Vom Hilfsempfänger zum Sicherheitsgaranten: Die wachsende Rolle der Ukraine im Nahen Osten

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By Daryna Sydorenko and Vladyslava Sen
Juni 11, 2026

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Während eines Großteils des vergangenen Jahres schien die Position der Ukraine eingeschränkt. Russland hielt entlang der Frontlinie einen zermürbenden Druck aufrecht, die Aufmerksamkeit des Westens zerfaserte, und Washington drängte Kyjiw zu einer Einigung zu ungünstigen Bedingungen. Die gemeinsame US-israelische Militärkampagne gegen den Iran, die am 28. Februar 2026 unter den Operationen Epic Fury und Roaring Lion begann, veränderte diese Dynamik auf eine Weise, die keine der beiden Seiten vollständig vorausgesehen hatte.

Innerhalb weniger Wochen wurde ein Land, dem zuvor bescheinigt worden war, es habe „keine Karten in der Hand“, von Golfmonarchien, europäischen Hauptstädten und sogar vom US-Militär selbst darum gebeten, Technologien zur Drohnenabwehr bereitzustellen und seine Spezialisten in den Nahen Osten zu entsenden. Die stellvertretende ukrainische Außenministerin Marjana Beza fasste diesen Wandel treffend zusammen: „Es findet ein Übergang statt – weg von der Wahrnehmung der Ukraine ausschließlich als Empfänger von Hilfe und Konsument von Sicherheit, hin zur Wahrnehmung als Beitragender zur Sicherheit.“ Dieser Wandel ist real. Die entscheidendere Frage ist jedoch, ob die Ukraine ihn systematisch nutzen und die damit verbundenen diplomatischen Fallstricke umgehen kann.

In diesem Beitrag wird dargelegt, dass der neue Einfluss der Ukraine im Nahen Osten auf einem echten und nicht reproduzierbaren militärtechnologischen Vorteil beruht, dass jedoch die Umwandlung von Glaubwürdigkeit auf dem Schlachtfeld in dauerhafte geopolitische Handlungsfähigkeit eine strategische Disziplin erfordert, die Kyjiw in der Region nicht immer an den Tag gelegt hat.

Kontext: Was geschah im Iran

Am 28. Februar 2026 führten die Vereinigten Staaten und Israel koordinierte Angriffe gegen das iranische Atomprogramm, die Infrastruktur zur Raketenproduktion sowie die oberste militärische Führung des Landes durch, darunter auch gegen den Obersten Führer Ali Khamenei. Die Reaktion Irans umfasste Salven ballistischer Raketen gegen Israel, anhaltende Drohnenangriffe auf US-Militäreinrichtungen im gesamten Golfraum sowie die Schließung der Straße von Hormus durch die Islamischen Revolutionsgarden am 2. März.

Das Ausmaß der Ereignisse war in der jüngeren Geschichte beispiellos. Der Iran setzte Drohnen der Shahed-Serie gegen Ziele in Saudi-Arabien, Katar, Jordanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten ein – dieselben Systeme, die er seit Jahren an Russland geliefert hatte und die russischen Streitkräfte regelmäßig gegen ukrainische Städte einsetzten. Die USA und ihre Golfpartner, die hastig versuchten, ihre Stützpunkte und kritische Infrastruktur zu schützen, stellten rasch fest, dass ihre bestehende Abwehrarchitektur sowohl zu kostspielig als auch unzureichend auf massive Drohnenschwärme vorbereitet war. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth und der Vorsitzende der Vereinigten Generalstabschefs, General Dan Caine, räumten Berichten zufolge in einem nichtöffentlichen Briefing ein, dass iranische Drohnen größere Probleme verursachten als erwartet und dass die konventionellen US-Luftabwehrsysteme nicht in der Lage seien, sie alle abzufangen.

Die Kostenasymmetrie war deutlich. Die Herstellung einer einzelnen Shahed-Drohne kostet schätzungsweise zwischen 20.000 und 50.000 US-Dollar. Eine PAC-3-Patriot-Abfangrakete kostet hingegen mehr als 13,5 Millionen US-Dollar. Das enorme Volumen an Patriot-Raketen, das in den ersten Tagen der Kampfhandlungen im Golfraum verschossen wurde, überraschte BeobachterInnen – ukrainische VertreterInnen wiesen darauf hin, dass die Gesamtzahl Berichten zufolge sogar jene überstieg, die Kyjiw selbst in vier Jahren der Verteidigung gegen russische ballistische Raketen eingesetzt hatte. Die Golfstaaten begannen daher dringend nach einer Lösung zu suchen, die kostengünstiger, besser skalierbar und unter realen Einsatzbedingungen erprobt war.

