Geregelter Dissens: Wie die Ukraine und Polen den Streit um die Geschichte einhegen können

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Von Mykola Shylin
8. Oktober 2026

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Die Geschichtsstreitigkeiten zwischen der Ukraine und Polen sind erneut vom Rand der bilateralen Bezie-hungen ins Zentrum der politischen Debatte gerückt. Die jüngste Zuspitzung der Geschichtsdebatten, begleitet von russischen Informationsoperationen und wachsender antiukrainischer Aggression in Polen, zeigt, warum dies nicht mehr allein Sache der Historiker ist. Die Auseinandersetzungen um die Ukrainische Aufständische Armee (UPA), um Wolhynien und um Exhumierungen beeinflussen zunehmend die Dis-kussionen über die europäische Integration der Ukraine, die Sicherheitszusammenarbeit und die Sicher-heit der in Polen lebenden UkrainerInnen. Die öffentliche Meinung in beiden Ländern deutet jedoch darauf hin, dass die Gesellschaften nicht zwangsläufig auf Konfrontation aus sind: Die meisten Ukrainer und Polen halten die Zusammenarbeit angesichts der russischen Bedrohung nach wie vor für unerlässlich.

Ausgehend von den deutsch-polnischen und deutsch-tschechischen Erfahrungen plädiert dieser Beitrag für ein Modell des „geregelten Dissenses“: einen Rahmen, in dem ungelöste historische Konflikte aner-kannt, institutionalisiert und eingehegt werden, statt sie die bilateralen Beziehungen lähmen zu lassen.

Von einem Konflikt zum nächsten

„Die Ukraine wird der Europäischen Union nicht mit Banderismus beitreten“, erklärte Mariusz Błaszczak, ehemaliger Verteidigungsminister und Vorsitzender der Parlamentsfraktion von Recht und Gerechtigkeit (PiS), am 2. Juli 2026. Elf Tage später legten PiS-Abgeordnete dem Sejm den Entschließungsentwurf Nr. 2807 vor. Darin wird die Regierung aufgefordert, weiteren Etappen des EU-Beitritts der Ukraine, die Einstimmigkeit unter den Mitgliedstaaten erfordern, nicht zuzustimmen – und diese Forderung wird aus-drücklich mit der ukrainischen Gedenkpolitik gegenüber der UPA verknüpft. Der Entwurf stammt von der Opposition und ist nicht bindend; doch schon seine Einbringung zeugt von dem Versuch, einen Ge-schichtsstreit in ein Argument für ein polnisches Veto umzumünzen.

Am 26. Mai 2026 verlieh Wolodymyr Selenskyj dem Separaten Zentrum für Spezialoperationen „Piw-nitsch“ den Ehrennamen „Helden der UPA“. Drei Tage später brachte das polnische Außenministerium seine „Empörung“ zum Ausdruck, warnte in derselben Erklärung jedoch davor, die bilateralen Beziehun-gen zur Geisel jedes neuen Streits über die Vergangenheit zu machen. Die Nachricht ist allerdings bereits zum Gegenstand einer breiten öffentlichen und politischen Debatte geworden.

Gleichzeitig ging die historische Polemik zunehmend mit Aggression gegen UkrainerInnen in Polen ein-her. Allein im ersten Halbjahr 2026 verzeichnete die Polizei 180 Anzeigen wegen Hassverbrechen gegen ukrainische StaatsbürgerInnen – 30 % mehr als ein Jahr zuvor. Im Juli wurde eine ukrainische Mitarbeiterin in Posen von zwei Männern aus dem Umfeld der Partei Konfederacja gefilmt und zu Stepan Bandera verhört; nach der Veröffentlichung des Videos sah sie sich im Netz Beleidigungen und Drohungen aus-gesetzt. Unter Berufung auf den Verband der UkrainerInnen in Polen stellte die Rzeczpospolita fest, dass Wellen antiukrainischer Aggression mit politischen Kampagnen und Zuspitzungen im Streit um Wolhy-nien zusammenfielen. In manchen Fällen werden historische Kränkungen damit zur Sprache, in der Aggression gerechtfertigt oder politisch mobilisiert wird.

