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Am 7. Juni 2026 wählte Armenien ein neues Parlament. Auf dem Spiel stand dabei die geopolitische Ausrichtung des Landes: Sollte es unter dem Einfluss Moskaus verbleiben oder seinen Annäherungskurs an die Europäische Union fest verankern? Die Partei „Zivilvertrag“ des amtierenden Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan errang einen überzeugenden Sieg und erhielt rund 49,7–50 % der Stimmen; das prorussische Bündnis „Starkes Armenien“, angeführt von der Familie des Oligarchen Samwel Karapetjan, kam auf etwa 23,3 %.
Im knappen Jahr vor der Wahl wurde Armenien zu einem Versuchsfeld, auf dem Russland in Echtzeit nahezu sein gesamtes Einflussarsenal gegen einen postsowjetischen Staat erprobte, der sich der russischen Kontrolle zu entziehen sucht: eine koordinierte Desinformationskampagne, Druck über religiöse Institutionen, die Finanzierung der Opposition über einen kremlnahen Oligarchen, Gewaltandrohungen und unverhohlene territoriale Analogien zur Ukraine. Für die Ukraine, Moldau und Georgien – Staaten, die in der von Moskau proklamierten Zone „historischer Interessen“ liegen – sind die armenischen Erfahrungen der Jahre 2025–2026 geradezu ein fertiges Handbuch. Sie zeigen, zu welchen Hebeln der Kreml greift, wenn er die Kontrolle über einen Verbündeten verliert, und warum selbst das Scheitern eines solchen Versuchs nicht bedeutet, dass die Bedrohung verschwunden ist.
Samwel Karapetjan ist eine politische Figur mit engen Verbindungen nach Russland; kremlnahe Netzwerke betrachteten sein politisches Projekt als wichtiges Mittel, um Paschinjans prowestlichen Kurs herauszufordern. Das Problem war dabei nicht nur politischer, sondern auch rechtlicher Natur: Karapetjan räumte in einer Gerichtsverhandlung in Jerewan öffentlich ein, neben der armenischen Staatsbürgerschaft auch einen russischen und einen zyprischen Pass zu besitzen; erst nach seiner Nominierung für das Amt des Ministerpräsidenten begann er, diese aufzugeben. Damit stellte sich die Frage nach seiner Wählbarkeit, denn die armenische Verfassung verlangt, dass ein Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten in den vorangegangenen vier Jahren ausschließlich armenischer Staatsbürger und ständig in Armenien ansässig war.
Karapetjans Geschäftsimperium, die Tashir Group, trägt zwar den Namen seiner armenischen Heimatstadt, wurde aber vor allem in Russland aufgebaut und vergrößert. Dort gehören dem Konzern die Einkaufszentrenkette Rio und die Fora-Bank; Karapetjan selbst stieg vom Direktor eines armenischen Werks zu einem der größten Entwickler in Russland wie in Armenien auf – mit Einfluss in den höchsten Kreisen beider Länder.

Besonders aufschlussreich sind seine institutionellen Verbindungen. Laut The Moscow Times ist der Milliardär Mitglied des Lasarewskij-Klubs um den russischen Senator Konstantin Satulin. Der Klub präsentiert sich als internationale öffentliche Plattform zur Entwicklung und Stärkung der russisch-armenischen Beziehungen; sein erklärtes Ziel ist es, die bilaterale Zusammenarbeit zu erörtern und kulturelle, humanitäre und fachliche Verbindungen durch Treffen, Rundtischgespräche und Expertendiskussionen mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Politikanalysten, Diplomaten und Journalisten aus beiden Ländern zu festigen. In der Praxis können Plattformen dieser Art Moskau jedoch als Soft-Power-Infrastruktur dienen: Sie bündeln russlandorientierte Eliten und Diaspora-Netzwerke, verleihen kremlnahen Narrativen eine seriöse „Experten“-Fassade und tragen dazu bei, die außenpolitischen Weichenstellungen Armeniens in Kategorien zu fassen, die Russland zugutekommen. Derselben Quelle zufolge führten Satulin und Senator Kosatschew im Vorfeld der Wahl 2026 die Propagandakampagne gegen Paschinjan an.
