft in einer Phase der Euroskepsis und relativer Russlandsympathie noch akzeptabel erschien, wurde nach 2022 zur Belastung. Eine Mehrheit der Franzosen verurteilte die Invasion, und die Unterstützung der Ukraine wurde Teil des politischen Mainstream-Konsenses. Bardella übernahm den RN somit in einem Moment, in dem sich die Partei von ihrem alten russlandfreundlichen Image lösen musste, ohne ihre Stammwählerschaft zu verprellen.
Seine Antwort darauf war evolutionär, nicht revolutionär. Unter Bardellas Führung hat der RN seine öffentliche Linie zu Russland angepasst, die ausdrückliche Frexit-Rhetorik aufgegeben, Unternehmens- und Investorenkreise umworben und seine Anziehungskraft über die traditionellen Netzwerke der extremen Rechten hinaus erweitert. Für eine vollständige ideologische Transformation sollte man dies gleichwohl nicht halten. Nach wie vor steht der RN für ein nationalistisches Programm, in dessen Zentrum Souveränität, Migrationskontrolle, Protektionismus und Skepsis gegenüber supranationalen Institutionen stehen. Bardellas Projekt besteht folglich nicht darin, die Partei von Grund auf neu zu erfinden, sondern darin, jene Hindernisse zu beseitigen, die sie von der Regierungsfähigkeit trennen.
Das ist der Kern des Modells Bardella: Normalisierung ohne vollständige Mäßigung.
Die Ukraine ist der Bereich, in dem Bardellas Neuausrichtung der Außenpolitik für Kyjiw von größter Bedeutung ist. Die historische Nähe des RN zu Russland bescherte der Partei nach 2022 ein ernstes Glaubwürdigkeitsproblem. Bardella musste auf zwei Anforderungen zugleich reagieren: auf den proukrainischen Umschwung in der französischen Öffentlichkeit und auf die anhaltende Zurückhaltung, Skepsis oder interventionsfeindliche Haltung in Teilen der RN-Wählerschaft.
Seine Antwort ist eine sorgfältig konstruierte Mittelposition. Er hat die großangelegte Invasion Russlands verurteilt, die Souveränität der Ukraine anerkannt und Russland als Bedrohung für die französische und europäische Sicherheit benannt. Zugleich hat er enge Grenzen dafür gezogen, was Frankreich für die Ukraine tun sollte. Seine Haltung ist daher keine offene Gegnerschaft gegenüber Kyjiw, sondern eine konditionierte und zurückhaltende Unterstützung.
Ein erster sichtbarer Wandel in Bardellas öffentlichem Ton zeichnete sich 2023 ab. Die europäischen Staats- und Regierungschefs, so seine Aussage, seien gegenüber den Ambitionen Wladimir Putins naiv gewesen; man könne, argumentierte er, „nicht europäischer Patriot sein und gegenüber der Verletzung der Souveränität eines europäischen Staates gleichgültig bleiben“. Zudem gab er zu verstehen, dass der Krieg ohne einen Abzug der russischen Truppen und die Wiederherstellung der ukrainischen Souveränität nicht enden könne. Diese Äußerungen markierten einen deutlichen Bruch mit der älteren Rhetorik des RN, die Russland häufig als natürlichen Partner oder zumindest als Gegengewicht zum Einfluss der USA und der EU behandelt hatte.

Bardellas Unterstützung war allerdings von Anfang an begrenzt. Militärhilfe für die Ukraine lehnte er nicht rundweg ab, begründete sie aber in erster Linie defensiv. Auf Fragen nach Waffen wie Panzern, Flugzeugen oder Raketensystemen großer Reichweite, die die Ukraine für ambitioniertere Operationen an der Front benötigte, vermied er jede Festlegung auf deren Lieferung. Dieses Zögern bediente zugleich die traditionell interventionsfeindlichen Instinkte des RN und die Präferenzen seiner Wählerschaft. Ein erheblicher Teil der RN-WählerInnen verfolgte den Krieg damals aufmerksam und befürwortete ein gewisses Maß an Hilfe für die Ukraine, blieb einer Eskalation oder einer direkten französischen Beteiligung gegenüber aber zutiefst skeptisch.
