Ideologie und Narrativ: Wie politische Strömungen in Lateinamerika die Wahrnehmung des russischen Krieges gegen die Ukraine prägen

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Von Isadora M. Pizarro González, Pablo Sebastián Amaza Castro, Regina Pérez Cárdenas
10. September 2026

Inhalt

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Ideologische Strömungen prägen das politische Leben Lateinamerikas nach wie vor maßgeblich. Politische Identitäten speisen sich in der Region nicht allein aus wirtschaftlichen Programmen oder Wahlpräferenzen, sondern ebenso aus historischen Erinnerungen, kollektiven Erfahrungen und Narrativen, die in Vorstellungen von Souveränität, sozialer Gerechtigkeit, Antiimperialismus und im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten wurzeln.

Dieser historisch-ideologische Hintergrund ist entscheidend dafür, wie lateinamerikanische Akteure internationale Ereignisse deuten. Ausländische Interventionen, Revolutionen, Militärdiktaturen, demokratische Übergänge und die Konflikte des Kalten Krieges haben ein politisches Vokabular hinterlassen, in dem Begriffe wie Nichteinmischung, Selbstbestimmung, Abhängigkeit und strategische Autonomie bis heute großes Gewicht besitzen. Links und rechts stehen in Lateinamerika deshalb häufig nicht nur für innenpolitische Positionen, sondern auch für konkurrierende Vorstellungen von der internationalen Ordnung, von der Rolle des Westens und von den Grenzen großmächtiger Einflussnahme.

Russlands großangelegte Invasion der Ukraine im Februar 2022 hat diese Vielschichtigkeit offengelegt. Regierungen, politische Führungsfiguren, Medien und Öffentlichkeit in Lateinamerika reagierten nicht aus einer einheitlichen regionalen Perspektive. Der Krieg rief vielmehr unterschiedliche, teils widersprüchliche Deutungen hervor, geprägt von nationalen Interessen, ideologischen Rahmen und Narrativen über Souveränität, Intervention und globale Macht.

Der Artikel untersucht, wie diese ideologischen Traditionen und Deutungsrahmen die lateinamerikanische Wahrnehmung der Ukraine und des russischen Krieges beeinflusst haben. Zunächst werden die historischen und politischen Faktoren umrissen, welche die politische Kultur der Region geformt haben. Anschließend werden die Positionen analysiert, die lateinamerikanische Staaten in internationalen Foren eingenommen haben. Abschließend geht es um die politischen und medialen Narrative, die zu den divergierenden Lesarten des Konflikts beigetragen haben.

Der historisch-ideologische Kontext Lateinamerikas

Aus mehreren Gründen lässt sich die überkommene ideologische Unterscheidung zwischen „links“ und „rechts“ in Lateinamerika nicht so geradlinig fassen wie in Europa. Geprägt wurde sie durch historische Erfahrungen struktureller Ungleichheit, institutioneller Schwäche und eines tiefgreifenden – direkten wie indirekten – Einflusses äußerer Konflikte. Diese Faktoren haben Reichweite und Bedeutung der beiden Ideologien in jedem Land neu bestimmt. Was andernorts an vergleichsweise stabile Parteien und Institutionen gebunden ist, verschränkt sich in Lateinamerika mit Umverteilungsforderungen, Souveränitätsansprüchen und Reaktionen auf Krisen unterschiedlichster Art. Das Ergebnis ist eine politische Landkarte, die pluraler und weniger berechenbar ausfällt.

Der Einfluss des Kalten Krieges und der Aufstieg des Antiimperialismus

Im Kalten Krieg verschärfte sich diese Komplexität. Die ideologische Auseinandersetzung zwischen den Mächten des westlichen und des östlichen Blocks führte im Cono Sur, dem Süden Südamerikas, zu einer Reihe von Staatsstreichen, die durch militärische Interventionen herbeigeführt wurden.

Konkrete Gestalt nahm dieses Szenario in dem an, was später als Operation Condor bekannt wurde: Unter Führung der Vereinigten Staaten betrieben die Diktaturen Brasiliens, Paraguays, Boliviens, Uruguays, Chiles und Argentiniens eine koordinierte Kampagne des Staatsterrorismus. Dieses Modell verband Autoritarismus, staatliche Repression und konservative Entwicklungsprojekte; in transnationaler Abstimmung wurde so eine Reihe von Verbrechen gegen die Menschlichkeit an jenen Gruppen begangen, die dem Westen ideologisch entgegenstanden.

In diesem Rahmen waren es die Vereinigten Staaten, die (über ihre Doktrin der Nationalen Sicherheit und weitere Instrumente politischer und militärischer Einflussnahme in der Region) die Stigmatisierung linker Gruppierungen, sozialer Bewegungen und progressiver Kräfte innerhalb der Staaten selbst vorantrieben und sie zu inneren Bedrohungen erklärten. Diese Zuschreibung diente als Rechtfertigung dafür, Militärangehörige im Vorfeld der Errichtung der verschiedenen autoritären Regime auf dem Kontinent finanziell, nachrichtendienstlich und durch Ausbildung zu unterstützen – mit dem Ziel, proamerikanische Bündnisse in der Region zu sichern und den sowjetischen Einfluss auszuschalten.

Parallel dazu erlebten Mittelamerika und die Karibik eine eigene Interventionsdynamik, die einer weitaus direkteren Konfrontationslogik folgte. Hier richteten die Vereinigten Staaten ihr Handeln darauf, jedes politische Projekt zu stoppen, das ihre Hegemonie oder ihre unmittelbaren Interessen mittels verdeckter Operationen, wirtschaftlicher Strangulierung und der Finanzierung von Aufstandsbewegungen gefährdete. So intervenierte die CIA 1954 in Guatemala und betrieb den Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Jacobo Árbenz, dessen Agrarreform die Monopole US-amerikanischer Unternehmen beeinträchtigte und deshalb als kommunistische Bedrohung gebrandmarkt wurde.

Quelle: Plan Cóndor

In diesem Rahmen waren es die Vereinigten Staaten, die (über ihre Doktrin der Nationalen Sicherheit und weitere Instrumente politischer und militärischer Einflussnahme in der Region) die Stigmatisierung linker Gruppierungen, sozialer Bewegungen und progressiver Kräfte innerhalb der Staaten selbst vorantrieben und sie zu inneren Bedrohungen erklärten. Diese Zuschreibung diente als Rechtfertigung dafür, Militärangehörige im Vorfeld der Errichtung der verschiedenen autoritären Regime auf dem Kontinent finanziell, nachrichtendienstlich und durch Ausbildung zu unterstützen – mit dem Ziel, proamerikanische Bündnisse in der Region zu sichern und den sowjetischen Einfluss auszuschalten.

Parallel dazu erlebten Mittelamerika und die Karibik eine eigene Interventionsdynamik, die einer weitaus direkteren Konfrontationslogik folgte. Hier richteten die Vereinigten Staaten ihr Handeln darauf, jedes politische Projekt zu stoppen, das ihre Hegemonie oder ihre unmittelbaren Interessen mittels verdeckter Operationen, wirtschaftlicher Strangulierung und der Finanzierung von Aufstandsbewegungen gefährdete. So intervenierte die CIA 1954 in Guatemala und betrieb den Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Jacobo Árbenz, dessen Agrarreform die Monopole US-amerikanischer Unternehmen beeinträchtigte und deshalb als kommunistische Bedrohung gebrandmarkt wurde.

Gegen Kuba wurde nach dem Sieg der Revolution und als unmittelbare Vergeltung für die Verstaatlichung US-amerikanischen Eigentums ein striktes Handels-, Wirtschafts- und Finanzembargo verhängt, das bis heute in Kraft ist. Es sollte die Insel isolieren und den Sturz der Regierung Castro herbeiführen.

Der Fall Nicaraguas wiederum zeigt deutlich, wie in den 1980er-Jahren paramilitärische Verbände eingesetzt und finanziert wurden, um die Regierung der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) zu destabilisieren – jener Kraft, die 1979 die proamerikanische Somoza-Diktatur gestürzt hatte. Dabei finanzierten, bewaffneten und schulten die Vereinigten Staaten die „Contras“, ein Bündnis konterrevolutionärer Aufstandsgruppen, das sich zu großen Teilen aus ehemaligen Angehörigen der Nationalgarde Somozas zusammensetzte.

Kämpfer der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) während der sandinistischen Revolution in Nicaragua.
Quelle: DW Español

Der Einfluss der regionalen Geschichte auf außenpolitische Grundsätze

Wie gezeigt, gehen die verschiedenen antiimperialistischen Diskurse in Lateinamerika – auf staatlicher Ebene wie in den politischen Spektren – nicht allein auf ein abstraktes ideologisches Bekenntnis zurück. Sie haben vielmehr die diplomatischen Grundsätze der Region tief geprägt, insbesondere die Neigung, eine automatische Anlehnung an Großmächte abzulehnen.

Viele Regierungen der Region haben deshalb Souveränität und Blockfreiheit in den Vordergrund gerückt, was sich in einem Diskurs der „aktiven Blockfreiheit“ niederschlägt. Das erklärt, warum ein Großteil der Region angesichts internationaler Konflikte wie des Krieges in der Ukraine die Invasion zwar diplomatisch verurteilt, gegenüber Sanktionen und Waffenlieferungen aber eine kritische oder ambivalente Haltung einnimmt, um den eigenen Handlungsspielraum nicht einzuschränken.

Die Positionen lateinamerikanischer Staaten fallen in diesem Zusammenhang pragmatisch und abgestuft aus: Sie lehnen die Verletzung von Grenzen und die militärische Invasion ab, wehren sich zugleich aber gegen wirtschaftliche oder politische Kosten, die sie als von außen auferlegt empfinden. Aus dieser Mischung normativer Grundsätze (Ablehnung von Aggression) und nationalen Interessenkalküls (Vermeidung von Sanktionen) entsteht eine Außenpolitik, die von außen betrachtet widersprüchlich oder unklar wirken mag. Sie entspricht jedoch einer historischen Tradition, die eigene Autonomie zu wahren und nicht zum Schauplatz großmächtiger Auseinandersetzungen zu werden. Diese Logik erklärt, warum einige Regierungen die Notwendigkeit von Verhandlungen und einer diplomatischen Lösung betonen und dabei multilateralen Kanälen und öffentlicher Neutralität gegenüber dem Krieg den Vorrang geben.