Der Abriss des UPA-Denkmals im Dorf Hruschowytschi (Polen, 2017), der zur Aussetzung der Exhumierungsarbeiten führte.
Quelle:
Dzerkalo Tyzhnia

Vor diesem Hintergrund ist es besonders wichtig, dass eine politische Krise nicht zum Anlass wird, die Arbeiten an Grabstätten einzustellen. Zwischen dem 13. Juli und dem 7. August 2026 führte ein ukrainisch-polnisches Team in den ehemaligen Dörfern Ostriwky und Wolja Ostrowezka in Wolhynien Exhumierungsarbeiten durch und legte die sterblichen Überreste von 55 Menschen frei, darunter 26 Kinder. Noch vor Kurzem wäre das kaum vorstellbar gewesen: 2017 erteilte die ukrainische Seite nach dem Abriss eines UPA-Denkmals im Dorf Hruschowytschi (Hruszowice, Polen) keine Genehmigungen mehr für pol-nische Such- und Exhumierungsarbeiten.

Damals blockierte der Streit um einen einzigen Ort in Polen die humanitäre Arbeit an anderen Stätten in der Ukraine (Stryjek, S. 258). Diesmal ließ sich ein Bruch dank der Arbeitsgruppe für würdige Bestattungen vermeiden, die 2025 fünfmal tagte und zu einem ständigen Forum für die Erörterung von Anträgen, Zeitplänen und der Zusammensetzung der Expeditionen geworden ist. Gleichwohl war die Genehmigung für Ostriwky mit Stand 7. August 2026 die einzige, die eigens für die Exhumierung von Opfern der Tragödie von Wolhynien erteilt worden war.

Was die öffentliche Meinung tatsächlich zeigt

Umfragedaten bestätigen allerdings nicht das Bild einer einfachen Spaltung in zwei einander feindlich gesinnte Gesellschaften. Im Juli 2026 vertraten 84 % der Polen die Auffassung, der Staat solle auf die Verherrlichung von Personen reagieren, die für Verbrechen an Polen verantwortlich sind; 77 % stimmten zu, dass sich ohne Aufarbeitung der Vergangenheit keine guten Beziehungen aufbauen lassen. Zugleich waren 73 % überzeugt, dass polnische und ukrainische Politiker den Konflikt zum eigenen Vorteil schüren; 80 % sahen Russland als Nutznießer, und 75 % hielten die Zusammenarbeit angesichts der russischen Bedrohung für vorrangig.

Ergebnisse der CBOS-Umfrage (Juli 2026): Eine Mehrheit der Polen hält die Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und Polen ange-sichts der Bedrohung durch die Russische Föderation für vorrangig und sieht im Schüren von Konflikten einen Vorteil für den Kreml und einzelne Politiker. (Übersetzung: Transatlantic Dialogue Center; Originalquelle: CBOS) 

Nach einer Umfrage des ukrainischen Meinungsforschungsinstituts KIIS aus dem Vormonat befürworten 90 % der Ukrainer eine konstruktive Lösung: 57 % erkennen das Recht jedes Staates auf eine eigene Sichtweise ohne Einmischung des Nachbarn an, 33 % hoffen auf einen Kompromiss durch Historikerkom-missionen, und nur 5 % sprechen sich für Konfrontation aus. Selbst nach der Abkühlung, die auf das Ende der „romantischen“ Phase der Beziehungen zwischen beiden Ländern in den Jahren 2022-2023 folgte, blieb die Haltung der Ukrainer gegenüber Polen 2025 auf der Skala der sozialen Distanz des KIIS im toleranten Bereich – ohne statistisch bedeutende Verschlechterung gegenüber 2024.

Soziale Distanz gegenüber Polen auf der Bogardus-Skala. Quelle: KIIS

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Die Spannungen in den polnisch-ukrainischen Beziehungen lassen sich nicht allein mit innenpolitischen Streitfragen und Einstellungen in der Ukraine und in Polen erklären. Russland nutzt bestehende Wider-sprüche, um Druck auf die bilateralen Beziehungen auszuüben. Im Juli 2026 beschrieb das polnische Fak-tencheck-Projekt Demagog, wie im Vorfeld des Jahrestags der Tragödie zeitgleich Material zu Wolhynien in Umlauf kam – angeblich „freigegebene“ Dokumente und gefälschte Bilder, verbreitet über Bot-Farmen. Das ukrainische Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation warnte gesondert vor einer FSB-Kam-pagne mit gefälschten Dokumenten, die das ukrainisch-polnische Misstrauen vertiefen sollte.