Im Wahlzyklus 2024 traten diese Grenzen noch schärfer hervor. Vor der Europawahl wie vor den französischen Parlamentswahlen konzentrierte sich der Wahlkampf des RN im Wesentlichen auf innenpolitische Themen: Zuwanderung, Kaufkraft, institutionelle Reformen und die Kritik am Macronismus. Für die Sicherheit der Ukraine ließ das Programm kaum Raum, abgesehen von allgemeinen Verweisen auf die französische Souveränität und die Notwendigkeit, die nationale Verfügungsgewalt über die nukleare Abschreckung zu wahren. Gerade diese Leerstelle ist aufschlussreich: Bardella war bereit, Russland zu verurteilen, wo es nötig schien; eine proaktive Ukraine-Politik in die Regierungsagenda des RN einzubauen, strebte er jedoch nicht an.
vZugleich blieb der Krieg in Frankreich politisch präsent, insbesondere nachdem Präsident Macron die Entsendung westlicher Truppen in die Ukraine ins Spiel gebracht hatte. Bardella reagierte mit einer seiner deutlichsten „roten Linien“: keine französischen Soldaten auf ukrainischem Boden. Eine direkte militärische Beteiligung Frankreichs, so seine Begründung, berge das Risiko einer Eskalation mit einer Atommacht; jedes Szenario, in dem Frankreich zur Kriegspartei würde, lehnte er ab. Hätte er sich zur Notwendigkeit eines direkten französischen Militäreinsatzes bekannt, wäre er damit nur 15 % der RN-Wählerschaft entgegengekommen. Die Absage erlaubte es ihm somit, sich als verantwortungsbewusster Sachwalter französischer Interessen zu präsentieren, ohne in den Verdacht der Moskau-Sympathie zu geraten.
Eine zweite rote Linie betraf weitreichende Waffen. Die Lieferung von Raketen großer Reichweite an die Ukraine lehnte Bardella ab oder vermied es zumindest, sie zu befürworten – erneut mit Verweis auf das Eskalationsrisiko. Aus Kyjiwer Sicht ist dies eine der gravierendsten Einschränkungen. Für die Ukraine sind weitreichende Fähigkeiten zentral, um die russische Militärlogistik zu zermürben, die Infrastruktur der Besatzung zu treffen und Russlands Fähigkeit zur Kriegführung zu verringern. Bardellas Zurückhaltung deutet daher darauf hin, dass die französische Unterstützung unter seiner Führung politisch sichtbar bleiben, militärisch aber eng begrenzt sein könnte.

Auch einem beschleunigten Beitritt der Ukraine zur Europäischen Union hat Bardella widersprochen. Ein Schnellverfahren, so sein Argument, könne die EU unmittelbarer in den Krieg hineinziehen und ihre inneren Lasten vergrößern. Diese Haltung fügt sich in die europapolitische Linie des RN insgesamt: Für einen Frexit wirbt die Partei nicht mehr; Erweiterung, weitere Föderalisierung und die Übertragung zusätzlicher Kompetenzen an die EU-Institutionen lehnt sie jedoch nach wie vor entschieden ab. Für die Ukraine bedeutet dies, dass ein von Bardella geführtes Frankreich nicht nur in der Militärpolitik, sondern auch auf dem Weg zum EU-Beitritt zu einem erheblichen Hindernis werden könnte.
Seine Bilanz im Europäischen Parlament verstärkt diese Uneindeutigkeit. Bardella hat einzelne Ukraine-Resolutionen mitgetragen, überwiegend jedoch solche, die humanitäre Fragen oder die Verantwortlichkeit betrafen, nicht dagegen weiterreichende militärische Zusagen. Dazu zählen Initiativen zur Rückführung der von Russland deportierten ukrainischen Kinder, zum Schutz vom Krieg betroffener Frauen und Zivilisten sowie zur Ahndung russischer Angriffe auf die ukrainische Zivilbevölkerung. Solche Stimmen zeigen, dass Bardella der Ukraine grundsätzlich nicht die Unterstützung verweigert, zumal dort, wo die moralische Lage eindeutig und die Frage politisch unstrittig ist. Zugleich markieren sie die Grenzen seiner Unterstützung: Humanitäre Solidarität fällt dem RN leichter als eine strategische militärische Eskalation oder die EU-Erweiterung.