Gleichwohl ist klarzustellen, dass dieses gemeinsame historische Erbe nicht bedeutet, dass Lateinamerika als geschlossener Block auftritt. Die Verteidigung der Autonomie gegenüber den Großmächten ist zwar ein gemeinsamer Nenner; ihre praktische Anwendung angesichts der russischen Invasion der Ukraine und deren vielschichtiger Folgen offenbart jedoch eine tiefe Zersplitterung, die maßgeblich von der jeweiligen Regierung und ihrer ideologischen Ausrichtung abhängt. So finden sich schon innerhalb des linken Spektrums die klare Verurteilung und das Bekenntnis zum Völkerrecht (etwa im Fall Chiles), unklare Vermittlungspositionen, die es vermeiden, Moskau zu verprellen (etwa in der Diplomatie Brasiliens), sowie die offene Unterstützung Russlands durch autoritäre Regime (etwa Venezuela oder Nicaragua), die den klassischen antiimperialistischen Diskurs nicht als Neutralitätsprinzip, sondern als Instrument des politischen Überlebens und der direkten Konfrontation mit dem Westen einsetzen.

Schließlich ist der Einfluss der Handelsbeziehungen Lateinamerikas zu China und Russland zu berücksichtigen, der den Handlungsspielraum vieler Regierungen aus Furcht vor einseitigen Sanktionen prägen kann. China ist inzwischen der zweitgrößte Handelspartner der Region; das Import- und Exportvolumen überstieg 2022 die Marke von 500 Mrd. US-Dollar. Damit ist eine Abhängigkeit von diesem Markt in den Bereichen Rohstoffe, Infrastruktur und Finanzierung verbunden.

Der Handel mit Russland fällt demgegenüber deutlich geringer aus. Doch Russlands Präsenz als Lieferant von Nahrungsmitteln und Energie – und als symbolischer Akteur im antiwestlichen Diskurs – beeinflusst die Bereitschaft mancher Regierungen, vorsichtigere oder kritischere Positionen gegenüber den westlichen Mächten einzunehmen.

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die lateinamerikanische Außenpolitik gegenüber globalen Konflikten starre Lagerbildungen scheut und eher zu Vermittlungsstrategien und relativer Neutralität neigt. Durch diese Linse des Misstrauens gegenüber dem Westen betrachtet, erschließt sich auch, warum bestimmte gesellschaftliche Kräfte und Regierungen in Lateinamerika den Krieg in der Ukraine vorrangig über die NATO-Osterweiterung deuten. Analytisch erzeugt dieser Deutungsrahmen eine Asymmetrie in der Wahrnehmung des Konflikts: Indem die Rolle des Verteidigungsbündnisses ins Zentrum rückt, treten die ukrainische territoriale Souveränität und die militärische Aggression Russlands in den Hintergrund.

Lateinamerika und der Krieg in der Ukraine: Fragmentierte Positionen in internationalen Foren

Der komplexe historische Hintergrund, das beständige Streben nach Autonomie und das oben erörterte Ideal der Neutralität wirken nicht nur nach innen, sondern schlagen unmittelbar auf die globale diplomatische Bühne durch. Russlands militärische Invasion der Ukraine am 24. Februar 2022 markierte in diesem Rahmen eine Zäsur im internationalen System, insbesondere für die Dynamiken von Kooperation und Sicherheit. Für Lateinamerika bedeutete sie, dass die historisch gewachsene Heterogenität der Region und ihr Misstrauen gegenüber hegemonialen Blöcken in den wichtigsten multilateralen Foren offen zutage traten.

Die Region liegt geografisch weit vom Konflikt entfernt, und die eigene wirtschaftliche und politische Lage hat das Interesse am Kriegsverlauf und seinen Folgen auf den nationalen Agenden in den Hintergrund treten lassen. Dennoch zwangen die internationalen Resolutionen die lateinamerikanischen Staaten dazu, öffentlich Position zu beziehen. Diese Antworten fügten sich nicht zu einem einheitlichen Block, sondern zu einem breiten Spektrum von Haltungen, das zeigt, wie jedes Land für sich zwischen normativen Grundsätzen, strategischen Allianzen und Souveränitätsansprüchen gegenüber hegemonialen Blöcken abwägt. Dieser Abschnitt gibt daher dem Abstimmungsverhalten in multilateralen Foren den Vorrang vor der Rhetorik von Reden lateinamerikanischer Staats- und Regierungschefs oder präsidialen Erklärungen. Anders als eine Verlautbarung ist eine förmliche Abstimmung in einem internationalen Gremium ein außenpolitischer Akt: Sie gibt die offizielle Position eines Staates wieder und zieht konkrete diplomatische Folgen nach sich. Zudem erleichtert sie den systematischen Vergleich, weil einzelne Staaten innerhalb desselben Zeitraums auf dieselben Texte reagieren; die Subjektivität, die der Auslegung von Reden unterschiedlicher Art, Länge und Zielsetzung anhaftet, verringert sich entsprechend.

Zu den wichtigsten multilateralen Foren zählen die Vereinten Nationen (UN). Nachdem Russland im Sicherheitsrat sein Veto eingelegt hatte, verabschiedete die Generalversammlung die Resolution ES-11/1, die ein Ende der Invasion und den Abzug der russischen Truppen aus ukrainischem Gebiet forderte. Daraufhin bildeten sich Ländergruppen, die die Resolution unterstützten, darunter Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Costa Rica, Mexiko, Peru und Uruguay. Regierungen wie die kubanische, die nicaraguanische und die bolivianische enthielten sich dagegen. Diese Haltung sollten sie in den verschiedenen multilateralen Foren beibehalten, was engere politische und strategische Bindungen an Russland bekräftigt.

Quellen: Resolution ES-11/1, Resolution A/HRC/49/1, UN HRC, OAS Declaration

Im Rahmen derselben Organisation wurde sodann die Suspendierung Russlands aus dem Menschenrechtsrat beantragt und in der Generalversammlung zur Abstimmung gestellt. Lateinamerikanische Staaten – darunter Argentinien, Chile, Kolumbien, Peru und Uruguay – unterstützten die Suspendierung, während Mexiko sich gemeinsam mit einer weiteren Ländergruppe der Stimme enthielt. Nicaragua stimmte dagegen und reihte sich damit neben Kuba, China, Syrien und Belarus ein. In diesem Zuge verabschiedete der UN-Menschenrechtsrat den Resolutionsentwurf A/HRC/49/L.1, aus dem die Resolution A/HRC/49/1 hervorging; mit ihr wurde die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission zur Ukraine eingesetzt. Die Resolution verurteilte die durch die Invasion verursachte schwerwiegende Lage der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts und beauftragte die Kommission damit, Verstöße zu dokumentieren, Beweise zu sammeln, Verantwortliche zu ermitteln und Beweismittel für künftige Strafverfahren zu sichern. Bolivien und Kuba waren bei dieser Abstimmung die einzigen beiden lateinamerikanischen Staaten, die sich enthielten.

Ein ähnliches Muster zeigte sich in der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). Zwar verurteilte die Organisation die russische Invasion und entzog Russland in der Folge den Status eines ständigen Beobachters; die Abstimmungen spiegelten jedoch erneut die Spaltungen der Region wider. Während eine Mehrheit der Staaten diese Maßnahmen mittrug, verhielten sich Länder wie Bolivien, Nicaragua, El Salvador, Argentinien, Brasilien, Honduras und Mexiko zurückhaltender und enthielten sich oder blieben der Abstimmung fern. Das zeigt: Über die Ablehnung der Gewaltanwendung bestand in der Region weitgehend Einigkeit, über das Maß der diplomatischen Isolierung Russlands hingegen nicht.

Drei Gruppen regionaler Positionierung

Die Analyse der eingenommenen Positionen erlaubt es, mindestens drei Hauptgruppen zu unterscheiden, deren Ausrichtung über eine schlichte Skala der Nähe zu Russland oder zur Ukraine hinausgeht. Eine erste Gruppe – Kuba, Nicaragua, Venezuela und Bolivien – hielt in sämtlichen untersuchten Foren konsequent an einer Haltung der Nichtverurteilung fest. Diese Staaten weisen gemeinsame politische Merkmale auf, insbesondere mit Blick auf Regierungsführung und demokratische Qualität. Teils handelt es sich um autoritäre Regime wie Kuba, Venezuela und Nicaragua, teils um hybride Systeme oder defizitäre, eingeschränkte Demokratien wie Bolivien. Bemerkenswert ist dabei, dass Kuba, Nicaragua und Venezuela die wichtigsten Sicherheitspartner Russlands in Lateinamerika sind: Sie unterhalten Abkommen zur Verteidigungskooperation, die den Verkauf von Militärgerät, technische Unterstützung und nachrichtendienstliche Tätigkeiten umfassen, wobei Venezuela zum größten Empfänger russischer Rüstungsgüter in der Region geworden ist.

Damit vereint diese Gruppe das höchste Maß an Nähe zu Russland und an russischem Einfluss auf sich. Namentlich die Beziehungen des Kremls zu Kuba und Venezuela sind in der Forschung als „autokratische Kooperation“ beschrieben worden: Ihr Kern liegt nicht allein in der Ideologie, sondern im strategischen Austausch von Ressourcen, Narrativen und Praktiken, die autoritäre Resilienz im Inneren wie nach außen stärken. Die Beziehung beruht in diesem Sinne nicht auf gleichen Fähigkeiten, sondern auf dem jeweiligen Grad der Komplementarität: Russland stellt Energieressourcen, Waffenlieferungen, diplomatische Rückendeckung und Instrumente massenhafter Desinformation bereit, während Kuba seine revolutionäre Legitimität sowie politische, kulturelle und berufliche Austauschnetzwerke einbringt und damit Techniken sozialer Kontrolle, antiimperialistische Narrative und Strategien zur Schwächung demokratischer Institutionen exportiert.