Darüber hinaus behauptete das unabhängige Medium The Insider in einer Recherche, der Kreml habe das von Karapetjan gegründete Bündnis „Starkes Armenien“ als eines der wichtigsten Instrumente gegen Paschinjan betrachtet, der nach dem Krieg um Bergkarabach einen Kurs der Annäherung an die Europäische Union und die Vereinigten Staaten eingeschlagen hatte. Einem weiteren Artikel desselben Mediums zufolge konzentrierte der Kreml nach dem Scheitern prorussischer Kampagnen in Moldau und Ungarn erhebliche Aufmerksamkeit und Ressourcen auf die armenische Wahl – in der Hoffnung, einen Sieg der Partei „Zivilvertrag“ zu verhindern. Bezeichnend ist zudem: Bei Paschinjans Besuch in Moskau im Frühjahr 2026 kam es derselben Quelle zufolge zu einem öffentlichen Disput mit Putin, in dem dieser darauf bestand, dass prorussische Kräfte zur Wahl zugelassen werden sollten, ohne Karapetjan namentlich zu nennen, aber unverkennbar auf ihn bezogen.
Samwels Neffe Narek Karapetjan führte die Liste von „Starkes Armenien“ für den Ältestenrat von Jerewan an; zugleich leiteten armenische Ermittler ein Verfahren gegen ihn ein, weil er bei seiner Registrierung als Kandidat seine russische Staatsbürgerschaft verschwiegen habe. Er ist Vorsitzender des Verwaltungsrats der Electric Networks of Armenia CJSC, die seit 2017 zu 70 % der Tashir Capital gehört, einem Teil der Unternehmensstrukturen Samwel Karapetjans. Mit anderen Worten: Die zentrale Energieinfrastruktur des Landes wird von derselben Unternehmerfamilie kontrolliert, die das prorussische politische Projekt finanziert.
Prorussische Akteure versuchten, eine politische Kehrtwende für die Wählerschaft akzeptabel zu machen, indem sie russische Interessen in die Sprache der nationalen Sicherheit, der Tradition und der Revanche für frühere Verluste kleideten.
Karapetjans offizielle Wahlkampfbotschaft ruhte auf drei Säulen: einer starken Armee, kluger Diplomatie und wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Auf den ersten Blick sind dies gängige Wahlkampfthemen für ein Land, das Krieg, Gebietsverluste und tiefe Verunsicherung erlebt hat. Im armenischen Kontext 2026 erfüllten sie jedoch eine spezifischere politische Funktion: Sie stellten Paschinjans friedensorientierten Kurs infrage und legten nahe, die Hinwendung Armeniens zum Westen habe Schwäche statt Sicherheit hervorgebracht.
Die Parole „Frieden durch Stärke“ zielte direkt gegen Paschinjans Nachkriegsnarrativ. Frieden, so Karapetjan, werde nicht erbettelt, sondern durch Stärke bewahrt; denn Krieg komme dorthin, wo keine Stärke sei, und eine schwache Armee provoziere den Feind. Diese Deutung erlaubte es der Kampagne, die Regierung nicht bloß als erfolglos, sondern als gefährlich darzustellen – als eine Führung, deren Streben nach Frieden Armenien angeblich weiteren Demütigungen durch Aserbaidschan und die Türkei aussetzte.
Diese Botschaft deckte sich weitgehend mit Russlands Interesse, vom Westen unterstützte Friedensformate zu diskreditieren. Ließen sich Armeniens Verhandlungen mit Aserbaidschan unter westlicher oder US-amerikanischer Vermittlung als Kapitulation darstellen, könnte sich Moskau wieder als unverzichtbarer Sicherheitsakteur ins Spiel bringen. Dieser Logik zufolge lag das Problem nicht darin, dass Russland Armenien 2020–2023 nicht geschützt hatte, sondern darin, dass Paschinjan den russischen Sicherheitsrahmen vermeintlich aufgegeben hatte.