Die genannten Umfragen deuten zugleich darauf hin, dass die Einstellungen in der Bevölkerung zwar ambivalent, aber nicht zwangsläufig konfrontativ sind: Polen wie Ukrainer messen der Vergangenheit großes Gewicht bei, wollen aber mehrheitlich nicht, dass diese die Zusammenarbeit angesichts der russi-schen Bedrohung untergräbt.

Gerade deshalb dürfen die Geschichtsstreitigkeiten zwischen der Ukraine und Polen nicht im Modus wie-derkehrender politischer Krisen verharren. Polen ist einer der wichtigsten Partner der Ukraine bei der Abwehr Russlands und in der Verteidigungszusammenarbeit; in den nächsten Etappen des EU-Beitritts der Ukraine wird Warschaus Position zudem verfahrensrechtliches Gewicht haben, da einige Entschei-dungen Einstimmigkeit unter den Mitgliedstaaten erfordern. Es geht also nicht darum, eine gemeinsame Erinnerung zu schmieden, sondern darum zu verhindern, dass Streit über die Vergangenheit, wann immer er aufkommt, die Zusammenarbeit in anderen Bereichen blockiert.

Warum die Aussöhnung immer wieder von vorn beginnt

Die Ukraine und Polen haben mehrfach politische Formeln für ein gemeinsames Gedenken an die Opfer gefunden, diese Vereinbarungen aber weit seltener in dauerhafte Projekte überführt. Zwischen 1994 und 2005 veranstalteten Historiker unter dem Titel „Ukraine – Polen: Schwierige Fragen“ elf Seminare und veröffentlichten zehn Bände zum Konflikt der Jahre 1918-1947 [Mędrzecki, S. 243–244]. Nach dem Abschluss der Reihe gab es jedoch weder ein ständiges Sekretariat noch ein eigenes Budget oder einen Mechanismus, um die Ergebnisse in Schulbücher, Programme der Lehrerbildung und die politische Debatte einfließen zu lassen. Auch die Formel des gemeinsamen Gedenkens an die Opfer in Pawliwka 2003 wurde unterschiedlich ausgelegt: In Polen verstand man sie zunehmend als Beginn eines Prozesses, in dessen Verlauf die Ukraine die Verantwortung der UPA erst noch klären musste; in der Ukraine dagegen als bereits erzielten politischen Kompromiss [Stryjek, S. 262].

2013 flammte der Streit über die Einordnung der Ereignisse erneut auf: Tragödie oder Massaker, ethnische Säuberung mit Merkmalen eines Völkermords oder Teil eines umfassenderen Konflikts, zu dem organisierte antipolnische Aktionen der UPA ebenso gehörten wie polnische Vergeltungsmaßnahmen. 2015 erkannte die Ukraine die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und die UPA als Kämpfer für die Unabhängigkeit an, 2016 bezeichnete der polnische Sejm die Morde an der polnischen Bevölkerung als Völkermord. Diese unterschiedlichen Bewertungen wurden in einem Gesetz und in einer Parlamentsresolution festgeschrieben.

Die Teilnehmende der Diskussion „Wie lässt sich die ukrainisch-polnische Geschichte entminen?“ benannten dieses Problem bereits 2016. Heorhij Kasjanow, Doktor der Geschichtswissenschaften und Professor an der Maria-Curie-Skłodowska-Universität (Polen), argumentierte, ein Konflikt zwischen bestimmten politischen Kräften werde fälschlich als Konflikt zwischen zwei Nationen dargestellt. Mykola Knjaschyzkyj, ukrainischer Abgeordneter und Ko-Vorsitzender des Ausschusses für interparlamentarische Beziehungen mit Polen, warnte: „Allein mithilfe von Historikern werden wir diesen komplizierten Knoten nie durchschlagen.“ Der polnische Politikwissenschaftler Paweł Kowal bezeichnete die institutionelle Ebene als Fundament der deutsch-polnischen Aussöhnung.

In derselben Diskussion verwies Dr. Ihor Iljuschyn auf ein weiteres Problem: Der Dialog findet unter der Schirmherrschaft staatlicher Institutionen statt, die die Vergangenheit nicht nur erforschen, sondern auch offizielle Narrative prägen. Ein Regierungs- oder Kurswechsel kann daher nicht nur den Ton der Diskussion verändern, sondern auch die Agenda des Geschichtsdialogs selbst. Historiker können Fakten ermitteln und Widersprüche erklären; ob Dissens jedoch zum Anlass für diplomatische oder administrative Sanktionen wird, entscheiden allein Politiker.