Die zweite Gruppe umfasst Staaten, die in der UN-Generalversammlung für die verurteilenden Resolutionen stimmten und Untersuchungsmechanismen im Bereich der Menschenrechte mittrugen, sich aber weder Wirtschaftssanktionen anschlossen noch die Ukraine materiell unterstützten (vor allem Argentinien, Chile, Kolumbien, Uruguay und Peru). Ihre Haltung ist Ausdruck eines Bekenntnisses zu den Grundsätzen des Völkerrechts, ohne dass daraus eine politische oder militärische Anlehnung an eines der beiden Lager folgte. Ihr Abstimmungsverhalten in multilateralen Foren lässt sich daher eher als Ablehnung des Bruchs internationaler Normen denn als geopolitische Positionierung lesen.

Diese Unterscheidung ist entscheidend, um zu verstehen, warum diese Länder die Invasion in multilateralen Foren verurteilen und zugleich zu den praktischen Konsequenzen des Konflikts vorsichtig auf Abstand bleiben. Dabei ist zu berücksichtigen, dass eine Beteiligung an Wirtschaftssanktionen oder die Lieferung von Ressourcen an die Ukraine für die meisten Staaten der Region bedeuten würde, Handelsbeziehungen oder politische Übereinkünfte aufs Spiel zu setzen, die wirtschaftlich schwer aufrechtzuerhalten sind. Ihr Verhalten steht damit für die Anerkennung des Völkerrechts, ohne die Kosten einer direkten Konfrontation mit großen globalen Akteuren zu übernehmen.

Eine dritte Gruppe schließlich bilden Mexiko und Brasilien, die durch eine komplexe Ambivalenz auffallen: Sie verurteilen die Invasion, beteiligen sich aber nicht aktiv an Sanktionen und üben zugleich schärfere Kritik am Westen und an den bestehenden Machtasymmetrien im internationalen System. Politiker wie Luiz Inácio Lula da Silva und Andrés Manuel López Obrador haben Kritik an der Mitverantwortung der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union für den Konflikt geübt , insbesondere mit Blick auf die NATO-Osterweiterung und das Ausbleiben einer aktiveren präventiven Diplomatie des Westens. Zugleich speist sich die Zurückhaltung beider Länder auch aus tief verwurzelten diplomatischen Traditionen: „Brasilien hat Autonomie historisch als wesentliches Element seiner Grand Strategy verstanden, während Mexiko traditionell an der auf Nichteinmischung gegründeten Estrada-Doktrin festhält.“

Dieses Abstimmungsverhalten sollte nicht schlicht als Gradmesser der Sympathie für Russland gelesen werden. Vielfach spiegelt es ein länger währendes regionales Bemühen, in einer asymmetrischen internationalen Ordnung Autonomie zu wahren. Derselbe Rahmen kann jedoch auch bewirken, dass bestimmte Narrative – vor allem solche, die die NATO-Osterweiterung oder die Verantwortung des Westens betonen – politisch überzeugender wirken, selbst wenn sie die Souveränität der Ukraine und Russlands Rolle als handelnder Aggressor verdecken.

Dieser Prämisse folgend ließe sich argumentieren, dass diese unentschiedenen Positionen dem Streben nach Autonomie gegenüber den Großmächten dienen – zumal „in einigen Regionen Lateinamerikas und der Karibik eine gewisse Nostalgie für den Mythos der UdSSR als Schutzmacht gegen den westlichen Imperialismus fortbesteht und Moskau versucht hat, diese Nostalgie auszunutzen, um Unterstützung zu erzeugen, indem es sein Vorgehen in der Ukraine als defensive Reaktion auf die westliche Expansion darstellt“.

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Multilaterale Gremien dienen insofern nicht nur der Konsensbildung in internationalen Fragen; sie sind auch ein Instrument, um Perspektiven innerhalb der internationalen Ordnung und die in ihr angelegten Machtasymmetrien infrage zu stellen. Zu den zentralen Kritikpunkten zählen die selektive Anwendung internationaler Normen, die geringe Verantwortung der Großmächte bei Völkerrechtsverstößen und die ungleiche Aufmerksamkeit, die einzelnen Krisen je nach ihrer strategischen Bedeutung für westliche Staaten zuteilwird. Die Zurückhaltung von Regierungen wie der brasilianischen und der mexikanischen im Ukrainekrieg lässt sich daher weniger als Ausdruck der Unterstützung Russlands deuten denn als Versuch, sich keinem der beiden Machtpole des internationalen Systems zuzuordnen.

Die Analyse des Abstimmungsverhaltens in multilateralen Gremien legt zwar die formalen Positionen der einzelnen Staaten offen. Die Unterschiede zwischen den Haltungen der lateinamerikanischen Länder lassen sich jedoch nicht allein aus strategischen Interessen oder diplomatischen Bindungen an die Konfliktparteien erklären. Hinter jeder Position stehen zudem tief verankerte ideologische Deutungsrahmen, welche die Wahrnehmung des Konflikts aus unterschiedlichen Blickwinkeln geprägt haben. Zu untersuchen sind daher die wichtigsten politischen Narrative, die in der Region rund um die russische Invasion der Ukraine entstanden sind, sowie die Art und Weise, wie verschiedene Medienakteure sie verstärkt und instrumentalisiert haben.

Politische Narrative und die Konstruktion der Wahrnehmung des Krieges in der Ukraine

Die Reaktion der lateinamerikanischen Regierungen auf die russische Invasion lässt sich nicht auf ein bloßes Ausrichten geopolitischer Präferenzen reduzieren. Sie ist weitgehend Ausdruck der Aktivierung ideologischer Deutungsrahmen mit tiefen historischen Wurzeln in der Region.

Für die Analyse bietet es sich an, zwei Positionen zu unterscheiden: zum einen die offene Unterstützung Russlands, zum anderen die sogenannte „aktive Neutralität“. Beide unterscheiden sich in der Intensität, teilen aber eine gemeinsame narrative Grundarchitektur.

Der Block der offenen Unterstützung: Souveränität als selektiver Rahmen

In Venezuela, Kuba und Nicaragua wurde der Krieg systematisch in das ideologische Repertoire des lateinamerikanischen Antiimperialismus eingeordnet, allerdings mit unterschiedlichen Akzenten, die auf die je eigenen Legitimationsgrundlagen der Regime verweisen.

Nicolás Maduro erklärte „seine volle Unterstützung für Präsident Putin bei der Verteidigung des Friedens, seines Volkes und seines Vaterlandes“ und ordnete die Invasion einem Prozess zu, in dem „das amerikanische Imperium und die NATO mit militärischen Mitteln versuchen, Russland zu zerstören“. Sein Diskurs rückt den Begriff der Multipolarität als normativen Horizont in den Vordergrund und erlaubt es ihm, die Invasion nicht als Aggressionsakt, sondern als Antwort auf eine unausgewogene Weltordnung darzustellen – ein Deutungsrahmen, der zum Selbstverständnis des Chavismus als Akteur des Globalen Südens im Konflikt mit dem Westen passt.

Miguel Díaz-Canel und Wladimir Putin bei der Einweihung eines Denkmals für Fidel Castro in Moskau (2022). Quelle: Reuters

Miguel Díaz-Canel griff auf ein anderes, funktional aber gleichgerichtetes Repertoire zurück: das der legitimen Sicherheit. Mit dem Argument, der Konflikt „hätte vermieden werden können, wäre man auf Russlands Forderungen nach Sicherheitsgarantien eingegangen“, verschiebt der kubanische Diskurs die moralische Last vom Aggressor auf jene, die ihn angeblich zum Handeln gezwungen haben. Dieser Rahmen folgt einer besonderen Logik, denn Havanna hat seine Außenpolitik historisch auf der Doktrin der Nichteinmischung und der Verteidigung nationaler Souveränität aufgebaut. In diesem Fall wendet es diese Grundsätze jedoch asymmetrisch an: Es beruft sich auf die russische Souveränität gegenüber der NATO, nicht aber auf die ukrainische gegenüber Russland. Die Auswahl der Rechtsgrundsätze ist demnach nicht neutral, sondern ideologisch motiviert.

Daniel Ortega bezog in Nicaragua die deutlichste Position der drei: Er unterstützte die russische Anerkennung der separatistischen Gebiete Donezk und Luhansk und warf der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten vor, Russland seit 2014 „einzukreisen und zu bedrohen“.

Trotz dieser unterschiedlichen Zugänge (Maduro stellt den geopolitischen Rahmen der Multipolarität in den Vordergrund, Díaz-Canel beruft sich auf den rechtlichen Rahmen kollektiver Sicherheit) übernahm Ortega die reinste Fassung des russischen Narrativs. Erklären lässt sich das zum Teil damit, dass Nicaragua nicht über das diplomatische Kapital verfügt, das Kuba und Venezuela in multilateralen Foren angesammelt haben, und deshalb weniger darauf angewiesen ist, den Anschein einer eigenständigen Außenpolitik zu wahren.

Darüber hinaus greifen alle drei auf ein gemeinsames Begriffsrepertoire zurück (Antiimperialismus, Multipolarität, selektive Souveränität), das sie aus langlebigen politischen Traditionen der Region übernommen haben und das flexibel genug ist, um eine territoriale Invasion in Osteuropa aufzunehmen und zu rechtfertigen.

Sowjetnostalgie als ideologisches Substrat: Der Mythos der UdSSR als Schutzmacht

Dass diese Repertoires über den bolivarianischen Block hinaus wirken, verweist auf eine historische Dimension, die politische Wahrnehmungen in bedeutenden Teilen Lateinamerikas und der Karibik strukturiert. Sie äußert sich in der Sowjetnostalgie – also in der Vorstellung, die Sowjetunion und, in ihrer Verlängerung, Russland als ihr geopolitischer Nachfolger seien ein notwendiges Gegengewicht zur US-amerikanischen Hegemonie.