Narek Karapetjan, das öffentliche Gesicht der Kampagne, machte diese Logik noch deutlicher, als er die Auffassung vertrat, ein künftiges Friedensabkommen solle von mehreren Regionalmächten statt von einem einzigen Sicherheitsgaranten abgesichert werden. Formal klang dies nach einem Plädoyer für Ausgewogenheit. Politisch implizierte es jedoch, dass Russland neben den USA oder der EU Teil der Verhandlungsarchitektur bleiben sollte, statt aus dem Prozess gedrängt zu werden. Dies entsprach unmittelbar Moskaus Interesse, zu verhindern, dass der Südkaukasus zu einem Raum wird, in dem westliche Akteure Sicherheitsarrangements ohne Russland vermitteln können.
Zudem nutzte die Kampagne Sjunik und den Bezirk Meghri als emotionale und strategische Reizpunkte. Sorgen um Transportrouten, eine angebliche Ansiedlung von AserbaidschanerInnen in der Region und Aserbaidschans Einfluss über den südlichen Korridor Armeniens wurden nicht nur als politische Sachfragen, sondern als existenzielle Bedrohungen der armenischen Staatlichkeit dargestellt.
Dies war von Bedeutung, weil Sjunik Armeniens einzige Landverbindung zum Iran ist und zugleich das Gebiet, das das aserbaidschanische Kernland von der Region Nachitschewan trennt. Geografisch ist Sjunik die südlichste Provinz Armeniens; in der Umgebung der Stadt Meghri verengt sie sich zu einem schmalen Streifen und grenzt auf einer Länge von lediglich einigen Dutzend Kilometern an den Iran. Dies ist der einzige Abschnitt der armenisch-iranischen Grenze und damit Armeniens einziger Landzugang zu einem Staat, der weder ein historischer Feind ist noch Armenien blockiert. Gleichzeitig trennt Sjunik den Hauptteil Aserbaidschans physisch von seiner Exklave, der Autonomen Republik Nachitschewan, die seit der sowjetischen Grenzziehung der 1920er-Jahre vom aserbaidschanischen Kernland abgeschnitten ist. Mit anderen Worten: Sjunik ist ein geografisches Bollwerk – für Armenien das einzige Fenster nach Süden in Richtung Iran und zugleich die einzige Barriere, die Aserbaidschan und die Türkei an einer durchgehenden Landverbindung hindert. Für Russland ist es von Nutzen, in dieser Frage Instabilität aufrechtzuerhalten. Das erlaubt es Moskau, sich als notwendigen Schiedsrichter zu präsentieren und sich zugleich Transportarrangements zu widersetzen, die Russlands Kontrolle über die regionale Konnektivität verringern würden.

Karabach[1] war die tiefste emotionale Ressource dieser Strategie. Prorussische Akteure konnten nicht mehr glaubhaft versprechen, Arzach mithilfe russischen Schutzes wiederherzustellen, denn Russlands eigene Passivität während der aserbaidschanischen Militäroperationen hatte diesen Anspruch diskreditiert. Stattdessen wurde der Verlust Karabachs zum Beweis für Paschinjans Schwäche und für die angebliche Gefahr umgedeutet, sich auf den Westen zu verlassen. Die Botschaft lautete nicht einfach „Russland wird Arzach zurückholen“, sondern vielmehr: „Armenien hat Arzach verloren, weil es sich von Russland abgewandt, westlichen Versprechungen vertraut und die Logik der Stärke aufgegeben hat.“
Dieses Narrativ machte Karabach von einer territorialen und humanitären Frage zu einer Wahlkampfwaffe. Es erlaubte prorussischen Kräften, Paschinjan nationalen Verrat vorzuwerfen, Ressentiments unter vertriebenen und traumatisierten Gemeinschaften zu mobilisieren und jeden Kompromiss mit Aserbaidschan als weiteren Schritt zur Auslöschung der Nation darzustellen. Zugleich verdeckte es den grundlegenden Widerspruch der russischen Position: Moskau ist zu stark auf die Türkei und Aserbaidschan angewiesen, um für Armenien eine ernsthafte Konfrontation zu riskieren.
Die Rhetorik der „Türkisierung“ erfüllte einen ähnlichen Zweck. Indem Karapetjans Lager und ihm nahestehende Stimmen Behauptungen verstärkten, Armenien werde zu Zugeständnissen an die Türkei und Aserbaidschan gedrängt, machten sie aus einem geopolitischen Dissens eine zivilisatorische Bedrohung. Es ging nicht mehr nur darum, wo Armenien Sicherheitsgarantien suchen sollte, sondern darum, ob die Identität, das Gedächtnis und die historische Kontinuität des Landes preisgegeben würden. Damit verfügte die Kampagne über eine emotionale Sprache, die weit über gewöhnliche Oppositionspolitik hinausging.

