Kernenergie: eine Kleinigkeit für Russland und eine Katastrophe für die Welt

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22. September 2022

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Das größte europäische Kraftwerk ist besetzt. Wohin wird der anhaltende Beschuss der mächtigen Nuklearanlage durch russische Truppen führen? Russland spielt mit scharfen Werkzeugen und versteht nicht, dass nukleares Potenzial weder Spielzeug noch Tand ist. Wenn ein Geschoss diese verwundbare Stelle trifft, betrifft das nicht nur die Ukraine, sondern auch die EU, NATO-Mitglieder und letztlich Russland selbst. Dennoch setzt Putin weiterhin Energie als Waffe ein, zunächst durch Gasmanipulationen und jetzt durch nukleare Erpressung.

Mit der Einnahme von Kernkraftwerken verfolgt der Aggressor mehrere Ziele zugleich.

1. Schutzschild für die eigenen Truppen

An der Anlage schafft Russland einen zuverlässigen Schutz für seine Truppen, denn nur wenige würden riskieren, in der Nähe eines Kernkraftwerks zu schießen. Gleichzeitig wagen die Russen dies häufig, um die Schuld auf die ukrainische Seite zu schieben und sie als unkontrolliert und unzuverlässig darzustellen. Die Ukraine hat keinen Vorteil davon, das AKW Saporischschja zu beschießen, da es von großer Bedeutung für das gesamte ukrainische Energiesystem ist.

2. Rohstoff für eine Waffe

Russland hat nun Zugang zu in Reaktoren geladenem Kernbrennstoff, der potenziell zum Rohstoff für die Herstellung von Kernwaffen werden kann. Nach Angaben der ukrainischen Nationalen Kernenergieerzeugungsgesellschaft „Energoatom“ befinden sich mehr als 22.000 abgebrannte Brennelemente in den Lagern für abgebrannten Kernbrennstoff. Eine so große Menge Plutonium-239 kann zu einer Atombombe verarbeitet werden, und die humanitären und ökologischen Folgen einer solchen Katastrophe kennen keine Grenzen – weder für NATO- noch für EU-Staaten.

3. Erpressung

Die Russische Föderation versucht, Europa und die Welt mit der Möglichkeit eines Unfalls an einem derart großen Objekt mit Strahlenrisiko zu erpressen. Im schlimmsten Fall, wenn das AKW Saporischschja gesprengt wird, sind die Ukraine, Europa und Russland selbst betroffen.

Die höchsten Konzentrationen radioaktiver Aerosole werden in der Nahzone in einem Radius von 50-100 km in allen Richtungen von der Emissionsquelle zu beobachten sein. Erhebliche Konzentrationen von Radionukliden könnten Kyjiw und Donbaserreichen. Bei einem Unfall im AKW Saporischschja könnte die radioaktive Wolke neben der Ukraine auch Polen, Belarus, die baltischen Staatensowie die Grenzregionen von Russland – Belgorod, Rostow, Kursk – sowie die von Russland annektierte Krim betreffen. Das hängt vom Wind und vom Glück ab. Im Falle eines Unfalls wäre das nächstgelegene Gebiet für Menschen unbewohnbar. Die Gesundheit der Bevölkerung wäre betroffen, und lange Zeit könnte niemand in diesem Gebiet leben.

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Wollen wir uns auf die Gnade des Schicksals verlassen? Oder bemühen wir uns lieber, unser Schicksal selbst zu gestalten? Mangelnde russische Umsicht könnte viele Menschenleben kosten.

Erpressung ist eine Situation, in der alle verlieren. Manipulation ist nur erfolgreich, wenn der Gegner so eingeschüchtert ist, dass er bereit ist, jede Bedingung zu akzeptieren. Andernfalls ist Erpressung zum Scheitern verurteilt und hat für den Erpresser noch mehr negative Folgen.