Tschechoslowakisches Propagandaplakat: „Der Sozialismus hat den kolonialen Völkern den Weg zur Befreiung eröffnet“ (1970er- bis 1980er-Jahre). Es steht für das sowjetische Narrativ, das den Sozialismus mit der Dekolonisierung und der Unterstützung frisch unabhängig gewordener Staaten im Kalten Krieg verband. Quelle: Socialism Goes Global

Diese Vorstellung ist keineswegs randständig: Über Jahrzehnte galt die UdSSR Teilen der lateinamerikanischen Linken, nationalen Befreiungsbewegungen und bestimmten intellektuellen Kreisen als einziger Akteur, der die US-Intervention in der Region begrenzen konnte. Nach ihrer Auflösung 1991 nahm dieses kollektive Gedächtnis die Gestalt einer Nostalgie an, die Moskau seither zu reaktivieren und strategisch zu instrumentalisieren sucht.

Die diskursive Operation, mit der Russland die Invasion der Ukraine gegenüber lateinamerikanischen Öffentlichkeiten rechtfertigte, knüpfte denn auch gezielt an diese Nostalgie an. Indem Moskau sein Vorgehen als „defensive Reaktion“ auf die NATO-Osterweiterung darstellte, aktivierte es ein bereits etabliertes Deutungsmuster: das einer nichtwestlichen Macht, die dem Vordringen eines hegemonialen Westens widersteht. Russland besetzt in dieser Logik symbolisch den Platz, den die UdSSR im Kalten Krieg als historische Gegenmacht innehatte; der Krieg in der Ukraine erscheint nicht als territoriale Aggression, sondern als weitere Episode dieses antiimperialistischen Widerstands. Die Kontinuität zum Vokabular des Kalten Krieges ist dabei kein Zufall, sondern Teil der Kommunikationsstrategie Russlands gegenüber der Region.

Diese Erinnerung wirkt in der Region allerdings unterschiedlich stark. In Kuba, wo das Bündnis mit der UdSSR jahrzehntelang die wichtigste Überlebensgarantie des Regimes war, ist die Gleichsetzung Russlands mit der historischen Rolle der Sowjetunion emotional und institutionell besonders stark aufgeladen; sie ist eben keine bloße geopolitische Analogie, sondern die Erinnerung an wechselseitige Abhängigkeit. In Venezuela und Nicaragua ist die Verbindung dagegen eher ideologisch als historisch: Der Name der UdSSR wird als Bild des Antiimperialismus aufgerufen, mit dem diese Regime ihre eigenen politischen Werdegänge legitimieren. In Ländern wie Mexiko oder Argentinien wirkt die Sowjetnostalgie diffuser, vor allem über linke intellektuelle und akademische Traditionen, die im Kalten Krieg theoretische oder symbolische Verbindungen zur sozialistischen Welt geknüpft hatten und den Krieg 2022 tendenziell in den Kategorien jener Zeit verarbeiteten.

Der größte strategische Wert dieser Vorstellung liegt aus Moskauer Sicht darin, dass sie wirkt, ohne ausgesprochen zu werden. Lateinamerikanische Akteure müssen keine Sympathie für Putin oder seine politische Organisation bekunden; es genügt, dass sie das Muster einer „nichtwestlichen Macht, die dem Westen widersteht“ aufrufen, damit das russische Narrativ auf einen aufnahmebereiten Rahmen trifft. Sowjetnostalgie wirkt damit nicht als bewusste Ideologie, sondern als latente Deutungsstruktur – eine Struktur, welche die in den vorangegangenen Abschnitten untersuchten Diskurse, jene der offenen Unterstützung wie jene der aktiven Neutralität, in unterschiedlichem Maße bewusst aktiviert haben.

Der Block der „aktiven Neutralität“: Die Fälle Mexiko und Brasilien

Analytisch ergiebiger sind die Fälle Mexiko und Brasilien, denn sie zeigen, wie diplomatische Traditionen mit universalistischem Anspruch unter bestimmten Bedingungen praktische Wirkungen entfalten können, die einer aktiven Parteinahme ähneln. Beide Regierungen präsentierten sich als neutral oder als Vermittler; ihr Diskurs brachte jedoch Deutungsrahmen des Konflikts in Umlauf, die sich inhaltlich weitgehend mit dem russischen Narrativ deckten. Der Unterschied zum Block der offenen Unterstützung liegt insofern nicht im Inhalt des Deutungsrahmens, sondern in seiner Darbietung: Statt Russland offen zu unterstützen, kritisierten sie den Westen; statt die Invasion zu rechtfertigen, setzten sie die Verantwortung beider Seiten gleich.

In Mexiko lehnte Andrés Manuel López Obrador Wirtschaftssanktionen gegen Russland ausdrücklich ab und berief sich dabei auf den Grundsatz „guter Beziehungen zu allen Regierungen der Welt“; er verortete seine Position in der Estrada-Doktrin und in der Tradition der Nichteinmischung, welche die mexikanische Außenpolitik seit den 1930er-Jahren prägt. Dieser Rahmen hatte allerdings eine zusätzliche ideologische Dimension, die ihn von bloßem Legalismus unterschied: Abgeordnete der Regierungspartei Morena gründeten im Kongress ein „Freundschaftskomitee Mexiko–Russland“, bei dessen Auftaktveranstaltung der russische Botschafter Mexiko öffentlich dafür dankte, dass es sich den Sanktionen „niemals anschließen“ werde. Charakteristisch für die mexikanische Position ist genau diese Überlagerung eines althergebrachten diplomatischen Grundsatzes – der Nichteinmischung – mit Gesten politischer Nähe zu Moskau: kein schlichter Pragmatismus, sondern ein Zusammenfallen von Rechtstradition und ideologischer Affinität. Entscheidend ist, dass dieses Zusammenfallen keine ausdrückliche Entscheidung zugunsten Russlands erforderte – es genügte die konsequente Anwendung eines bereits vorhandenen Grundsatzes, um ein Ergebnis zu erzeugen, das Moskau nutzen konnte.

Abgeordnete des mexikanischen Bundeskongresses und der russische Botschafter in Mexiko, Wiktor Koronelli (links), bei der konstituierenden Sitzung der Freundschaftsgruppe Mexiko–Russische Föderation. Quelle: Infobae

Noch komplexer zeigt sich diese Dynamik im Fall Lula da Silva in Brasilien. Im April 2023 erklärte Lula auf einer Reise nach China und in die Vereinigten Arabischen Emirate, die Vereinigten Staaten sollten aufhören, den Krieg zu „befeuern“, und „anfangen, über Frieden zu sprechen“; Washington und die Europäische Union bezeichnete er als Akteure, die mit Waffenlieferungen an die Ukraine zur Fortdauer des Konflikts „beitragen“. Die internationale Reaktion zeigte, welche objektive Wirkung dieser Deutungsrahmen entfaltete: Der Sprecher des Weißen Hauses warf Lula vor, „russische und chinesische Propaganda nachzuplappern“, während der russische Außenminister Sergej Lawrow, der in derselben Woche Brasília besuchte, Brasilien für sein „klares Verständnis der Ursprünge der Lage“ dankte . Dass ein und dieselbe Äußerung zugleich im Westen verurteilt und in Moskau gelobt wurde, heißt nicht, dass Lula als Agent russischer Propaganda gehandelt hätte. Es lässt jedoch den Schluss zu, dass der von ihm genutzte Deutungsrahmen – die Gleichsetzung der Verantwortung des Aggressors mit jener der Waffenlieferanten – unabhängig von der dahinterstehenden Absicht funktional mit russischen Interessen vereinbar war.

Diese Spannung zwischen formaler Position und praktischer Wirkung zeigt sich auch im Verhalten Brasiliens in multilateralen Foren. Brasília verurteilte die Invasion in den Vereinten Nationen, stimmte aber zugleich für eine Untersuchung des Anschlags auf die Nord-Stream-Pipeline, und Lula regte an, die Ukraine solle im Rahmen einer Verhandlungslösung die Abtretung der Krim erwägen. Dieses Muster – formale Verurteilung bei praktischer Äquidistanz – spiegelt die Spannung zwischen zwei Traditionen brasilianischer Außenpolitik: dem Multilateralismus, der eine bedingungslose Anlehnung verhindert, und dem Führungsanspruch im Globalen Süden, der Brasilien über den Lagern positionieren will. Es zeigt, wie bereits vorhandene ideologische Rahmen – hier der Anspruch auf strategische Autonomie – ohne Vorsatz Deutungen des Konflikts hervorbringen können, die Russland stärker entgegenkommen, als das formale Abstimmungsverhalten in den Vereinten Nationen vermuten lässt. In der Summe teilen die Diskurse des Blocks der „aktiven Neutralität“ eine gemeinsame narrative Struktur: die NATO-Osterweiterung als Ursache des Konflikts, den Westen als Mitverantwortlichen und das Streben nach Frieden ohne ausdrückliche Verurteilung als ethisch überlegene Haltung. Diese Struktur wurde nicht unmittelbar aus Moskau importiert, sondern von den innenpolitischen Agenden der Länder selbst aktiviert – gleichwohl erwies sie sich in multilateralen Foren als funktional deckungsgleich mit russischen Interessen. Um zu verstehen, warum diese Diskurse im Inneren Zuspruch fanden und keine größeren politischen Kosten verursachten, ist das mediale Ökosystem zu betrachten, in dem sie entstanden und zirkulierten.