Auch die Armenische Apostolische Kirche wurde Teil dieses umfassenderen Einflussökosystems. Der Konflikt zwischen Paschinjans Regierung und Teilen der Kirchenhierarchie schuf einen institutionellen Kanal, über den Fragen nationaler Identität, Tradition und Loyalität politisiert werden konnten. Für viele ArmenierInnen bleibt die Kirche ein Symbol historischer Kontinuität, zumal nach dem Trauma von Karabach. Dadurch wurde religiöse Autorität zu einem wirkungsvollen Instrument, um die Regierung als nicht nur politisch verfehlt, sondern als geistlich oder national illegitim darzustellen.
Moskau nutzt seit Langem konservative, religiöse und auf „traditionelle Werte“ gestützte Narrative, um prowestliche Regierungen im gesamten postsowjetischen Raum zu schwächen. In Armenien ließ sich dieses Instrumentarium an die lokalen Gegebenheiten anpassen – über den Einfluss der Kirche, die Erinnerung an den Völkermord, die Angst vor der Türkei und Aserbaidschan sowie das Misstrauen gegenüber dem westlichen Liberalismus. Das Ergebnis war eine politische Sprache, in der sich Loyalität gegenüber Russland nicht als Abhängigkeit vom Ausland darstellen ließ, sondern als Loyalität gegenüber der armenischen Tradition und dem Überleben der Nation.
Eine Desinformationsinfrastruktur untermauerte diese Botschaften. Mit Russland verbundene Netzwerke und Medienökosysteme verstärkten Narrative über das „ukrainische Szenario“, einen angeblichen Verrat des Westens, Bedrohungen für Sjunik, den Verlust Arzachs und den vermeintlichen moralischen Niedergang, der mit der europäischen Integration einhergehe. Telegram-Kanäle, russischsprachige Medien, Diaspora-Netzwerke und Einflussoperationen wie Storm-1516 trugen dazu bei, diese Themen in unterschiedlichen Zielgruppen in Umlauf zu bringen. Ziel war es, bei den Wählern Angst zu schüren, Misstrauen gegenüber der Regierung zu säen und Skepsis gegenüber jeder vom Westen unterstützten Alternative zum russischen Einfluss zu wecken.
In diesem Sinne war die armenische Wahl nicht nur ein innenpolitischer Wettstreit zwischen Regierung und Opposition. Sie war ein Test dafür, wie Russland seine Einflussstrategie anpassen konnte, als seine direkte Kontrolle schwand. Statt allein auf offene Pro-Moskau-Parolen zu setzen, arbeitet Russland mit lokaler Unzufriedenheit, historischen Wunden, Einflussnetzwerken und Medienökosystemen. Dasselbe Muster ist für die Ukraine, Moldau, Georgien, Rumänien und andere Staaten unter russischem Druck relevant: Moskau destabilisiert Gesellschaften selten, indem es Spaltungen aus dem Nichts erfindet. Es spürt ungelöste Konflikte auf, verpackt sie in seiner eigenen geopolitischen Sprache neu und nutzt einheimische Akteure, um sie in Instrumente politischen Drucks zu verwandeln.
Die Wahlgeografie zeigt, dass sich der russische Einfluss in Armenien nicht nur auf ein traditionell konservatives oder provinzielles Publikum stützte. Im Gegenteil: Karapetjans Kampagne fand im städtischen Umfeld, insbesondere in Jerewan, sichtbaren Widerhall. Umfragen zufolge war „Zivilvertrag“ gerade in Jerewan am schwächsten und in ländlichen Gebieten am stärksten, wo die Partei vor der Wahl auf über 32 % Zustimmung kam.