Bardellas Position ist nicht als bloße Fortsetzung der alten prorussischen Linie des RN zu lesen. Seit 2022 hat er Russland wiederholt kritisiert, die von ihm ausgehende Bedrohung anerkannt und versucht, die Partei von ihrem früheren moskaufreundlichen Image abzurücken. Öffentlich ist er zudem von Teilen der alten Garde des RN abgewichen, auch in symbolischen Fragen – etwa, ob Wladimir Putin als akzeptabler diplomatischer Gast gelten kann, solange sich die Ukraine gegen die russische Invasion verteidigt. Diese Gesten sind bedeutsam, weil sie zeigen: Der RN unter Bardella kennt die politischen Kosten eines offenen Prorussentums.
Der Wandel hat allerdings klare Grenzen. Bardellas Ukraine-Politik ist weniger eine strategische Festlegung auf einen ukrainischen Sieg als der Versuch, das Mindestmaß an Unterstützung zu bestimmen, das mit der französischen Öffentlichkeit und der Wahlarithmetik des RN vereinbar ist. Moskau verurteilen, die ukrainische Souveränität stützen, humanitäre Initiativen mittragen – all das kann er. Zurückhaltend bleibt er dort, wo das politische Risiko steigt: bei weitreichenden Waffen, direkter militärischer Abschreckung, einem beschleunigten EU-Beitritt und bei jeder Deutung, die die Verteidigung der Ukraine zu einer verbindlichen strategischen Verpflichtung Frankreichs erklärt. Seine Haltung lässt sich als Unterstützung innerhalb politisch sicherer Grenzen zusammenfassen.

Das realistischste Risiko für Kyjiw besteht demnach nicht darin, dass ein von Bardella geführtes Frankreich abrupt auf russischen Kurs einschwenkt. Größer ist die Gefahr, dass die französische Unterstützung schmaler, stärker an Bedingungen geknüpft und enger auf politisch unbedenkliche Felder zugeschnitten wird. Frankreich könnte die Ukraine rhetorisch und diplomatisch weiter unterstützen und zugleich die folgenreichsten Formen der Hilfe meiden. Konkret hieße das: mehr Gewicht auf humanitäre Hilfe, den Schutz von Zivilisten, den Wiederaufbau und die Ahndung russischer Verbrechen, aber weniger Bereitschaft, bei modernen Waffensystemen, Sicherheitsgarantien oder der EU-Integration der Ukraine voranzugehen.
Für die ukrainische Diplomatie entsteht daraus ein schwieriges, aber nicht aussichtsloses Umfeld. Weil Bardella stark auf die öffentliche Meinung reagiert, hinge die Stellung der Ukraine in Frankreich nicht allein von Kontakten auf Elitenebene ab, sondern ebenso von der breiteren französischen Debatte. Verbinden die französischen WählerInnen die Ukraine vor allem mit Eskalation, Kosten oder Erweiterungsmüdigkeit, hat Bardella wenig Anreiz, über eine begrenzte Unterstützung hinauszugehen. Gilt die Ukraine dagegen als zentral für die europäische Sicherheit, die französische Souveränität und die Abwehr des russischen Imperialdrucks, dürfte der politische Spielraum für Zusammenarbeit größer ausfallen.
Den zugänglichsten Einstieg dürften humanitäre Themen bieten. Die Rückführung deportierter ukrainischer Kinder, der Schutz von Zivilisten, die Ahndung von Kriegsverbrechen und die Unterstützung des Wiederaufbaus sind für den RN nur schwer offen abzulehnen und lassen sich zugleich in den Kategorien von Gerechtigkeit, Souveränität und Schutz europäischer Zivilisten formulieren. Die Ukraine sollte allerdings vermeiden, dass sich das Verhältnis auf einen rein humanitären Konsens verengt. Die übergeordnete Botschaft muss bleiben: Die Verteidigung der Ukraine ist Teil der Verteidigung Europas – und Russlands Fähigkeit zur Kriegführung zu beschneiden ist kein Gefallen an Kyjiw, sondern liegt im strategischen Interesse Frankreichs.