Die doppelte Belastung: Risiken, die sich die Ukraine nicht ausgesucht hat

Bevor die Gewinne der Ukraine bewertet werden können, ist es notwendig, die sehr realen Kosten anzuerkennen, die der Konflikt mit dem Iran für Kyjiw mit sich gebracht hat.

Die unmittelbarste Auswirkung betraf die Aufmerksamkeit. Wie bereits während früherer Krisen im Nahen Osten wurde der Krieg gegen die Ukraine von den Titelseiten und den dringenden Agenden westlicher Staats- und Regierungschefs verdrängt. Dies ist bedeutsamer, als es auf den ersten Blick erscheinen mag: Eine anhaltende Sichtbarkeit in westlichen Hauptstädten ist entscheidend für gesetzgeberische Maßnahmen, Entscheidungen über Notfallausgaben und den politischen Willen zur Aufrechterhaltung von Sanktionen. Alle drei Faktoren wurden schwieriger umsetzbar, sobald ein bedeutender Öl-Engpass unter iranischem Beschuss stand und die Golfmonarchien Washington um Hilfe baten.

Die Energiemärkte verschärften das Problem zusätzlich. Die Schließung der Straße von Hormus ließ die Ölpreise innerhalb weniger Tage nach den ersten Angriffen deutlich steigen; Marktprognosen deuteten rasch auf Preise von 100 US-Dollar pro Barrel oder mehr hin, falls die Störung anhalten sollte. Für Russland stellte dies einen unverdienten Glücksfall dar: Der russische Staatshaushalt für 2026 war auf konservativen Ölpreisannahmen aufgebaut, und jeder nachhaltige Anstieg des Preises für Urals-Rohöl führt unmittelbar zu zusätzlichen Einnahmen in Milliardenhöhe, die zur Finanzierung des Krieges genutzt werden können. Der Energieschock bot zudem Ländern wie Ungarn und der Slowakei politischen Spielraum, sich gegen eine Verschärfung der Sanktionen auf russisches Flüssigerdgas (LNG) zu stellen. Einige Hauptstädte dafür plädierten, dass die europäische Energiesicherheit größere Flexibilität beim Bezug russischer Energielieferungen erfordere.

Die Hormus-Krise zwang die Vereinigten Staaten außerdem dazu, die Sanktionen gegen russische Ölexporte faktisch zu lockern, um zur Stabilisierung der globalen Energiemärkte beizutragen. Dies schwächte teilweise die Wirkung der anhaltenden ukrainischen Kampagne gegen die russische Ölexportinfrastruktur an der Ostseeküste, die Berichten zufolge die russische Ölverschiffungskapazität um rund 40 Prozent reduziert hatte. Die von Geheimdienstinformationen gestützten ukrainischen Angriffe auf russische Hafeninfrastruktur stellen eine der wirksamsten wirtschaftlichen Druckkampagnen des Krieges dar; der Energieschock hat diesen Vorteil jedoch zumindest vorübergehend abgeschwächt.

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Am kritischsten für das Schlachtfeld ist jedoch, dass die Iran-Kampagne US-Bestände an Präzisionsmunition (insbesondere Raketen für Patriot-Luftabwehrsysteme) erschöpft hat, welche genau den Bedarf der Ukraine entsprechen. Bis Mai 2026 berichteten europäische Verbündete von wachsender Besorgnis über das PURL-Programm (Priority Ukraine Requirements List), über das mit Mitteln der Verbündeten US-Waffen für die Ukraine beschafft werden. Einige europäische Hauptstädte zeigen sich inzwischen zurückhaltender bei weiteren Beiträgen. Ein Vertreter bemerkte, dass „das Vertrauen schwindet“, da der Iran-Konflikt Ungewissheit hinsichtlich der Lieferzeiten erzeugt. Es sei klar festgehalten, dass die PURL-Lieferungen nicht offiziell ausgesetzt wurden – doch die Verzögerungen sind real, die Lieferkette steht unter Druck, und die strukturelle Konkurrenz um die Kapazitäten der US-Rüstungsindustrie zwischen der Ukraine, dem Iran-Schauplatz und den Planungen für mögliche Krisenszenarien im Pazifik wird nicht verschwinden.