Desinformation, Propaganda und die mediale Konstruktion des Krieges

Die lateinamerikanische Wahrnehmung des Krieges in der Ukraine wurde nicht allein von den diplomatischen Positionen der Regierungen geprägt, sondern auch von einem medialen Ökosystem, in dem russische Propaganda, Desinformation und ideologische Polarisierung im Netz mit bemerkenswerter Wirksamkeit arbeiteten. Die Analyse dieses Ökosystems ist für die Kernthese von Bedeutung, weil sie den Mechanismus erklärt, über den russlandfreundliche Narrative auch jenseits offizieller Kreise ein Publikum fanden: Sie stützten sich auf bereits vorhandene Medieninfrastrukturen und auf kulturell verankerte Vorprägungen. Zu unterscheiden sind dabei zwei verwandte, aber trennbare Phänomene: Desinformationsoperationen, die identifizierbaren prorussischen Akteuren zuzurechnen sind, und ideologische Narrative, die eigenständig zirkulierten und an regionale politische Traditionen anknüpften.

Narrative und Medienoperationen prorussischer Akteure

Zunächst ist der strukturelle Vorsprung zu berücksichtigen, den russische Medien in der Region schon vor Kriegsbeginn hatten. RT en Español entstand 2009 und damit früher als vergleichbare europäische Angebote wie DW oder France 24 auf Spanisch, was es dem Sender erlaubte, vor seinen Konkurrenten ein gefestigtes Publikum aufzubauen. Dieser Vorsprung ist analytisch bedeutsam: Als die Invasion begann, musste RT sein Publikum nicht erst gewinnen, sondern lediglich bereits bestehende Verbreitungsnetze aktivieren. Der Kontrast zu den wenig entwickelten europäischen oder ukrainischen Angeboten auf Spanisch, die ihre Präsenz unter Zeitdruck erst aufbauen mussten, erklärt einen Teil der informationellen Asymmetrie, welche die Berichterstattung über den Konflikt in der Region kennzeichnete.

Eine Analyse des Digital Forensic Research Lab des Atlantic Council ergab, dass „USA“ das häufigste Schlagwort in den Untertiteln von RT en Español war und dass sich die Facebook-Inhalte des Senders systematisch stärker auf die Vereinigten Staaten als auf einzelne lateinamerikanische Länder bezogen. Der Forscherin Iria Puyosa zufolge zieht sich „die Infragestellung des amerikanischen Imperialismus als roter Faden durch die Kommunikation von RT in der Region“. Dieser Befund ist zentral, um die Durchdringungslogik von RT zu verstehen: Die Botschaft ist nicht in erster Linie „prorussisch“ im positiven Sinne, sondern antiamerikanisch. Diese Unterscheidung ist erheblich, weil sie das Spektrum möglicher Zielgruppen deutlich erweitert. Wo das Misstrauen gegenüber Washington quer durch das politische Spektrum reicht, bis in progressive Milieus, soziale Bewegungen oder kritische akademische Kreise, kann der antiamerikanische Deutungsrahmen von RT ideologisch anschlussfähig und attraktiv wirken, ganz unabhängig von jeder Sympathie für Russland. Der Krieg in der Ukraine gab RT einen neuen Gegenstand, auf den sich dieser bereits vorhandene Rahmen projizieren ließ, und die im vorigen Abschnitt beschriebene Sowjetnostalgie lieferte das historische Substrat, das die Botschaft kulturell wiedererkennbar machte. Dieser Mechanismus einer Übernahme ohne ausdrückliche Abstimmung lässt sich auch auf akademischer Ebene beobachten. Der Forscher Vladimir Rouvinski dokumentiert, dass an Universitäten und in Thinktanks in Mexiko und Argentinien einzelne Analysten Deutungsrahmen des Konflikts, die dem offiziellen russischen Diskurs entsprechen, als eigene Sichtweise vertreten – bis hin zur Verwendung des Begriffs „militärische Spezialoperation“ statt „Invasion“. Seine zentrale Beobachtung lautet, dass „sich ihre Narrative ändern, wenn sich die Narrative Moskaus ändern“. Dieses vor allem in Mexiko und Argentinien dokumentierte Phänomen – zwei Länder mit den ausgeprägtesten akademischen Traditionen lateinamerikanischen kritischen Denkens – bedeutet nicht zwangsläufig, dass diese Akteure bewusste Agenten russischer Propaganda wären. Es legt vielmehr nahe, dass der von Moskau projizierte Deutungsrahmen – Antiimperialismus, Multipolarität – hinreichend anschlussfähig an bestehende intellektuelle Traditionen ist, um ohne kritische Reibung übernommen zu werden. Damit ist er ein beständigerer Einflusskanal als direkte Propaganda.

Die Intensität dieser Operationen war in Ländern mit größerer politischer Nähe zu Moskau höher, ihre geografische Reichweite jedoch regional. Einem Bericht des United States Institute of Peace aus dem Jahr 2023 zufolge haben sich russische Desinformationskampagnen in Lateinamerika nach den Invasionen von 2014 und 2022 deutlich verstärkt. Nicaragua ist dabei ein Extremfall, der sich qualitativ von den übrigen unterscheidet: Anders als in Mexiko oder Brasilien, wo der Einfluss vor allem über eigenständige Mittler wirkte, ist die prorussische Medieninfrastruktur in Nicaragua unmittelbar mit der politischen Macht verflochten. Medien aus dem Familienumfeld Daniel Ortegas wie JP+ kamen mit einem redaktionellen Kurswechsel, der mit dem Beginn der Invasion zusammenfiel, auf mehr als 800.000 YouTube-Abonnenten, während Telesur mit größerer regionaler Reichweite seine Berichterstattung systematisch am russischen Narrativ ausrichtete. Diese Verwischung der Grenze zwischen Medien und Macht ist analytisch bedeutsam, weil sie die Trennung zwischen äußerer und innerer Desinformation aufhebt: In solchen Kontexten muss russische Propaganda nicht von außen eindringen, weil sie über von einheimischen Verbündeten kontrollierte Medienstrukturen bereits von innen heraus wirkt.

Erschwerend kommt hinzu, dass Desinformation für ihre wirksame Verbreitung keine russischen Staatsmedien benötigte. Eine Analyse der Brookings Institution zeigte, dass sieben der fünfzehn am häufigsten retweeteten Konten im untersuchten Informationsökosystem unabhängige spanischsprachige Influencer ohne formale Bindung an RT oder Sputnik waren. Prorussische Deutungsrahmen waren von eigenständigen Akteuren so weit verinnerlicht worden, dass sie ohne ausdrückliche Abstimmung mit Moskau reproduziert werden konnten. Propaganda, die auf eigene Verbreitungskanäle verzichten kann, ist in gewisser Weise robuster und schwerer zu kontern als Propaganda, die auf identifizierbare Quellen angewiesen ist.

Das Selenskyj-Deepfake und KI-gestützte Desinformation

Der Krieg in der Ukraine markierte auch eine Zäsur beim Einsatz künstlicher Intelligenz für Desinformation in Kriegszeiten. Am 16. März 2022, drei Wochen nach Beginn der Invasion, kursierte ein KI-generiertes Video, in dem Präsident Selenskyj seine Soldaten auffordert, die Waffen niederzulegen. Verbreitet wurde das Material über prorussische Telegram-Kanäle; kurzzeitig erschien es auch auf der Website von Ukraine 24, die einen Cyberangriff meldete. Fachleute bezeichneten es als das erste Deepfake, das in einem bewaffneten Konflikt „absichtlich und in breit angelegter Täuschungsabsicht“ eingesetzt wurde. Analytisch bedeutsam ist der Fall nicht wegen der Überzeugungskraft des Videos – es wurde relativ rasch widerlegt –, sondern wegen der Unsicherheit, die er einführte: Von diesem Zeitpunkt an war die Möglichkeit, dass jedes offizielle Bild und jede offizielle Aussage gefälscht sein könnte, im öffentlichen Diskurs verankert – mit womöglich länger anhaltenden Folgen als der falsche Inhalt selbst. Eine Studie des University College Cork, die knapp 5.000 Tweets über Deepfakes aus den ersten sieben Monaten des Jahres 2022 auswertete, kam zu dem Ergebnis, dass Deepfakes systematisch dazu genutzt wurden, Verschwörungstheorien zu stützen und das Vertrauen in etablierte Medien zu untergraben – ein Effekt, der über den Inhalt einzelner Beiträge hinausgeht und das Vertrauen in Informationen insgesamt beeinträchtigt.

In Lateinamerika fanden solche Inhalte überall dort günstige Aufnahmebedingungen, wo die offizielle Deutung des Konflikts ohnehin Mehrdeutigkeit erzeugte. Das Projekt ATAFIMI dokumentierte, dass zwei KI-generierte TikTok-Videos über ukrainische Wehrpflichtige in Mexiko mehr als drei Millionen Aufrufe erreichten, ohne dass die Plattform sie mit einem Warnhinweis versehen hätte. Dass Mexiko der Fall mit der größten dokumentierten Reichweite in der Region ist, ist kein Nebenaspekt: Es gehört zu den Ländern, in denen die Haltung der Regierung bereits eine äquidistante Deutung des Konflikts erzeugte. Das deutet auf ein Zusammenspiel zwischen offiziellem politischem Diskurs und Desinformationsökosystem hin: Wo die Regierung keinen eindeutigen Aggressor benennt, stoßen Inhalte, die das ukrainische Militär vermenschlichen oder diskreditieren, beim Publikum auf geringeren kulturellen Widerstand und auf weniger Bereitschaft zur kritischen Prüfung.