Insofern stellt Bardella eine komplexere Herausforderung dar als die ältere französische extreme Rechte. Er wiederholt nicht schlicht die Narrative Moskaus, bietet der Ukraine aber auch keine verlässliche strategische Partnerschaft. Am treffendsten lässt sich seine Position als kontrollierte Unterstützung beschreiben: genug, um das Stigma des Prorussentums zu vermeiden, und begrenzt genug, um für eine nationalistische, eskalationsskeptische Wählerschaft akzeptabel zu bleiben.
Bardellas Europapolitik folgt demselben Muster der Anpassung. Der RN wirbt nicht länger für einen Austritt Frankreichs aus der Europäischen Union oder der Eurozone. Stattdessen propagiert Bardella ein loseres „Europa der Nationen“, das auf Souveränität, nationalen Vetorechten, Grenzkontrollen und eingeschränkten Kompetenzen der EU-Institutionen aufbaut.
Das ist ein erheblicher Wechsel der Methode, nicht zwingend des Weltbilds. Der alte RN stellte die europäische Integration meist als etwas dar, dem Frankreich entkommen sollte. Bardella stellt sie als etwas dar, das Frankreich umgestalten sollte. Einen Frexit lehnt er ab und argumentiert stattdessen, die EU sei in ihrer heutigen Form „obsolet“ und brauche eine neue Architektur, die die nationale Souveränität in Migrations-, Regulierungs-, Energie- und Wirtschaftsfragen wiederherstellt. Zudem fordert er, den französischen Beitrag zum EU-Haushalt zu senken und die Befugnisse der Europäischen Kommission zu beschränken.
In seiner Rede „Building the 21st-century Europe“ 2024 erklärte Bardella die Europawahl zu einem Referendum über Macrons Führung und umriss die Vorstellung des RN von einem Europa, das „schützt, produziert und die nationale Souveränität achtet“. Dazu zählten schärfere Einwanderungskontrollen, die Ablehnung des Migrations- und Asylpakts der EU, wirtschaftlicher Protektionismus, Energiesouveränität, Vorrang für die französische Kernenergie, die Ablehnung weiterer Erweiterungsschritte und die Bewahrung des französischen Vetorechts.
Der Wahlkampfslogan des RN von 2024 – „Ja zu Frankreich, ja zu Europa“ – brachte diese Neupositionierung auf den Punkt. Die Partei will nicht länger antieuropäisch wirken in dem Sinne, dass sie Europa als solches ablehnt. Vielmehr präsentiert sie sich als Verteidigerin eines anderen Europas: nationaler, protektionistischer, weniger föderal und ablehnender gegenüber supranationalen Bindungen.
Für Europa ist Bardellas Strategie deshalb von Bedeutung, weil sich an ihr eine allgemeinere Lehre ablesen lässt, die die extreme Rechte nach dem Brexit und der russischen Invasion der Ukraine gezogen hat: Ein offener EU-Austritt hat an Attraktivität verloren. Wahlpolitisch tragfähiger ist es, im institutionellen Rahmen zu bleiben und ihn von innen umzulenken. Bardella will die EU nicht von außen zerstören. Er will von innen neu definieren, was sie sein soll.

Für die Ukraine hat das unmittelbare Folgen. Ein Frankreich, das von einer solchen Vorstellung geleitet wird, dürfte der EU-Erweiterung skeptischer gegenüberstehen, nationale Vetorechte entschiedener verteidigen und weniger geneigt sein, den Beitritt der Ukraine als geopolitische Priorität zu behandeln. Selbst wenn Frankreich Teil des europäischen Konsenses zur Ukraine bliebe, könnte es auf dem EU-Weg zu einem vorsichtigeren und stärker blockierenden Akteur werden.
Auch gegenüber den USA agiert Bardella eher reaktiv und interessengeleitet als doktrinär. Eine ausgearbeitete Strategie für Washington enthalten die Programme des RN nicht. Stattdessen greift die Partei auf die vertrauten Motive zurück: französische Souveränität, europäische strategische Autonomie und Widerstand gegen äußeren Druck.