Russlands strategisches Kalkül und seine Grenzen

Russland hat versucht, aus dem Konflikt mit dem Iran einen doppelten Vorteil zu ziehen: wirtschaftlich von den gestiegenen Ölpreisen zu profitieren und die Ablenkung der Vereinigten Staaten zu nutzen, um seine militärische Position zu stabilisieren. Die russischen Streitkräfte setzten ihre Luftangriffe auf die Ukraine während der ersten Wochen der Iran-Operation ohne Unterbrechung fort und führten umfangreiche kombinierte Angriffe gegen die ukrainische Energieinfrastruktur durch. Das ist ein Signal dafür, dass Moskau keinen Anlass sah, Zurückhaltung zu üben, solange die Aufmerksamkeit des Westens anderswo gebunden war. Die verfügbare Stromerzeugungskapazität der Ukraine, die bis Januar 2026 bereits um nahezu 58 Prozent gegenüber dem Vorkriegsniveau auf etwa 14 Gigawatt gesunken war, blieb Ziel unablässiger Angriffe.

Gleichzeitig weist Russlands Position einen erheblichen strukturellen Widerspruch auf. Der Iran war Moskaus wichtigster militärisch-industrieller Partner und lieferte die Shahed-Drohnen, die zum Rückgrat der russischen Langstreckenangriffe auf die zivile Infrastruktur der Ukraine wurden. Als die Vereinigten Staaten und Israel den Iran angriffen, entschied sich Russland jedoch dafür, seine eigenen Interessen über jene seines Verbündeten zu stellen. Moskau beschränkte sich auf eine zurückhaltende diplomatische Verurteilung der Angriffe und leistete Teheran keine nennenswerte militärische Unterstützung. Diese Zurückhaltung war für Russlands Glaubwürdigkeit möglicherweise schädlicher als ein offener Konflikt mit dem Westen gewesen wäre: Sie zeigte, dass Moskaus Sicherheitszusagen bedingt und letztlich von Eigeninteressen geleitet sind.

Ein Treffen zwischen dem obersten Führer Irans, Ali Khamenei, und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin am 19. Juli 2022 in Teheran. Quelle: Getty Images

Das Versäumnis, den Iran zu schützen, verursacht Kosten, die über die bilateralen Beziehungen hinausgehen. Die OVKS (Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit) und die SOZ (Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit), Russlands wichtigste institutionelle Instrumente zur Projektion von Sicherheitseinfluss in Eurasien, erscheinen dadurch noch stärker als deklarative statt operative Bündnisse. Die Eliten Zentralasiens, die die Entwicklungen rund um den Iran aufmerksam beobachten, ziehen ihre eigenen Schlussfolgerungen hinsichtlich der Verlässlichkeit des russischen Sicherheitsschirms. Dies verstärkt den langfristigen Erosionsprozess des russischen Einflusses in der Region, der bereits mit dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien Ende 2024 begonnen hatte. Für die Ukraine eröffnet diese Entwicklung sowohl Chancen als auch Verpflichtungen: Der Raum, den Russlands schwindende regionale Glaubwürdigkeit hinterlässt, kann gefüllt werden, allerdings nur, wenn Kyjiw auf dauerhafte Beziehungen setzt und nicht ausschließlich auf transaktionale Kooperationen.

Ebenso wichtig ist die Frage, welche Vorteile Russland über die gestiegenen Öleinnahmen hinaus aus dem Konflikt gezogen hat. Nach Angaben ukrainischer Geheimdienste stellten russische Satelliten Aufklärungsbilder bedeutender US-Militärstandorte in der Golfregion, darunter Einrichtungen in Katar und Saudi-Arabien, zur Verfügung, bevor genau diese Anlagen vom Iran angegriffen wurden. Sollte sich diese opportunistische Geheimdienstzusammenarbeit mit Teheran bestätigen, würde sie die Rolle des Kremls als destabilisierender Akteur in der Region weiter festigen und den Iran-Konflikt ausdrücklich als eine weitere Front im umfassenderen russisch-ukrainischen Konflikt erscheinen lassen. In einem Meinungsbeitrag von CFR wurde die Situation unverblümt als Stellvertreterkrieg beschrieben, in dem die Ukraine Golfstaaten bewaffnet und berät, während Russland den Iran unterstützt. Diese Sichtweise findet in Washington Anklang, erfordert aber auch, dass die Ukraine ihr Image sorgfältig pflegt: Als aktive Konfliktpartei in einem breiteren regionalen Krieg wahrgenommen zu werden, könnte die diplomatische Position Kyjiws gegenüber Staaten erschweren, die eine Verstrickung in regionale Konflikte vermeiden möchten.