Beim Versuch, die Ukraine zur Rückkehr an den Verhandlungstisch zu zwingen und das AKW Saporischschja als Druckmittel einzusetzen, machte die russische Führung einen weiteren Fehler bei der Einschätzung der festen Entschlossenheit der Ukrainerinnen und Ukrainer, sich dem schriftlich festgelegten Szenario des Kremls zu widersetzen. Es ist jetzt offensichtlich, dass Russland sich durch die offizielle Verkündung der Drohung in eine Lage gebracht hat, in der es entweder zurückweichen und damit zeigen muss, dass seine Drohung eine leere Floskel ist, oder die Drohung wahrmachen muss. Im letzteren Fall führt dies zu Chaos, in dem für den Erpresser kein praktischer Nutzen entsteht. Es ist unwahrscheinlich, dass das Endziel des Krieges die Verwandlung der Ukraine in eine radioaktive Wüste ist, denn dann wäre das russische Narrativ vom Schutz der russischsprachigen Bevölkerung und der Kinder des Donbas irrelevant.

Deshalb ist die Sprengung eines Kernkraftwerks oder die Erpressung mit einer solchen Sprengung völlig leichtsinnig, taktisch jedoch als Ergänzung der bestehenden Strategie nützlich.

4. Kontrolle über das ukrainische Energiesystem

60 % des ukrainischen Stroms werden in Kernkraftwerken erzeugt, und die Besetzung des AKW Saporischschja durch Russland schwächt das ukrainische Energiesystem. Die Russen könnten auch das Szenario erwägen, das Kraftwerk abzukoppeln vom ukrainischen Stromnetz und den Diebstahl ukrainischen Stroms*

5. Sabotageakte, Panik und Massenmigration

An der Anlage verübt Russland verschiedene Sabotageakte und erzeugt Panik und Massenmigration der Bevölkerung. Während des Besuchs der IAEA-Mission im AKW Saporischschja überzeugten die Russen die Missionsvertreter davon, dass sich in der Anlage nicht russische Kampfverbände, sondern Truppen für radiologischen, chemischen und biologischen Schutz befänden. Die Besatzer gaben zudem heuchlerisch der ukrainischen Seite die Schuld am Beschuss. „Es war ein Zirkus“, kommentiert ein Mitarbeiter des AKW Saporischschja.

Russisches Militärgelände und seine Folgen

Tatsächlich wurde das AKW Saporischschja in jüngster Zeit zu einem russischen Militärgelände, was für ein Unternehmen mit nuklearem Potenzial inakzeptabel ist. Die Wechselwirkung von Sprengstoffen mit radioaktivem Brennstoff ist ein direkter Weg in eine globale Katastrophe.

Das Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation beim Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat der Ukraine berichtet: „Die Russen richteten auf dem Gelände des AKW Saporischschja ein Lager für Munition und Militärausrüstung ein und beschießen die Anlage weiterhin … Am 5. August beschädigten russische Invasoren eine Hochspannungsleitung, Kommunikationskabel sowie Dach, Fenster und Wände des Lagers. Am 11. August wurde ein Treffer in der Nähe der Schweißstation und des Lagers für Strahlenquellen registriert; die Stickstoff-Sauerstoff-Station und die integrierte Reserveeinheit wurden erheblich beschädigt.“

Am Morgen des 1. September schaltete der Notfallschutz des AKW Saporischschja wegen russischen Mörserbeschusses Block Nr. 5 ab. Der Block wurde vom Netz getrennt, und die Anlage verlor innerhalb der vergangenen 10 Tage zum zweiten Mal die Stromversorgung. Obwohl Block Nr. 5 am 2. September wieder an die Stromversorgung angeschlossen wurde, zögerten die Besatzer nicht, den Beschuss erneut aufzunehmen. Auf diese Weise versucht die russische Armee, die Ukraine zur Kapitulation zu zwingen – im Austausch für den Erhalt der Anlage, von der die ukrainische Energiesicherheit abhängt.