Hinzu kam die Abwanderung von Desinformation auf Messengerdienste, nachdem europäische Sanktionen gegen RT und Sputnik verhängt worden waren. Ein Netzwerk von Telegram-Kanälen verbreitete annähernd 84.000 spanischsprachige Nachrichten, in denen falsche Inhalte mit echten Meldungen vermischt wurden. Diese bewusste Vermischungstaktik ist analytisch bedeutsam, weil sie Desinformation in eine Kostenfrage verwandelt: Wer Wahres von Falschem trennen will, muss in jeden einzelnen Inhalt mehr Zeit und kritisches Vermögen investieren. Die Fachliteratur spricht von „fact fatigue“ – viele Nutzer entscheiden sich daraufhin für jenes Narrativ, das ihren bisherigen Vorprägungen am besten entspricht. Dieser Mechanismus begünstigt systematisch bereits etablierte Deutungsrahmen, unter denen der lateinamerikanische Antiimperialismus einen zentralen Platz einnimmt. Eine in der Zeitschrift ICONO 14 veröffentlichte Studie bestätigte zudem, dass in den ersten Monaten des Konflikts false context die am häufigsten eingesetzte Strategie war – reale Bilder, die mit irreführenden Beschreibungen in einen neuen Zusammenhang gestellt wurden –, mit einem Produktionshöhepunkt in den ersten beiden Wochen der Invasion.

Anti-NATO-Narrative und ideologische Polarisierung im Netz

Neben Desinformation, die auf erfundenen Tatsachen oder umkontextualisierten Bildern beruht, prägten Deutungsrahmen die lateinamerikanische Wahrnehmung des Konflikts, die dessen geopolitischen Hintergrund unzulässig vereinfachten. Am weitesten verbreitet ist das Anti-NATO-Narrativ, das die Ursache des Konflikts ausschließlich der Ausdehnung des Westens nach Osten in Europa zuschreibt. Anders als faktische Desinformation arbeitet dieser Narrativtyp nicht mit erfundenen Tatsachen, sondern mit kausaler Vereinfachung: Er greift eine reale und legitime Debatte der Fachliteratur der Internationalen Beziehungen auf – die Rolle der NATO-Osterweiterung in der europäischen Sicherheitsarchitektur – und macht daraus die alleinige Erklärung des Konflikts. Andere Faktoren treten dabei in den Hintergrund: die ukrainische Souveränität als eigenständige Größe, die russische Aggressionsgeschichte vor 2022 (von Tschetschenien und Georgien bis zur Annexion der Krim 2014) und die völkerrechtlichen Verpflichtungen. Das Ergebnis ist eine Kausalstruktur, die eine territoriale Invasion in einen symmetrischen geopolitischen Streit verwandelt, in dem beide Seiten gleichermaßen verantwortlich sind. Dass dieses Narrativ in Lateinamerika stärker verfing als in anderen Weltregionen, überrascht nicht: Es speist sich aus demselben ideologischen Substrat wie die Sowjetnostalgie – aus der Vorstellung nämlich, der Westen und die NATO als sein militärischer Arm seien eine strukturelle Bedrohung und keine Garantie kollektiver Sicherheit. Dem Reuters Institute zufolge schuf der Krieg im spanischsprachigen Raum „einen fruchtbaren Boden für die Verbreitung dieser Narrative“. Julio Montes, Mitbegründer von Maldita.es, beschreibt den Mechanismus präzise: „Wer RT oder Sputnik konsumiert, ist bereits ein Konsument, der hinzugekommen ist und diese Inhalte konsumiert, weil er von bestimmten Narrativen schon überzeugt worden ist.“ Prorussische Desinformation hat die ideologischen Vorprägungen ihres lateinamerikanischen Publikums nicht geschaffen – sie hat sie ausgenutzt. Der historisch gewachsene Antiimperialismus der Region, das Misstrauen gegenüber der NATO als Instrument Washingtons und die Erinnerung an die sowjetische Rolle als Gegengewicht bildeten das Substrat, auf dem russische Narrative fruchtbaren Boden fanden. Der Ukrainekrieg hat dieses Substrat aktualisiert und reaktiviert, nicht aber aus dem Nichts geschaffen.

Prüfen lässt sich dieses Argument am Gegenbeispiel Uruguays. Uruguay war das einzige Land der Region, das der Desinformation über den Krieg aktiv entgegentrat – über Mechanismen der öffentlichen Kommunikation, die die Position der Regierung ausdrücklich von prorussischen Narrativen abgrenzten. Dass ausgerechnet Uruguay die Ausnahme bildet, ist kein Zufall: Es ist das Land mit der schwächsten antiimperialistischen Tradition als innenpolitischer Kultur, mit der größten ideologischen Distanz zum bolivarianischen Block und ohne jene Erinnerung an sowjetische Abhängigkeit, die Kuba prägt. Dieser Kontrast legt nahe, dass die institutionelle Passivität anderer Länder gegenüber Desinformation nicht bloß Nachlässigkeit war, sondern von denselben ideologischen Rahmen geformt wurde, die das Eindringen prorussischer Narrative überhaupt erst erleichtert haben.

Politische Diskurse, prorussische Medieninfrastruktur und ideologische Polarisierung im Netz führten zusammengenommen zu einer Wahrnehmung des Konflikts, in der die Invasion vielfach als weitere Episode eines Streits zwischen Großmächten erschien und die Verantwortlichkeiten symmetrisch oder gar umgekehrt zu den völkerrechtlich festgestellten dargestellt wurden. Diese Konstruktion war nicht in allen Ländern identisch oder gleich stark ausgeprägt, doch sie bestimmte den Raum des politisch Möglichen für die Regierungen der Region in den im vorigen Abschnitt untersuchten multilateralen Foren: Das Ausbleiben einer ausdrücklichen Verurteilung kostete innenpolitisch dort weniger, wo das vorherrschende öffentliche Narrativ keinen eindeutigen Aggressor benannte.

Gerade angesichts dieser vom Kreml betriebenen leistungsfähigen Propagandamaschinerie ist zu prüfen, wie die materielle und institutionelle Wirklichkeit des Putin-Regimes tatsächlich beschaffen ist.

Das heutige Russland und die UdSSR: Von der scheinbaren Kontinuität zum strukturellen Bruch

In der aktuellen politischen Debatte hat sich, besonders sichtbar in Teilen der Linken, die Neigung durchgesetzt, die heutige Russische Föderation mit der Sowjetunion gleichzusetzen. Diese Gleichsetzung stützt sich meist auf zwei Elemente: das territoriale Erbe und die Vorstellung einer historisch-politischen Kontinuität zwischen beiden Staaten.

Die folgende Analyse konzentriert sich dazu auf drei Dimensionen: die politische Doktrin, die Rolle der Religion und das Wirtschaftsmodell. Zusammen zeigen sie deutlich, dass Putins Russland das sowjetische Projekt nicht fortführt, sondern es nach einer postsowjetischen, nationalkonservativen und autoritär-kapitalistischen Logik neu ordnet.

Vom revolutionären Universalismus zum Putinismus

Ein entscheidender Bruch liegt bereits im Wesen des politischen Projekts. Die Sowjetunion begründete ihre Existenz mit einer marxistisch-leninistischen Ideologie universalistischen Anspruchs, die definitionsgemäß internationalistisch war und auf eine weltweite historische Umwälzung zielte. Ihre Legitimität beruhte auf dem Versprechen, die sozialen Klassen abzuschaffen, den Kapitalismus zu überwinden und den Sozialismus über die eigenen Grenzen hinaus auszudehnen. Die sowjetische Praxis war zwar voller Widersprüche, doch ihre Legitimationssprache verwies weiterhin auf einen universalistischen Horizont: Die Geschichte strebe einer höheren Ordnung entgegen, welche die UdSSR der Menschheit über den Sozialismus zu bringen beanspruchte.

Das heutige Russland ist demgegenüber nicht um ein universelles Emanzipationsversprechen herum organisiert, sondern um eine konservative nationalstaatliche Logik. Der Diskurs des Kremls hat sich zunehmend der Vorstellung Russlands als „Zivilisationsstaat“ zugewandt – einer besonderen historischen Gemeinschaft, die ihre Souveränität, ihre kulturelle Eigenart und ihre Einflusssphäre gegen den Westen zu verteidigen habe. Kategorien wie der Russkij mir (die „russische Welt“), erfüllen in diesem Rahmen eine symbolische und geopolitische Kohäsionsfunktion: Sie rufen nicht zur Weltrevolution auf, sondern zur Bewahrung einer erweiterten – und angeblich bedrohten – nationalen Identität.

Diese Verschiebung ist entscheidend, weil sie den Typus des politischen Subjekts verändert, den das Regime mobilisieren will. Die UdSSR sprach im Namen der Klasse und der historischen Zukunft der Menschheit; Putins Russland spricht im Namen der Nation, der Tradition und des Fortbestands der eigenen Ordnung. Das ist keine bloße Änderung der Rhetorik, sondern eine Verschiebung in der Form der Legitimität von Herrschaft. Der Putinismus will die bestehende Ordnung insofern nicht abschaffen, um eine neue universelle zu errichten; er will Autorität, Disziplin und Hierarchie wiederherstellen – im Namen der Souveränität und einer vom Kreml selektiv konstruierten historischen Kontinuität.

Der Glaube als Legitimationsressource

Ein weiterer struktureller Bruch zeigt sich in der Stellung der Religion. Über weite Strecken ihrer Geschichte verstand sich die UdSSR als offiziell atheistischer Staat und führte systematische Kampagnen gegen religiöse Institutionen, kirchliche Hierarchien und den öffentlichen Einfluss des Glaubens. Diese Politik war nicht bloß ein kulturelles Merkmal des Regimes, sondern Teil eines umfassenderen Projekts, jede symbolische Autorität dem sozialistischen Staat unterzuordnen. Der sowjetische Atheismus zielte auf eine säkulare Moderne, in der die Religion der Partei nicht länger als Quelle von Sinn, Wahrheit und Legitimität Konkurrenz machen sollte.

Das heutige Russland verfährt in umgekehrter Richtung. Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist wieder in den Kern der nationalen Identität eingerückt und trägt maßgeblich zur Legitimierung politischer Macht bei. Sie ist mehr als ein rein religiöser Akteur: Dem Regime dient sie als moralische und ideologische Stütze und hilft, staatliche Autorität in die Sprache von Tradition, historischer Kontinuität und gemeinsamen „traditionellen“ Werten zu übersetzen. Religion erscheint damit nicht länger als eine zu beseitigende Kraft, sondern wird zu einer nützlichen Ressource, um die Gesellschaft zusammenzuhalten, Verhalten zu disziplinieren und Konservatismus zu fördern – durch Abgrenzung Russlands von einem als dekadent oder moralisch verkommen gezeichneten Westen.