Der komparative Vorteil der Ukraine: Was niemand sonst besitzt

Das aktuelle Angebot der Ukraine an den Nahen Osten beruht jedoch nicht lediglich auf diplomatischem Wohlwollen. Es stellt einen echten und, entscheidend, nicht reproduzierbaren militärisch-technologischen Vorteil dar. Europäische Partner können Drohnenhardware erwerben. Sie können ukrainische Systeme auf ihren eigenen Testgeländen erproben. Sie können Produktionslinien finanzieren. Was jedoch kein Partner kurzfristig nachbilden kann, ist die operative Erfahrung, die in der militärischen Kultur der Ukraine verankert ist, das Echtzeit-Datenökosystem, das ukrainische Softwarelösungen speist, oder die

Innovationsgeschwindigkeit, die durch vier Jahre hochintensiven Krieges entstanden ist.
Dieser nicht reproduzierbare Mehrwert zeigt sich in konkreten Fähigkeiten. Ukrainische Abfangdrohnen, von denen einige bereits für lediglich 1.000 bis 2.000 US-Dollar pro Einheit hergestellt werden können, sind speziell entwickelte Produkte, die im Rahmen kontinuierlicher Anpassungen am Einsatzort entstanden sind. Sie werden von Ingenieurteams gebaut, die in Echtzeit Rückmeldungen aus dem Kampfeinsatz erhalten und die Konstruktionen innerhalb weniger Tage aktualisieren. Die Gefechtsführungsplattform Delta, die Drohnendaten, akustische Sensoren, Satellitenaufklärung und von Soldaten gemeldete Informationen zu einem gemeinsamen Lagebild zusammenführt, wurde vom US-Heeresminister Daniel Driscoll als „absolut beeindruckend“ und den vergleichbaren US-Systemen überlegen beschrieben. Das saudi-arabische Unternehmen Saudi Aramco, der weltweit größte Ölkonzern, nahm Verhandlungen über den Erwerb ukrainischer Abfangdrohnen auf, um seine Ölfelder zu schützen – nicht weil die Ukraine der günstigste Anbieter wäre, sondern weil sie der einzige Anbieter mit nachgewiesener operativer Wirksamkeit gegen genau jene Bedrohung ist, der diese Anlagen ausgesetzt sind.

Russland hat Tausende von im Iran entwickelten Shahed-Drohnen auf Städte in der ganzen Ukraine abgefeuert. Quelle: BBC

Die ukrainischen Streitkräfte erreichen derzeit eine Abfangquote von 97 Prozent gegen Shahed-Drohnen – dieselben Systeme, die inzwischen die Infrastruktur der Golfstaaten bedrohen. Dieses Ergebnis wurde durch einen systematischen, mehrschichtigen Ansatz erzielt, der elektronische Kampfführung zur Störung von Signalen, akustische Erkennungsnetzwerke, mobile Feuerteams und Abfangdrohnen zu einem koordinierten Gesamtsystem verbindet. Dieses System lässt sich besser als Doktrin denn als Produkt verstehen – eine Doktrin, die aus praktischer Erfahrung entstanden ist und weder heruntergeladen noch lizenziert werden kann. Als der Berater von Präsident Selenskyj, Oleksandr Kamyschin, bemerkte, er sei „überrascht, dass jemand einen Angriff auf den Iran begonnen hat, ohne zuvor eine Lösung gegen Shaheds für sich selbst oder seine Verbündeten zu haben“, war dies weniger als Provokation denn als strategische Einsicht zu verstehen. Die Ukraine war das einzige Land, das dieses spezifische Problem in großem Maßstab, unter realen Kampfbedingungen und gegen einen Gegner mit sich ständig wandelnden Taktiken gelöst hatte.