Das Alter war der stärkste Prädiktor für das Wahlverhalten: Die Unterstützung für „Zivilvertrag“ stieg mit dem Alter stetig an und erreichte im Frühjahr 2026 unter Befragten ab 60 Jahren mehr als ein Drittel, während sie unter jüngeren Wählern deutlich geringer ausfiel. Genau hier lag jedoch die Falle für die Opposition: Jüngere Befragte waren auch deutlich häufiger unentschlossen oder gaben an, gar nicht wählen zu wollen. Die relative Beliebtheit der Opposition unter jungen Menschen schlug sich daher nicht im gleichen Maße in tatsächlichen Stimmen nieder wie die stabile Unterstützung der älteren Generation für „Zivilvertrag“.
Die Aufschlüsselung nach Bildungsstand fügt eine weitere Ebene hinzu: Die Regierungspartei schnitt unter WählerInnen mit Sekundar- oder Berufsbildung am besten ab, während die Oppositionsparteien insgesamt unter WählerInnen mit Hochschulbildung vergleichsweise mehr Zuspruch fanden. Zugleich verweigerte gerade diese gebildete Gruppe am häufigsten die Antwort auf Fragen der Meinungsforscher – ein Hinweis eher auf politische Vorsicht als auf eine konsequente Mobilisierung zugunsten der Opposition.
Auf ein Profil verdichtet: Karapetjans Kampagne verfing am besten bei städtischen, relativ jungen und höher gebildeten WählerInnen in Jerewan, die von der Staatsführung enttäuscht waren – bei jenem Segment also, das bei Straßenprotesten und in sozialen Medien am sichtbarsten ist, bei der tatsächlichen Wahlbeteiligung aber am wenigsten verlässlich. Bemerkenswert ist zudem, dass der Anteil der ArmenierInnen, die Sicherheits- und Grenzfragen als wichtigstes Problem des Landes nannten, von 44 % im Juni 2025 auf 21 % im Februar 2026 sank. Mit anderen Worten: Gerade die Angst, auf die Karapetjan den Kern seiner Botschaft von der „starken Armee“ gründete, verlor während des Wahlkampfs systematisch an Resonanz – und damit schrumpfte die natürliche Basis für eine Mobilisierung über dieses Thema.
Der zentrale Widerspruch des prorussischen Narrativs besteht darin, dass es die Armenier auffordert, in einen Sicherheitsrahmen zurückzukehren, der sie bereits im Stich gelassen hat. Die Kampagne um Karapetjan setzte stark auf die Sprache von Stärke, Schutz und Abschreckung, doch die jüngere Geschichte des Südkaukasus zeigt, dass Moskau nicht mehr als verlässlicher Garant der armenischen Sicherheit fungiert.
Die Ereignisse der Jahre 2020–2023 haben dies deutlicher gezeigt als jede theoretische Debatte. Als Aserbaidschan im September 2022 das souveräne Staatsgebiet Armeniens direkt attackierte, schritten weder Russlands 102. Militärbasis in Gjumri noch die Kräfte der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) ein. Die OVKS verurteilte das Vorgehen Aserbaidschans nicht einmal politisch eindeutig. Im September 2023 verhinderten auch die russischen Friedenstruppen in Karabach die Militäroperation Bakus nicht; faktisch sahen sie zu, wie Aserbaidschan die Kontrolle über die Region wiederherstellte.
Dieses Versagen war nicht einfach die Folge von Paschinjans persönlichem Konflikt mit Moskau. Russlands strategisches Kalkül hat sich verändert. Aserbaidschan und die Türkei sind für Moskau als Hubs für die Umgehung von Sanktionen, für Parallelimporte, Energieexporte und regionale Verkehrsverbindungen zu wichtig geworden. Die Beziehungen zu Baku oder Ankara zu beschädigen, um armenische Interessen zu verteidigen, liefe Russlands eigenen wirtschaftlichen Prioritäten in Kriegszeiten zuwider.
Hinzu kommt ein militärischer Faktor. Russlands Armee und Rüstungsindustrie sind durch den Krieg gegen die Ukraine gebunden. Moskau fehlen freie Kapazitäten, moderne Ausrüstung und die politische Bereitschaft, eine ernsthafte Konfrontation im Südkaukasus durchzustehen. Eine prorussische Regierung in Jerewan würde daher höchstwahrscheinlich keinen Schutz erhalten, sondern Druck, unter dem Vorzeichen von „Stabilität“, „Zurückhaltung“ und „Verhinderung eines größeren Krieges“ neue Zugeständnisse zu machen.