Die politische Tragweite dieser Verschiebung sollte nicht unterschätzt werden. In der UdSSR galt die Religion als Hindernis beim Aufbau der neuen Ordnung. Heute dient sie als Instrument, die politische Ordnung zu sakralisieren. Wo das sowjetische Projekt den Glauben durch sozialistische Rationalität ersetzen wollte, führt ihn das gegenwärtige Regime als Mechanismus der Legitimation und der moralischen Kohäsion in den öffentlichen Diskurs zurück. Der Unterschied ist keiner des Grades, sondern des historischen Sinns.

Von der Zentralverwaltungswirtschaft zum oligarchischen Kapitalismus

Der wirtschaftliche Unterschied ist entscheidend. Das sowjetische System beruhte auf der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln, auf zentraler Planung und auf staatlicher Kontrolle über Preise, Löhne, Industrieproduktion und Güterverteilung. Dieses Modell zielte nicht darauf, private Rentabilität zu maximieren, sondern die Wirtschaft an politischen, vom Staat gesetzten Zielen auszurichten; die bürokratische Zentralisierung war ein konstitutives Merkmal des sowjetischen Systems. Das heutige Russland operiert demgegenüber in einer kapitalistischen Marktstruktur, die allerdings stark von politischer Macht und von staatlichen Eingriffen in strategischen Sektoren geprägt ist. Privateigentum ist zentral, die Kapitalakkumulation folgt Profitlogiken, und das Gewicht der Unternehmensgruppen ist entscheidend. Kennzeichnend für das gegenwärtige Regime ist jedoch, dass diese Akkumulation nicht in einem vollständig autonomen Markt stattfindet, sondern in einem Umfeld, in dem Zugang zur Macht, politische Loyalität und präsidiale Protektion grundlegende Strukturfaktoren sind. Deshalb ist häufig von oligarchischem oder patrimonialem Kapitalismus die Rede und nicht schlicht von marktwirtschaftlichem Kapitalismus.

Strategische Sektoren wie Energie, Infrastruktur oder Rüstungsindustrie stehen weiterhin unter starker staatlicher Kontrolle; diese Kontrolle ist jedoch nicht mit sozialistischer Planung gleichzusetzen. Sie ist vielmehr Ausdruck einer Verbindung von politischer Autorität, Rentenabschöpfung und Unterordnung zentraler Wirtschaftsakteure. Russlands Wirtschaftsstruktur führt die sowjetische Erfahrung daher nicht fort – sie ersetzt sie durch eine autoritär-kapitalistische Ordnung mit starker Vermögenskonzentration und hoher Abhängigkeit von der politischen Macht.

Zusammengenommen zeigen diese drei Transformationen deutlich, dass die heutige Russische Föderation ein kapitalistischer, nationalistischer und konservativer Staat mit autoritären Zügen und einem instrumentellen Gebrauch von Religion und geopolitischer Macht ist. Zwar hält sie an bestimmten symbolischen Bezügen zur sowjetischen Vergangenheit fest, doch ihre politische Doktrin, ihre institutionelle Struktur und ihr Wirtschaftsmodell haben mit dem sozialistischen Projekt der UdSSR nicht das Geringste gemein. Eben deshalb lautet die relevante Frage nicht, ob beide Regime gleichwertig sind, sondern warum bestimmte Akteure sie mehr oder weniger stark weiterhin so deuten, als wären sie es.

Warum ist von Kontinuität die Rede? Eine Annäherung an die Deutungsmuster der Linken

Wie dieser Beitrag durchgehend zeigt, gibt es in Lateinamerika und der Karibik nicht „die Linke“ als einheitlichen Block, sondern eine Vielzahl von Traditionen, Empfindsamkeiten und Deutungsrepertoires, die sich unter diesem Etikett nur näherungsweise bündeln lassen. Die Gleichsetzung des kapitalistischen, konservativen Russlands Putins mit der untergegangenen Sowjetunion findet sich daher nur selten ausdrücklich in offiziellen Dokumenten linker Kräfte. Sie lebt vielmehr als Bündel geteilter historischer Deutungsrahmen fort, das gesellschaftlich wirkt: in der Wahlkampfkultur, im Aktivismus an der Basis, in wohlgesinnten Meinungsräumen und gelegentlich in der Rhetorik einzelner Führungsfiguren.

Auf dieser Grundlage lassen sich mindestens vier Deutungsströmungen unterscheiden, die erklären helfen, warum ein Teil des politischen Spektrums Russland weiterhin durch eine sowjetische Linse betrachtet. Sie schließen einander nicht aus; im Gegenteil, sie treten innerhalb derselben Koalitionen häufig nebeneinander auf, verstärken sich gegenseitig und werden je nach Umständen und je nach Haltung des einzelnen Akteurs zu den Vereinigten Staaten, zum Kalten Krieg oder zu den geopolitischen Auseinandersetzungen der Gegenwart kombiniert.

  1. Sowjetnostalgie.
  2. Russland als geopolitischer Erbe.
  3. Prorussischer Antiimperialismus.
  4. Direkte Identifikation.

Sowjetnostalgie

Darunter lässt sich eine tiefe emotionale, ideologische und historische Bindung an die Sowjetunion verstehen. Ihr Gewicht erklärt sich daraus, dass die UdSSR für breite Teile der Linken (für jene, die den Kalten Krieg erlebt haben oder politisch von seinem Narrativ geprägt wurden) ein unauslöschliches Symbol des sozialistischen Ideals, der logistischen Unterstützung von Befreiungsbewegungen und der Finanzierung von Revolutionen und politischen Prozessen in der Region darstellt. Die sowjetische Erinnerung erschöpft sich daher nicht in der Nostalgie nach einem untergegangenen Staat, sondern verdichtet ein Bild von Macht, Disziplin und historischer Möglichkeit.

Diese Nostalgie wird vom Kommunikationsapparat des Kremls gezielt genährt. Mit dem strategischen Einsatz sowjetischer Ästhetik – etwa roten Fahnen mit Hammer und Sichel bei den Paraden zum Tag des Sieges oder der Überhöhung des „Großen Vaterländischen Krieges“ – spricht die russische Regierung das affektive Gedächtnis der internationalen Linken an. So diente der Tag des Sieges 2024 als politisch aufgeladenes symbolisches Ereignis. Der Kreml erinnerte damit nicht nur an die Niederschlagung des Nationalsozialismus 1945, sondern suchte diesen sowjetischen Sieg zugleich mit dem Russland Putins und dem Krieg in der Ukraine zu verknüpfen.

Für diese Kräfte ist die Unterstützung Russlands nicht immer eine Zustimmung zu seinem heutigen oligarchischen Wirtschaftsmodell, sondern ein Akt historischer Loyalität gegenüber jener Macht, die für ihre Kämpfe entscheidend war.

Russland als geopolitischer Erbe

Diese Position ist pragmatischer. Sie erkennt an, dass Russland nicht mehr sozialistisch ist, bestätigt es aber als Erben des geopolitischen Gewichts der Sowjetunion. Ausgangspunkt ist, dass die UdSSR jahrzehntelang ein reales Gegengewicht zur US-amerikanischen Hegemonie bildete und dass sich nach ihrem Zusammenbruch in den 1990er-Jahren eine unipolare Ordnung durchsetzte. Vor diesem Hintergrund eröffnete Russlands Wiedererstarken bestimmten politischen Kräften die Aussicht auf eine neue multipolare Ordnung, in der Russlands militärische Fähigkeiten, sein Vetorecht in den Vereinten Nationen und seine Bereitschaft, die westliche Sicherheitsarchitektur herauszufordern, ins Gewicht fallen.

Putins konservative Innenpolitik tritt insofern hinter den strategischen Nutzen zurück, den Moskau als Gegengewicht oder Korrektiv zu den Vereinigten Staaten – beziehungsweise zum Westen – und deren Verbündeten bietet. Deutlich wird diese Logik im Verhältnis zwischen Russland und einzelnen lateinamerikanischen Regierungen, die dem Druck aus Washington etwas entgegensetzen wollen. So haben Kuba und Venezuela ihre Bindungen an Moskau nicht aus ideologischer Nähe zum Putinismus aufrechterhalten, sondern weil Moskau in Situationen der Isolation oder unter Sanktionen energiepolitische, militärische und diplomatische Unterstützung bieten kann. Ein konkretes Beispiel: Im November 2024 unterzeichneten Russland und Venezuela Kooperationsabkommen in den Bereichen Sicherheit und Energie und festigten damit eine Beziehung, die weniger vom Sozialismus als vom Überlebensbedürfnis im gegenwärtigen geopolitischen Umfeld bestimmt ist.

Prorussischer Antiimperialismus

In diesem Deutungsrahmen ist die Welt binär geteilt: in die Kräfte des westlichen Imperialismus (die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und die NATO) und jene, die ihm widerstehen. Diese reaktive Logik macht die Unterstützung der Russischen Föderation zu einer Unterstützung aus Gegnerschaft, nicht zu einer positiven Zustimmung zu ihrem gesellschaftlichen oder politischen Modell. Russland wird verteidigt und in jene Bildwelt des Widerstands eingeordnet, die einst die UdSSR verkörperte – allein deshalb, weil es denselben Gegnern gegenübersteht, auch wenn es dies aus einer anderen historischen Position und mit einer völlig anderen Staatsstruktur tut. Diese Haltung erklärt ein wiederkehrendes Paradox: Teile der Linken lesen internationale Politik fast ausschließlich durch die Linse der Konfrontation mit den Vereinigten Staaten und rechtfertigen oder verharmlosen am Ende Praktiken des Kremls, die sie andernfalls ohne Zögern anprangern würden. So werden die Repression sexueller Minderheiten, die Einschränkung abweichender Meinungen, die Verschärfung der Kontrolle über das öffentliche Leben und die Verfestigung eines offiziellen moralischen Konservatismus relativiert oder unmittelbar der geopolitischen Priorität untergeordnet, dem Westen entgegenzutreten. Das Problem ist nicht nur ein ethisches, sondern auch ein analytisches: Wird jede Handlung des Kremls als legitime Antwort auf westliche Macht gedeutet, geht die Fähigkeit verloren, zwischen antihegemonialem Widerstand und innerem Autoritarismus zu unterscheiden. Nach derselben Logik treten Extraktivismus, die militarisierte Zentralisierung der Wirtschaft und die Unterordnung der Gesellschaft unter die Staatsmacht in den Hintergrund. Der Antiimperialismus hört so auf, Kritik an Macht zu sein, und wird zu einer Grammatik der Zuordnung, die eine Form selektiver Blindheit erzeugt.