Ebenso wichtig ist das Tempo der ukrainischen militärischen Innovation. Der Feedback-Austausch zwischen Front und Entwicklungsabteilung funktioniert innerhalb von Wochen, teilweise sogar innerhalb weniger Tage. Russische Streitkräfte haben ihre Shahed-Flotte seit 2022 erheblich weiterentwickelt: größere, schnellere und strahlgetriebene Typen treten inzwischen regelmäßig neben den ursprünglichen turbopropgetriebenen Modellen auf. Die ukrainischen Gegenmaßnahmen wurden parallel dazu angepasst. Genau dieser Zyklus kontinuierlicher Anpassung unter Kriegsbedingungen ist etwas, das die Golfstaaten von westlichen Rüstungskonzernen nicht erhalten können, deren Entwicklungs- und Beschaffungsprozesse üblicherweise Jahre dauern. Ein Staat kann eine ukrainische Abfangdrohne kaufen; er kann jedoch nicht das institutionelle Wissen jener Einheit erwerben, die sie als Reaktion auf die russischen Modifikationen des vergangenen Monats entwickelt hat.

Die weiterreichende Bedeutung geht über jede einzelne Plattform hinaus. Die Ukraine hat praktisch Pionierarbeit für das geleistet, was Andrij Sahorodnjuk von Carnegie als „affordable precise mass“ bezeichnet — ein Modell, bei dem Präzision in großem Maßstab nicht mehr ausschließlich teuren staatlichen Rüstungsprogrammen vorbehalten ist. Drohneneinheiten in der Ukraine sind heute für mehr als 80 Prozent der russischen Verluste auf dem Gefechtsfeld verantwortlich, obwohl sie lediglich etwa 20 Prozent des Personals ausmachen. Das doktrinäre und industrielle Modell hinter diesem Verhältnis ist letztlich das, wozu die Golfstaaten Zugang erwerben, auch wenn sie dies nicht immer ausdrücklich so formulieren.

Bis März 2026 waren rund 200 ukrainische Spezialisten im Nahen Osten im Einsatz. Sie arbeiteten mit Saudi-Arabien, Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Jordanien, Kuwait sowie US-Streitkräften zusammen, um die Luftabwehr gegen iranische Drohnenangriffe zu verbessern. Am 27. März unterzeichnete die Ukraine ein Verteidigungskooperationsabkommen mit Saudi-Arabien, gefolgt von einer zehnjährigen Verteidigungs- und Technologiepartnerschaft mit Katar am 28. März. Diese Vereinbarungen umfassen nicht nur den Verkauf von Ausrüstung, sondern auch gemeinsame Produktionsstätten, die Ausbildung von Personal, Wissenstransfer sowie einen gemeinsamen Rahmen für langfristige technologische Entwicklung. Darüber hinaus nahmen die Vereinigten Staaten und die Golfstaaten Verhandlungen über den Erwerb ukrainischer akustischer Erkennungssysteme auf, die zur Identifizierung anfliegender Drohnen dienen – eine Technologie, die die Ukraine aus operativer Notwendigkeit heraus entwickelt und durch Tausende tatsächlicher Abfangeinsätze kontinuierlich verbessert hat.

Die Achse Ukraine–Naher Osten: Chancen und gesammelte Erfahrungen

Die politische Architektur des ukrainischen Engagements im Nahen Osten ist erheblich komplexer als eine bloße Technologiepartnerschaft. Um zu verstehen, warum, lohnt sich ein Blick darauf, wie die Ukraine ihre regionale Positionierung während der Gaza-Krise 2023–2024 gestaltet und teilweise auch fehl gestaltet hat. Die Lehren aus dieser Phase sind für die aktuelle Situation unmittelbar relevant.

Als die Hamas im Oktober 2023 Israel angriff, reagierte die Ukraine mit sofortiger und uneingeschränkter Unterstützung für Israel. Diese Haltung beruhte auf einer Mischung aus echter Solidarität, innenpolitischen Stimmungen (Umfragen zeigten damals, dass fast 70 Prozent der Ukrainer mit Israel sympathisierten) sowie der strategischen Überlegung, dass eine enge Positionierung an der Seite Israels einen Teil der beispiellosen westlichen Unterstützung mobilisieren könnte, die nach dem Hamas-Angriff einsetzte. Präsident Selenskyj zog ausdrücklich Parallelen zwischen dem Hamas-Angriff und den Ereignissen in Butscha und versuchte, die Ukraine und Israel als zwei Demokratien darzustellen, die gegen dieselbe Achse autoritärer Gewalt kämpfen.