Die Rückkehr Donald Trumps ins Präsidentenamt begrüßte Bardella zunächst als Entscheidung der amerikanischen Wählerschaft und lobte Elemente von dessen Wirtschaftspatriotismus. Zugleich ist er auf Distanz zu einer automatischen Gefolgschaft gegenüber Washington gegangen. Auf Trumps Zolldrohungen reagierte er mit der Forderung nach einer entschlossenen europäischen Antwort und mit dem Argument, das Verhältnis zu den USA müsse sich an strategischen Interessen ausrichten, nicht an ideologischer Nähe. Berichten zufolge lehnte der RN zudem offene politische Unterstützung aus Trump-nahen Kreisen ab, um den Eindruck ausländischer Einmischung in die französische Politik zu vermeiden.
Diese Distanzierung verstärkte sich, als die Nähe zu Teilen der amerikanischen Rechten politisch teuer wurde. Von einer konservativen Großveranstaltung in Washington zog Bardella seine Teilnahme zurück, nachdem Steve Bannon dort eine Geste gezeigt hatte, die vielfach als nationalsozialistisch anmutend verurteilt wurde. Auch einzelne Maßnahmen der US-Politik hat er als imperial oder sprunghaft kritisiert , vor allem dort, wo sich diese Kritik mit der Skepsis der französischen Öffentlichkeit gegenüber amerikanischer Macht deckte.
Zugleich hat Bardella Teile der traditionellen NATO-Position des RN abgeschwächt. Solange der Krieg in der Ukraine andauere, werde die Partei einen Austritt aus der integrierten Kommandostruktur der NATO nicht unterstützen, erklärte er. Zu einer atlantizistischen Partei wird der RN dadurch nicht. Vielmehr zeigt sich einmal mehr, dass Bardella bereit ist, ältere Parteipositionen auszusetzen oder anzupassen, sobald sie strategisch unbequem werden.
Seine USA-Politik bestätigt damit das Grundmuster seiner Außenpolitik: selektive Anlehnung, starke Betonung der Souveränität und sorgfältige Anpassung an die Stimmung im Inland. Er kann den Wirtschaftsnationalismus Trump’scher Prägung bewundern, ohne zum französischen Trumpisten zu werden. Er kann die Sprache der strategischen Autonomie sprechen, ohne sich damit auf eine ambitioniertere europäische Sicherheitsrolle in der Ukraine festzulegen.
Für Kyjiw ist diese Uneindeutigkeit von Gewicht. Strategische Autonomie unter Bardella könnte eine stärkere eigenständige Handlungsfähigkeit Europas bedeuten. Sie könnte aber ebenso als Begründung für ein transaktionaleres Frankreich dienen, das weniger bereit ist, für die Ukraine Risiken einzugehen, und stärker darauf achtet, externe Verpflichtungen zu begrenzen.
Bardellas Aufstieg bedeutet nicht, dass die Ukraine mit einem offen feindseligen Frankreich rechnen müsste. Wohl aber sollte sie sich auf eine mögliche französische Führung einstellen, deren Unterstützung stärker an Bedingungen geknüpft, symbolischer und abhängiger von innenpolitischen Anreizen ist.
Erstens sollte die ukrainische Kommunikation die Unterstützung für Kyjiw mit französischer und europäischer Souveränität verknüpfen. Bardellas politische Sprache kreist um Souveränität, nationales Interesse und Schutz vor äußerem Druck. Die Ukraine sollte Unterstützung deshalb nicht als moralische Forderung oder als eine von Brüssel auferlegte Pflicht darstellen. Sie sollte vielmehr betonen, dass der Widerstand gegen die russische Aggression die europäische Sicherheit stärkt, die strategische Autonomie Frankreichs schützt und Moskau daran hindert, den Kontinent mit Gewalt neu zu ordnen.
Zweitens sollte die Ukraine mit der französischen Öffentlichkeit arbeiten, nicht nur mit den politischen Eliten. Reagiert Bardellas Außenpolitik so stark auf innenpolitische Anreize, dann hängt die langfristige Tragfähigkeit der französischen Unterstützung davon ab, ob die Franzosen die Sicherheit der Ukraine als mit ihrer eigenen verbunden begreifen. Öffentlichkeitsdiplomatie, kulturelle Ansprache, die Einbindung von Fachleuten und die Kommunikation mit konservativen und rechts orientierten Milieus in Frankreich dürften an Bedeutung gewinnen.