Diese Logik erlaubt es dem prorussischen Antiimperialismus, in Moskau weiterhin eine Figur des Widerstands zu sehen, obwohl das russische Regime seinem tatsächlichen Gehalt nach kapitalistisch, nationalistisch und autoritär ist und mit dem sowjetischen Projekt in der Sache nichts zu tun hat.

Direkte Identifikation

Diese Minderheitenposition versteht das heutige Russland als ein und dieselbe UdSSR – nicht als deren Äquivalent oder Nachfolgerin, sondern als beinahe wörtliche Fortsetzung. In Regierungskoalitionen der modernen Linken ist diese Kategorie üblicherweise nicht vertreten; sie konzentriert sich vielmehr in Milieus orthodoxer und stark ideologisierter kommunistischer Militanz. Dort scheint die Geschichte in erstarrten Kategorien des Kalten Krieges gelesen zu werden, was eine Spiegelung zwischen den Akteuren der Gegenwart und jenen des 20. Jahrhunderts erzeugt.

In dieser Lesart erscheint die Konfrontation des Kremls mit dem Westen als Fortsetzung des Klassenkampfes oder der sowjetischen internationalen Expansion. Selbst Narrative wie die angebliche „Entnazifizierung“ der Ukraine werden als Entsprechung zum Sieg von 1945 dargestellt und verwischen so den Unterschied zwischen dem historischen antifaschistischen Krieg und der heutigen russischen Außenpolitik. Jede Kritik an Moskau gilt diesen Kräften automatisch als proimperialistische Propaganda, ohne dass sie sich mit dem kapitalistischen und imperialen Charakter des russischen Staates von heute auseinandersetzen.

Das Problem dieser Identifikation ist nicht nur analytischer, sondern auch politischer Natur. Indem Russland mit der UdSSR zur Deckung gebracht wird, verschwindet die Mutation des russischen Regimes vollständig. Statt die Gegenwart zu lesen, wird ein geschlossener historischer Rahmen auf sie projiziert.

Erinnerung und Pragmatismus

Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund, dass das heutige Russland all diese Deutungen zugleich für sich nutzen kann. Der Grund liegt nicht darin, dass Moskau sowjetisch geblieben wäre, sondern darin, dass seine Symbolpolitik, seine Konfrontation mit dem Westen und sein selektiver Rückgriff auf das historische Gedächtnis es ihm erlauben, sich zwischen verschiedenen Deutungsrahmen zu bewegen, ohne auf einen davon festgelegt zu sein.

In Ländern wie Kuba oder Venezuela verschränken sich diese Kategorien auf komplexe Weise. Während die Regierungsspitzen der Pragmatik des prorussischen Antiimperialismus und der geopolitischen Kontinuität folgen – und Öl- oder Militärabkommen unterzeichnen, um die Isolation durch die Vereinigten Staaten zu überstehen –, greifen Basisaktivisten und der staatliche Kommunikationsapparat häufig auf Sowjetnostalgie oder gar auf die direkte Identifikation zurück, um diesen transaktionalen Bündnissen einen epischen, revolutionären Glanz zu verleihen. Genau an dieser Schnittstelle zwischen geopolitischer Notwendigkeit und historischer Erinnerung überlebt das Trugbild der Kontinuität.

Schlussfolgerungen

Die in diesem Artikel vorgelegte Analyse des historischen Hintergrunds, der diplomatischen Foren und der medialen Narrative zeigt, dass Lateinamerikas Reaktion auf den Krieg in der Ukraine weder Zufall noch bloße pragmatische Reaktion ist. Der Konflikt hat vielmehr als Katalysator gewirkt und die tiefen Wurzeln der politischen Kultur der Region freigelegt. Wie Lateinamerika die internationale Gegenwart entschlüsselt, bestimmen die Erinnerungen des 20. Jahrhunderts: ausländische Interventionen, wirtschaftliche Asymmetrie und die Unterstützung von Diktaturen. Aus dieser Geschichte erwuchs ein strukturelles Misstrauen gegenüber den westlichen Mächten, das bis heute eine tragende Achse der öffentlichen Debatte und der außenpolitischen Praxis bildet.

Dieses historische Fundament zu verstehen, ist der Schlüssel zu der Frage, warum die Region auf die Invasion nicht als geschlossener Block reagiert hat. Beim Versuch, die Achtung des Völkerrechts mit den eigenen strategischen Interessen auszubalancieren, zeigten die lateinamerikanischen Staaten eine tiefe Zersplitterung. Das Spektrum reicht von der Unterstützung autoritärer Regime, die in Moskau eine politische und materielle Überlebenshilfe sehen, bis zur diplomatischen Verurteilung durch Länder, die ihre Volkswirtschaften schützen wollen und deshalb Sanktionen meiden. Besonders aufschlussreich ist die Haltung der „aktiven Neutralität“, wie sie Mächte wie Brasilien oder Mexiko einnehmen. Sie entspringt zwar dem legitimen Bemühen, Autonomie zu wahren und sich nicht den Agenden des Nordens unterzuordnen; in der Praxis führt diese Doktrin der Nichteinmischung jedoch zu einer asymmetrischen Gleichsetzung, welche die Verantwortung zwischen angreifendem und angegriffenem Staat verwischt.

Genau auf diesem bereits vorhandenen diskursiven Fundament konnte das russische Medien- und Diplomatieökosystem mit großer Wirksamkeit arbeiten. Der Erfolg der Desinformation und von Plattformen wie RT oder Sputnik in der Region bestand nicht darin, Sympathie für Russland aus dem Nichts zu erzeugen. Ihre eigentliche Leistung lag in der Instrumentalisierung des klassischen lateinamerikanischen Antiimperialismus. Indem das offizielle Narrativ des Kremls den Ursprung des Krieges fast ausschließlich auf die NATO-Osterweiterung und die Rolle des Westens zurückführte, fügte es sich passgenau in Deutungsmuster ein, die bei lokalen politischen Kräften längst etabliert waren. So gelang es, eine Invasion, die elementarste Grundsätze territorialer Souveränität verletzt, in ein geopolitisches Narrativ zu überführen, in dem Russland verzerrt die historische Rolle einer Verteidigungsmacht oder eines Gegners der US-Hegemonie einnimmt.

Dieser narrative Rahmen legt den größten analytischen und ideologischen Widerspruch offen, den dieser Beitrag herausarbeitet: das Paradox, das sich durch verschiedene Strömungen der lateinamerikanischen Linken zieht. Wie die Entzauberung der politischen Doktrin des Putinismus gezeigt hat, beruht die Neigung, die heutige Russische Föderation durch die Linse der untergegangenen Sowjetunion zu betrachten, auf keinerlei materieller oder institutioneller Verwandtschaft. Sie stützt sich vielmehr auf in der Zeit erstarrte emotionale Loyalitäten und auf einen utilitaristischen Gebrauch des historischen Gedächtnisses. Indem die Gegnerschaft zu den Vereinigten Staaten zum einzigen absoluten Maßstab geopolitischer Gültigkeit erhoben wird, verliert ein Teil des lateinamerikanischen Antiimperialismus seinen analytischen Fokus und wird zu einer reaktiven Haltung, die entscheidende Elemente aus dem Blickfeld ausblendet.

In dieser binären Lesart der Welt bleiben die tatsächlichen Merkmale des heutigen russischen Staates ein blinder Fleck. Verdeckt bleibt, dass es sich um ein Regime handelt, das auf oligarchischem Kapitalismus beruht, nationalkonservativ ausgerichtet und ausgeprägt autoritär ist – Merkmale, die einen vollständigen Bruch mit den Umverteilungs- und Gleichheitsidealen des sozialistischen Projekts bedeuten. Das Problem einer Gegenwartsdeutung allein in Kategorien des Kalten Krieges liegt darin, dass sie die Unterscheidungsfähigkeit zerstört: Sie vermengt eine womöglich notwendige kritische Haltung gegenüber den Asymmetrien der westlichen Ordnung mit der Rechtfertigung eines expansiven imperialen Projekts, das von einer anderen Weltmacht betrieben wird.

Letztlich zeigt die lateinamerikanische Wahrnehmung der russischen Aggression gegen die Ukraine, dass die Region Konflikte des 21. Jahrhunderts weiterhin mit den Karten des vergangenen Jahrhunderts erschließt. Das Interesse daran, einen eigenständigen Handlungsspielraum zu bewahren und sich nicht automatisch den Vorgaben des Westens anzuschließen, bleibt eine tragende Säule der lateinamerikanischen diplomatischen Tradition. Die heutige Herausforderung, die diese Krise hinterlässt, besteht jedoch darin, diese Verteidigung der Souveränität an allen Fronten konsequent zu halten. Es geht nicht darum, auf kritisches Denken gegenüber den traditionellen Machtzentren zu verzichten, sondern darum, zu verhindern, dass der Wunsch nach Autonomie zu einem rhetorischen Argument gerinnt, das – sei es aus historischer Nähe, sei es aus Ablehnung der Vereinigten Staaten – am Ende die Grenzüberschreitungen neuer Akteure auf der Weltbühne hinnimmt.

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