Diese Kalkulation erwies sich jedoch als Fehleinschätzung. Arabische Staaten, die sich der Ukraine im Verlauf des Jahres 2023 zunehmend angenähert hatten – der saudische Außenminister hatte Kyjiw im Februar besucht, und Selenskyj sprach im Mai auf dem Gipfel der Arabischen Liga in Dschidda, gingen deutlich auf Distanz. Vertreter Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Katars und Bahrains nahmen Ende Oktober 2023 nicht am dritten Treffen zur ukrainischen Friedensformel auf Malta teil. Die einseitige Positionierung der Ukraine fügte sich in ein Narrativ ein, das von russischer Propaganda aktiv verstärkt wurde: Der Westen sei zutiefst besorgt über ukrainische Zivilisten, zeige jedoch Gleichgültigkeit gegenüber palästinensischen Opfern. Im Globalen Süden, wo die palästinensische Frage für viele Staaten und Gesellschaften eine wichtige identitätsstiftende Bedeutung besitzt, schwächte diese Wahrnehmung die Position der Ukraine erheblich.

Die Episode machte eine strukturelle Spannung in der Nahostpolitik der Ukraine sichtbar, die bis heute fortbesteht. Katar ist zugleich der strategisch wichtigste arabische Partner der Ukraine, der regelmäßig bei Gefangenenaustauschen vermittelt, die Rückführung deportierter ukrainischer Kinder unterstützt und gilt als potenzielle Alternative zu russischem Flüssigerdgas für Europa gilt. Zudem ist es ein Staat, dessen Außenpolitik auch die Unterstützung islamistischer Bewegungen umfasst, die Israel als Gegner betrachtet. Kyjiw passte seine Position schließlich an, betonte die Einhaltung des humanitären Völkerrechts durch alle Konfliktparteien und bekräftigte die Anerkennung sowohl des israelischen als auch des palästinensischen Volkes. Der entstandene Schaden war jedoch real, und die grundlegende Spannung zwischen der Pflege arabischer Partnerschaften und der Vermeidung einer Entfremdung Israels bleibt ungelöst.
2026 besteht diese Spannung weiterhin und ist möglicherweise sogar komplexer geworden.

Bemerkenswert ist, dass Selenskyjs Nahostreise im März Jerusalem nicht einschloss. Seine Abwesenheit in Israel löste Diskussionen in israelischen außenpolitischen Kreisen aus. Einige Analysten argumentierten, Israel habe frühere Chancen zur Vertiefung der Zusammenarbeit mit der Ukraine verpasst und zahle nun den Preis für Jahre bewusst gewahrter Neutralität. Israel hat der Ukraine bislang keine tödlichen Waffensysteme geliefert. Als Begründung werden unter anderem Befürchtungen genannt, israelische Technologien könnten in die Hände Irans oder Syriens gelangen. Diese Sorge hat nicht nachgelassen; im Gegenteil: Die vertiefte militärische Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Iran hat sie weiter verstärkt.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj traf sich mit dem Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed bin Zayed Al Nahyan. Quelle: Präsidialamt

Israels komplexes Verhältnis zu Russland bleibt daher ein erschwerender Faktor. Trotz der aktiven russischen Unterstützung Irans während des Konflikts wurden die israelisch-russischen Kommunikationskanäle nicht offiziell abgebrochen. Moskau verfügt weiterhin über Einflussmöglichkeiten in Bezug auf israelische Sicherheitsinteressen in Syrien, und Jerusalem bewertet seine Beziehungen zum Kreml nach wie vor primär unter dem Gesichtspunkt regionaler Sicherheitsinteressen und weniger anhand ideologischer Kriterien. Die Ukraine muss dieser Dynamik Rechnung tragen, anstatt davon auszugehen, dass der Iran-Konflikt Israel automatisch zu einem verlässlichen Partner gemacht hat.

Gleichzeitig ergeben sich aus der gegenwärtigen Konstellation Chancen, die vor zwei Jahren noch nicht existierten. Der Konflikt mit dem Iran hat die Bedrohungswahrnehmung der Golfstaaten grundlegend verändert und ihre Interessen deutlich näher an jene der Ukraine herangeführt. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar erleben die Bedrohung durch Drohnen inzwischen unmittelbar und konkret, was ihre Beziehung zu ukrainischem Fachwissen von akademischem Interesse zu einer operativen Notwendigkeit macht. Das ukrainische Angebot akustischer Erkennungssysteme, Abfangdrohnen und elektronischer Kampfführung stellt eine Antwort auf eine gemeinsame Bedrohung durch gemeinsame Gegner dar. Dies bildet eine wesentlich tragfähigere Grundlage für Partnerschaften als die humanitäre Solidaritätsrhetorik der Jahre 2022–2023.