Der deutsch-polnische Fall: Institutionen vor Konsens

Auch Warschau und Berlin verband ein äußerst komplexes historisches Trauma: der Zweite Weltkrieg, die deutsche Besatzung, die Verschiebung der Grenzen, die Vertreibungen der Nachkriegszeit und langjäh-rige Eigentumsansprüche. Ihr Modell räumte nicht alle Streitfragen aus (Reparationsforderungen tauchen in der polnischen Politik immer wieder auf) schuf aber eine so dichte Infrastruktur der Zusammenarbeit, dass der historische Konflikt nicht zum allein bestimmenden Faktor der bilateralen Beziehungen wurde.

Das erste Element dieses Systems war der politische Austausch. Der Vertrag über gute Nachbarschaft von 1991 sah vor, dass die Regierungschefs ebenso wie die Außenminister und die Leitungen ihrer Ministerien mindestens einmal jährlich zu Konsultationen zusammenkommen und die übrigen Ministerien regelmä-ßig Kontakt halten. Ab 1997 fanden zudem erweiterte Treffen der Regierungschefs unter Beteiligung mehrerer Minister statt; bis 2006 waren es acht [Gardner Feldman, S. 238].

Eine politische Krise erforderte daher nicht jedes Mal, einen Verhandlungskanal neu zu schaffen. Er bestand bereits und ließ sich auch dann nutzen, wenn die Regierungen über die Vergangenheit uneins waren. Das zweite Element war die Einbindung junger Men-schen. Das Deutsch-Polnische Jugendwerk erhielt eine binationale Leitung und eine dauerhafte staatliche Fi-nanzierung. Zwischen 1993 und 2006 förderte es rund 48.000 Austauschprogramme, an denen etwa 1,88 Mil-lionen junge Menschen teilnahmen. Allein 2009 nah-men mehr als 106.000 Personen am Jugend- und Schüleraustausch teil [Gardner Feldman, S. 229–230].

Auch der Polnisch-Ukrainische Rat für Jugendaus-tausch ist tätig, doch arbeitet er bislang in ungleich kleinerem Maßstab: Zwischen 2016 und 2025 förderte er 640 Projekte mit mehr als 21.000 Teilnehmenden – das sind rund 2.100 Teilnehmende pro Jahr. Das Prob-lem liegt also nicht im Fehlen einer polnisch-ukraini-schen Institution, sondern darin, dass eine solche Teilnahme für die meisten Schüler die Ausnahme bleibt, während der deutsch-polnische Austausch zu einer Massenerfahrung geworden ist.

Das dritte Element war die Bildung. Die Gemeinsame Deutsch-Polnische Schulbuchkommission besteht seit 1972. 1976 legte sie die ersten Empfehlungen für Schulbuchautoren vor, 1995 eine überarbeitete Fas-sung, und 2001 erarbeiteten neunzehn polnische und deutsche Wissenschaftler ein zweisprachiges Hand-buch für LehrerInnen. Die Kommission veranstaltete mehr als dreißig Fachkonferenzen und bündelte später die Arbeit an einem gemeinsamen Schulbuch [Gardner Feldman, S. 211–212].

Stamp set “25 years of the German-Polish Jugendwerk Youth Office”

Genau das fehlte dem polnisch-ukrainischen Historikerdialog. Die Seminarreihe „Schwierige Fragen“ brachte zwar eine Fülle von Forschungsergebnissen hervor, doch wurden diese nicht konsequent in Ma-terialien für LehrerInnen, Lehrpläne und eine dauerhafte bilaterale Bildungsarbeit übertragen. Inzwischen bietet sich die Chance, diese Lücke teilweise zu schließen – über das deutsch-polnisch-ukrainische Projekt des Georg-Eckert-Instituts, in dem Empfehlungen und Materialien für den Unterricht in gemeinsamer transnationaler Geschichte erarbeitet werden.

Das vierte Element war die Finanzierung. 1991 wurde die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gegründet. Bis 2001 hatte sie rund 4.600 Projekte in den Bereichen Kultur, Bildung, Wissenschaft, Sprach-erwerb, Städtepartnerschaften, Ökologie und lokale Entwicklung gefördert [Gardner Feldman, S. 230]. Bis 2008 waren mehr als 600 Partnerschaften zwischen polnischen und deutschen Städten und Gemeinden entstanden [Gardner Feldman, S. 225–226].