Drittens können humanitäre Themen als Einstieg dienen, die Sicherheitsagenda dürfen sie jedoch nicht ersetzen. Bei der Rückführung deportierter ukrainischer Kinder, dem Schutz von Zivilisten, der Ahndung russischer Kriegsverbrechen und dem Wiederaufbau dürfte es Bardella und dem RN leichter fallen, die Ukraine zu unterstützen, ohne ihre Wählerschaft zu verprellen. Kyjiw sollte allerdings nicht zulassen, dass sich die Zusammenarbeit allein auf humanitäre Fragen verengt. Das übergreifende Argument muss bleiben: Die Verteidigung der Ukraine ist Teil der Verteidigung Europas.
Viertens sollte sich die Ukraine auf ein stärker transaktionales Verhältnis einstellen. Ein von Bardella geführtes Frankreich dürfte die Unterstützung für Kyjiw am französischen politischen Nutzen, an der öffentlichen Meinung und am nationalen Interesse messen. Unmöglich wird Zusammenarbeit dadurch nicht. Sie verlangte jedoch eine sorgfältigere Argumentation, mehr Aufmerksamkeit für die innerfranzösischen Debatten und mehr Nachdruck darauf, warum Hilfe für die Ukraine mit dem Souveränitäts- und Autonomievokabular des RN vereinbar ist.
Die zentrale Schlussfolgerung dieser Analyse lautet: Bardellas Außenpolitik ist in erster Linie durch das Prisma der Innenpolitik zu deuten. Seine Positionen zur Ukraine, zur Europäischen Union, zu den USA und zur NATO haben sich nicht aufgrund einer kohärenten geopolitischen Doktrin gewandelt, sondern weil er den RN an die vorherrschenden Strömungen der französischen öffentlichen Meinung heranführen und zugleich die nationalistische Identität der Partei bewahren will.
Bardella ist weder ein prorussischer Radikaler alten Schlags noch ein verlässlicher proukrainischer Partner. Unter seiner Führung hat der RN die mit ukrainischen Interessen am ehesten vereinbare Position seiner Geschichte eingenommen: Er verurteilt die russische Invasion, erkennt die Souveränität der Ukraine an und benennt die russische Bedrohung. Begrenzt und an Bedingungen geknüpft bleibt diese Position gleichwohl. Bardella lehnt eine direkte militärische Beteiligung Frankreichs ab, verweigert oder umgeht die Unterstützung für weitreichende Waffen, sperrt sich gegen einen beschleunigten EU-Beitritt der Ukraine und richtet die Außenpolitik an den Präferenzen seiner Wählerschaft aus.
Seine Europapolitik folgt derselben Logik. Die Frexit-Rhetorik hat Bardella abgelegt, das souveränistische Weltbild des RN nicht. Er will die EU nicht mehr verlassen, sondern zu einem loseren Europa der Nationen umbauen. Ebenso selektiv verfährt er gegenüber den USA: Er kann Anleihen bei Trumps Wirtschaftspatriotismus nehmen und zugleich auf Distanz zu Washington gehen, sobald diese Nähe politisch unbequem wird.
Das entscheidende Risiko für die Ukraine ist keine plötzliche Hinwendung Frankreichs zu Moskau. Wahrscheinlicher ist eine Verengung der französischen Unterstützung: weniger Ambition, weniger Risikobereitschaft, härtere rote Linien und eine stärkere Abhängigkeit von der öffentlichen Meinung. Zugleich eröffnet Bardellas Bedürfnis, verantwortungsbewusst, patriotisch und widerständig gegenüber russischem Druck zu erscheinen, einen begrenzten Spielraum für Zusammenarbeit.
Die Aufgabe für die Ukraine besteht folglich darin, sich auf ein europäisches politisches Umfeld einzustellen, in dem Unterstützung für Kyjiw immer weniger aus stabiler ideologischer Überzeugung erwächst und immer mehr aus wechselnden innenpolitischen Kalkülen. In einem solchen Umfeld muss die Ukraine dafür sorgen, dass die Unterstützung ihrer Verteidigung politisch nützlich, strategisch schlüssig und öffentlich vertretbar wird, auch für Führungsfiguren, deren Instinkte nationalistisch, vorsichtig und wahltaktisch geprägt sind.
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