Die politische Funktion des Versprechens russischen Schutzes liegt auf der Hand: Es verwandelt die Angst vor einem weiteren Krieg in Druck gegen die Diversifizierung der armenischen Sicherheitspartnerschaften und hilft, jede Abkehr von Moskau als unmittelbare Bedrohung für das Überleben der Nation darzustellen. Es erlaubt prorussischen Akteuren zu behaupten, Armenien bleibe keine Alternative zur Rückkehr in Moskaus Orbit, und dabei der zentralen Frage auszuweichen: Warum versagte das von Russland geführte Sicherheitssystem gerade dann, als Armenien es am dringendsten brauchte?
Das bedeutet allerdings nicht, dass Armenien alle Verbindungen zu Russland über Nacht kappen kann. Wirtschaftlich bleibt das Land in hohem Maße von Moskau abhängig: Gaslieferungen per Pipeline, das Armenische Kernkraftwerk, die Eisenbahninfrastruktur und der Zugang zum Markt der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) machen einen abrupten Bruch gefährlich. Wirtschaftlicher Pragmatismus ist jedoch nicht gleichbedeutend mit strategischer Unterordnung. Die Lehre der vergangenen Jahre lautet, dass Russland die Abhängigkeit Armeniens aufrechterhalten kann, ohne dessen Sicherheit zu garantieren – um diese Abhängigkeit dann als Argument dafür zu nutzen, dass es keinen anderen Weg gebe.
Für die Ukraine ist der armenische Fall bedeutsam, weil er dasselbe Prinzip berührt, um das es im Kern des russischen Krieges geht: ob postsowjetische Staaten ihren geopolitischen Kurs ohne Moskaus Erlaubnis selbst bestimmen können. Wird Armeniens Hinwendung zu Europa als leichtsinnig oder illegitim dargestellt, stärkt der Kreml genau jene Logik, die er auch gegen die Ukraine ins Feld führt – dass Staaten im früheren imperialen Raum Russlands keine volle strategische Souveränität besitzen.
Der Fall hat auch eine praktische Dimension. Die Ukraine und Armenien hatten erst vor Kurzem begonnen, ihren politischen Dialog wiederaufzubauen; Selenskyjs Treffen mit Paschinjan im Mai war der erste Besuch eines ukrainischen Präsidenten in Armenien seit 24 Jahren. Zugleich könnten vom Westen unterstützte Konnektivitätsprojekte wie der TRIPP-Korridor, der im August 2025 unter Vermittlung Trumps vereinbart wurde, dazu beitragen, den Südkaukasus, das Schwarze Meer und Zentralasien über Routen zu verbinden, die weniger von Russland abhängig sind.
Deshalb ist Sjunik nicht nur eine armenische Angelegenheit. Als einzige Landverbindung Armeniens zum Iran und als das Gebiet, das das aserbaidschanische Kernland von Nachitschewan trennt, ist die Provinz für jede künftige regionale Verkehrsarchitektur von zentraler Bedeutung. Kann Moskau Einfluss darauf nehmen, wie dieser Korridor verwaltet wird, behält es Druckmittel in Fragen der regionalen Konnektivität. Bewahrt Armenien hingegen die souveräne Kontrolle und beteiligt sich zugleich an vom Westen unterstützten Rahmenwerken, wird der Südkaukasus weniger abhängig von russischer Vermittlung.

Der armenische Fall spiegelt zudem ein breiteres regionales Muster wider, auf das Analysten mit Blick auf Georgien zunehmend verweisen: Selbst nach Krieg, Besatzung und Gebietsverlusten können Gesellschaften politisch wieder in Russlands Einflusssphäre gezogen werden. Die Angst vor einem erneuten Konflikt kann statt Widerstand Erschöpfung hervorbringen – eine Vorliebe für Vorsicht, Verhandlungen und „Pragmatismus“ gegenüber Moskau. Russland hat jedoch wiederholt gezeigt, dass es solchen Pragmatismus nicht als Grundlage für Kompromisse betrachtet, sondern als Einfallstor für mehr Einfluss und letztlich für Vorherrschaft.