Dies veränderte die Struktur der Beziehungen selbst. Getragen wurden sie nicht mehr allein von Warschau und Berlin, sondern auch von Schulen, Universitäten, Städten, Stiftungen, Museen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Kommunalverwaltungen. Gerieten die Zentralregierungen in Konflikt, blieben die übrigen Ebenen der Zusammenarbeit dennoch bestehen.

Das fünfte Element zeigte sich deutlich in der Krise von 2004. Die Preußische Treuhand, die einen Teil der aus den nach dem Krieg an Polen abgetretenen Gebieten vertriebenen Deutschen vertrat, drohte mit Klagen auf Rückgabe von Eigentum. Der polnische Sejm reagierte mit der Forderung nach Kriegsreparationen von Deutschland. Trotz der aufgeheizten politischen Stimmung setzten die Regierungen bei der Lösung des Rechtsstreits nicht auf wechselseitige Parlamentsresolutionen.

Stattdessen übertrugen sie die Frage individueller Eigentumsansprüche einer gemeinsamen Juristengruppe, die im November 2004 zu dem Schluss kam, dass solche Ansprüche keine Rechtsgrundlage haben [Gardner Feldman, S. 212–213].

Damit waren die politischen Forderungen nicht aus der Welt. Polnische Politiker können weiterhin auf das Thema Reparationen zurückkommen, vor allem in Wahlkämpfen, während Deutschland darauf be-harrt, dass es für neue Ansprüche keine Rechtsgrundlage gibt. Der Eigentumsstreit wurde jedoch nicht zum Anlass, andere Kontakte abzubrechen. Er hat seine eigene politische und rechtliche Ebene – Vertei-digungs-, Wirtschafts-, Bildungs- und kommunale Zusammenarbeit haben jeweils ihre eigene.

Wie umfangreich diese Infrastruktur ist, zeigt sich in den heutigen Beziehungen: Mehr als drei Millionen junge Menschen haben an Austauschprogrammen teilgenommen, über 500 Städtepartnerschaften sind aktiv, rund zwei Millionen Menschen in Polen lernen Deutsch, und Polen ist zum fünftgrößten Handels-partner Deutschlands geworden; diese Zahlen nennt das Auswärtige Amt. Dennoch fanden zwischen 2019 und 2023 keine Regierungskonsultationen statt, der Streit um Reparationen blieb offen, und die gegen-seitigen Grenzkontrollen trafen 2025 die Grenzgemeinden hart.

Eine CBOS-Umfrage vom Oktober 2025 ergab ein gemischtes Bild: 25 % der Polen bezeichneten die Be-ziehungen als gut, 18 % als schlecht und 48 % als neutral; zugleich unterstützten 63 % die Reparations-forderung. Ungeachtet dessen unterzeichneten beide Länder im Juni 2026 ein Verteidigungsabkommen.

Die Leistung des deutsch-polnischen Modells besteht also nicht darin, dass historische Konflikte ver-schwunden wären. Sie liegt in der Fähigkeit, die Zusammenarbeit auch dann fortzusetzen, wenn sich die Stimmung in der Bevölkerung verschlechtert und einzelne Politiker die Vergangenheit zur Mobilisierung von WählerInnen nutzen. Im Juni 2026 bezeichnete Johann Wadephul diese Beziehungen als „gewachsene Freundschaft“ und erinnerte an Władysław Bartoszewskis Worte über den Wert von „Alltäglichkeit und Normalität“ zwischen Nachbarn.

Deutschland und die Tschechische Republik: Einig im Dissens

Der deutsch-tschechische Fall macht noch deutlicher, dass Aussöhnung nicht notwendigerweise eine gemeinsame historische Bewertung erfordert. Die beiden Seiten konnten sich weder über die rechtlichen Folgen des Münchner Abkommens noch über die Beneš-Dekrete, die Vertreibung der Sudetendeutschen oder Eigentumsansprüche verständigen. Die Deutsch-Tschechische Erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung von 1997 hob die Beneš-Dekrete – Rechtsakte der Nachkriegszeit, durch die ein erheblicher Teil der deutschsprachigen Bevölkerung der Tschechoslowakei Staatsbürgerschaft und Eigentum verlor – nicht auf und legte auch keine gemeinsame rechtliche Bewertung der Vertreibung fest. Stattdessen hielten beide Seiten an ihren Positionen fest und vereinbarten, die heutigen Beziehungen nicht mit ungelösten Fragen der Vergangenheit zu belasten.