Die Ukraine hat darüber hinaus die Idee ins Spiel gebracht, technische Unterstützung für die Golfstaaten an deren Bereitschaft zu knüpfen, ihren Einfluss auf Russland zugunsten eines Waffenstillstandsprozesses geltend zu machen. Dies ist eine kreative Nutzung neu gewonnener Einflussmöglichkeiten und Ausdruck einer deutlich ausgereifteren Regionalstrategie Kyjiws als noch vor anderthalb Jahren. Gleichzeitig birgt dieser Ansatz Risiken. Die Verknüpfung Sicherheitszusammenarbeit mit diplomatischen Gegenleistungen könnte den Eindruck erwecken, die Ukraine instrumentalisiere ihre Partner, anstatt echte Bündnisse aufzubauen. Zudem verfügen die Golfstaaten über eigene, komplexe Beziehungen zu Russland, die sie kaum bereit sein werden, allein zugunsten der Ukraine aufzugeben.

Schlussfolgerungen

Der Aufstieg der Ukraine zu einem Sicherheitsgaranten im Nahen Osten ist real, bedeutend und basiert auf einem tatsächlichen komparativen Vorteil, nicht lediglich auf geschickter Diplomatie. Der Iran-Konflikt hat eine Kluft zwischen den Kosten moderner Drohnensysteme und der Bezahlbarkeit konventioneller Abfangsysteme offenbart, an deren Überwindung die Ukraine vier Jahre lang gearbeitet hatte. Die Nachfrage nach dieser Lösung ist inzwischen global.

Doch militärische Fähigkeiten, so hoch entwickelt sie auch sein mögen, führen nicht automatisch zu nachhaltiger geopolitischer Handlungsfähigkeit. Die ukrainische Führung hat bei der Reaktion auf die Iran-Krise taktische Flexibilität bewiesen. Die längerfristige Bewährungsprobe besteht darin, ob Kyjiw dies zu einer schlüssigen Strategie ausbauen kann: Dazu gehören die Institutionalisierung der Partnerschaften mit den Golfstaaten durch dauerhafte Ausbildungsprogramme und gemeinsame Entwicklungsprojekte, die Nutzung des neuen Einflusses zur Sicherung konkreter Gegenleistungen, insbesondere bei der Versorgung mit Patriot-Abfangraketen, sowie der Aufbau diplomatischer Strukturen zur Steuerung des komplexen Dreiecksverhältnisses zwischen den Golfstaaten, Israel und den europäischen Partnern der Ukraine.

Die entstehenden Sicherheitskooperationen am Golf sollten nicht als eigenständige Regionalpolitik verstanden werden, sondern als Bestandteil des umfassenderen ukrainischen Bestrebens, sich als unverzichtbarer Akteur der globalen Sicherheitsarchitektur zu etablieren. Die militärische Stärke wird auch weiterhin das internationale Ansehen der Ukraine sichern.

Gleichzeitig bleibt ein Friedensprozess in weiter Ferne. Russland, gestützt durch Öleinnahmen und ermutigt durch die Ablenkung der USA, hat keinen strukturellen Anreiz, ernsthaft zu verhandeln, und die Verluste der ukrainischen Fronttruppen, wenn auch geringer als die russischen, häufen sich weiter an. Ob die neu gewonnene Einflussposition der Ukraine im Nahen Osten in Sicherheitsgarantien und dauerhafte Partnerschaften umgewandelt werden kann oder lediglich eine Reihe beeindruckender, aber letztlich episodischer Momente bleibt, hängt davon ab, ob Kyjiw der Region mit jener strategischen Geduld und diplomatischen Feinabstimmung begegnet, die die gegenwärtige Situation erfordert.

Die Karten sind real. Die entscheidende Frage lautet, ob sie mit der Disziplin eines langfristigen Partners oder mit der Dringlichkeit eines Staates ausgespielt werden, der weiterhin um sein Überleben kämpft. Im Nahen Osten führen diese beiden Herangehensweisen zu grundlegend unterschiedlichen Ergebnissen.


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