Deshalb sind Armenien und Georgien Warnbeispiele für die Ukraine und andere Staaten unter russischem Druck. Selbst nach schweren Verlusten, Kriegen und nationalen Traumata verschwindet die Gefahr eines politischen Rückfalls nicht. Russische Einflussnetzwerke bleiben widerstandsfähig: Sie überdauern durch Geschäftsbeziehungen, politische Mittelsleute, Medienökosysteme, religiöse oder konservative Institutionen und die gesellschaftliche Erschöpfung, die auf anhaltende Unsicherheit folgt. Moskau muss die Erinnerung an den Konflikt nicht auslöschen; es muss lediglich genügend Menschen davon überzeugen, dass die Vermeidung einer weiteren Konfrontation die Hinnahme von Einschränkungen der Souveränität erfordert.
Die Lehre für die Ukraine, Moldau, Georgien, Rumänien und andere lautet: Russischer Einfluss verschwindet nicht, wenn eine prorussische Partei eine Wahl verliert. Er passt sich an und überdauert – durch ungelöste Territorialkonflikte, die Angst vor neuer Gewalt, Streit um Infrastruktur, wirtschaftliche Abhängigkeit, religiöse Autorität, oligarchische Netzwerke und Informationsoperationen. Über diese Kanäle versucht Moskau, Souveränität gefährlich und Abhängigkeit wie Frieden erscheinen zu lassen.
Die Wahl von 2026 hat die Grenzen des russischen Einflusses in Armenien aufgezeigt – nicht aber dessen Verschwinden. Der Kreml konnte keine ihm genehme politische Kraft an die Macht bringen, behielt jedoch viele der Instrumente, mit denen er die armenische Politik von innen unter Druck setzen kann: wirtschaftliche Abhängigkeit, Energieinfrastruktur, oligarchische Netzwerke, kirchennahe konservative Narrative, das Trauma von Karabach, den russischsprachigen Medienraum und die Angst vor einem neuen Krieg.
Darin liegt die Bedeutung des armenischen Falls über Armenien hinaus. Für die Ukraine, Georgien, Moldau und andere Staaten, die sich aus Russlands Einflusssphäre lösen wollen, zeigt Armenien, wie sich der Kreml anpasst, wenn seine direkte Kontrolle schwindet. Er verlässt sich nicht auf ein einziges Instrument, sondern kombiniert Desinformation, sicherheitspolitische Erpressung, Identitätspolitik, wirtschaftliche Hebel und lokale politische Akteure, die Moskaus Interessen in die Sprache der Innenpolitik übersetzen können.
Paschinjans Sieg sollte daher nicht als Ende des russischen Ringens um Armenien gelesen werden. Treffender ist es, ihn als Scheitern einer Kampagne innerhalb einer längeren Konfrontation zu verstehen. Moskau hat die Wahl verloren, nicht aber die Netzwerke, Ängste und Abhängigkeiten, über die es einen neuen Anlauf nehmen kann.
Für Kyjiw ist die Lehre eindeutig: Die Souveränität im postsowjetischen Raum wird nicht nur auf Schlachtfeldern oder in diplomatischen Formaten verteidigt, sondern auch in Informationsökosystemen, im historischen Gedächtnis, in religiösen Institutionen und entlang von Infrastrukturkorridoren – und durch die Fähigkeit von Gesellschaften, pragmatische Beziehungen zu Russland von strategischer Abhängigkeit zu unterscheiden. Armenien hat diesen Kampf nicht entschieden. Es ist lediglich in seine nächste Phase eingetreten.
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[1] „Bergkarabach“ und „Arzach“ bezeichnen dasselbe Gebiet, sind jedoch politisch unterschiedlich konnotiert. „Bergkarabach“ bezeichnet eine Region auf dem Gebiet des heutigen Aserbaidschan, die den südöstlichen Abschnitt des Kleinen Kaukasus umfasst. Diesen Begriff verwenden die Vereinten Nationen (UN), die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die meisten westlichen Regierungen und internationale Medien. „Arzach“ ist der historische armenische Name und spiegelt das nationale und historische Narrativ Armeniens wider. In diesem Beitrag werden beide Begriffe je nach Kontext und den jeweils behandelten Quellen verwendet.