„Die russische militärische und politische Führung scheut sich nicht, der Welt zu zeigen, dass sie nuklearen Terrorismus und Militärausrüstung stationiert auf dem Gelände eines in Betrieb befindlichen Kernkraftwerks“, sagte der ukrainische Ombudsmann Dmytro Lubinets. „Die Besatzer halten Mitarbeiter des AKW Saporischschja fest, foltern und töten sie. Dies ist nicht nur ein Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung, sondern auch ein Verstoß gegen die Grundsätze der nuklearen Sicherheit, zu denen die Gewährleistung der Sicherheit des für die Anlage verantwortlichen Teams gehört.“

Darüber hinaus kann der Unfall im AKW Saporischschja durch russische Fahrlässigkeitverursacht werden. Die Besatzer wissen nicht, wie ein solches Unternehmen betrieben wird, während die Behandlung des ukrainischen Personals kaum als erträglich bezeichnet werden kann. Die leichtfertigen Handlungen Russlands können zu Stromausfällen in den südlichen Regionen der Ukraine und zu Energiemangel für deren Einwohner führen.

Internationale Reaktion

Gleichzeitig führen die russischen Drohungen nur zu einer internationalen Mobilisierung der Anstrengungen gegen den nuklearen Terrorismus. Weltweit bildet sich eine antirussische Koalition aus mindestens 42 Ländern. Die IAEA-Beobachtungsmission im AKW Saporischschja bestätigte, dass Beschuss lebenswichtige Ausrüstung beschädigen und zu einer unbegrenzten Freisetzung radioaktiver Stoffeführen kann. Außerdem heißt es, alle Parteien müssten sich auf die Einrichtung einer Schutzzone um das Kernkraftwerk einigen, um Schäden zu vermeiden. Aber ist eine Einigung mit Russland möglich, das das Gebiet selbst während des Besuchs der IAEA beschoss? Das lässt sich schwer beantworten.

Leider ist es der IAEA-Mission nicht gelungen , einen wirksamen und praktischen Mechanismus zur Lösung der Situation einzuführen. Die IAEA konnte auch die Vereinbarung nicht erfüllen, ihr Bestes zu tun, damit unabhängige Medien Zugang zur Anlage erhalten. Die Medienvertreter wurden von russischem Militär an einem Kontrollpunkt gestoppt und durften nicht weitergehen.

Tatsächlich schrieb der Kreml ein neues Kapitel in der Geschichte des Terrorismus und drohte der Welt offen mit einer nuklearen Katastrophe. Schließlich verwandelten die russischen Besatzer erstmals in der Geschichte eine zivile Nuklearanlage in ein militärisches Ziel und einen Ort zur Stationierung ihrer Armee. Russland erkennt, dass es ohne nukleare Erpressung keinen nennenswerten Erfolg im Krieg gegen die Ukraine erzielen kann.

Was geschieht als Nächstes? Entweder entwickelt die internationale Gemeinschaft einen klaren Mechanismus, um das schlimmste Szenario abzuwenden, oder dieses Szenario wird Realität. Und diese Realität kann schon in der nächsten Minute eintreten. Russland trägt die Schuld, aber auch Untätigkeit darf nicht toleriert werden. Wir müssen darüber nachdenken, ob wir eine weitere Nuklearkatastrophe auf den Seiten eines Geschichtsbuchs wollen. Wenn nicht, müssen wir handeln. Jetzt. Gedanken wie „Das geht mich nichts an“ sind inakzeptabel, denn es steht so viel auf dem Spiel: Gebiet, das unfruchtbar wird, Getreide, das nicht mehr exportiert wird, Menschen, die Not erleiden, und die globale Krise, die sich nur noch verschärfen wird.

Es liegt an uns. Zu handeln. Jetzt handeln.

* Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags wurde infolge eines durch Beschuss verursachten Brandes die letzte Leitung abgeschaltet, die die Anlage mit dem Energiesystem der Ukraine verband. Der sechste Block wurde entlastet und vom Netz getrennt.