Neben dieser politischen Grenzziehung wurden konkrete Arbeitsinstrumente geschaffen: Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds, in den Deutschland 140 Millionen D-Mark und die Tschechische Republik den Gegenwert von 25 Millionen D-Mark einbrachten, erhielt eine gemeinsame Verwaltung. Bis 2024 hatte der Fonds mehr als 14.000 Projekte im Umfang von über 2,2 Mrd. tschechischen Kronen gefördert; allein 2024 finanzierte er 771 Projekte, darunter mehr als 300 für junge Menschen.

Daneben arbeitete das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum, das Historiker mit Politikern, Parteivertretern, Journalisten und Aktivisten zusammenbrachte. So blieb die Expertise nicht auf die akademische Welt beschränkt, sondern wurde Teil eines breiteren öffentlichen Diskurses und zur Voraussetzung für einen Konsens unter den politischen Eliten [Gardner Feldman, S. 288–289].

Quelle: Wikimedia

Der Konflikt von 2026 um den ersten Sudetendeutschen Tag in der Tschechischen Republik – ausgerichtet von der Sudetendeutschen Landsmannschaft, der Interessenvertretung der aus der Tschechoslowakei vertriebenen Deutschen und ihrer Nachkommen – hat gezeigt, wie belastbar diese Struktur ist. Für die Befürworter des Dialogs war das Treffen in Brünn ein Zeichen der Normalisierung, während Kritiker darin die Gefahr sahen, dass Eigentums- und politische Ansprüche wieder auf die Tagesordnung kommen. Die tschechische Regierungsspitze distanzierte sich offiziell von der Veranstaltung, das Abgeordnetenhaus verabschiedete mehrheitlich eine kritische Resolution, in der es die Absage des Treffens forderte, und rund dreitausend Teilnehmende standen etwa ebenso viele Demonstranten gegenüber.

Trotz dieser Ereignisse setzte Ministerpräsident Andrej Babiš die Verhandlungen mit Markus Söder und Friedrich Merz fort; die Wirtschaftsbeziehungen wurden nicht infrage gestellt, und die Regierungen verlängerten die Laufzeit des Fonds bis 2037. Auf Deutschland entfällt weiterhin rund ein Drittel der tschechischen Exporte, und Bayern bestreitet etwa ein Viertel des deutsch-tschechischen Handels. Ein politisch aufgeheizter Streit wuchs sich nicht zu einer Handels-, Regierungs- oder grenzüberschreitenden Krise aus.

Angesichts gezielter russischer Informationsoperationen ist eine solche Fähigkeit, Konflikte einzuhegen, für Kyjiw und Warschau heute noch wichtiger, als sie es in den 1990er-Jahren für Prag und Berlin war.

Schlussfolgerungen: Übertragen, ohne zu kopieren

Die erste Schlussfolgerung betrifft die Trennung der Verfahren. Das Abkommen von 1994 regelt bereits Suche, Exhumierung, Umbettung und den Schutz von Gedenkstätten. Die Arbeitsgruppe für würdige Bestattungen sollte daher nicht über die historische Einordnung jedes einzelnen Opfers debattieren, sondern ein öffentliches zweisprachiges Antragsregister führen, einen jährlichen Arbeitskalender veröffentlichen und Verzögerungen schriftlich begründen.

Streitigkeiten über Denkmäler sollten an eine eigene Gruppe aus Juristen, Denkmalschutzexperten und Vertretern der Gemeinden verwiesen werden, die Eigentumsverhältnisse, den Rechtsstatus und das Verfahren zur Wiederherstellung des jeweiligen Objekts klären würde. Der deutsch-polnische Rechtsmechanismus von 2004 lässt sich auf das Problem übertragen, das die Krise um Hruschowytschi ausgelöst hat: Eine Entscheidung über ein Denkmal wird dann nicht mehr zur Sanktion gegen Exhumierungen.

Die zweite Schlussfolgerung lautet: Der Geschichtsdialog braucht Kontinuität und Unabhängigkeit. Der Polnisch-Ukrainische Historikerkongress, der im Mai 2026 rund hundert ForscherInnen zusammenführte, sollte zu einem Konsortium aus Universitäten, wissenschaftlichen Einrichtungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen mit gemeinsamem Sekretariat und unabhängigem wissenschaftlichem Beirat weiterentwickelt werden. Wie Heorhij Kasjanow in seinem Buch Memory Crash zeigt, ist Geschichtspolitik nicht nur Sache von Historikern, sondern auch ein Kampf um die Nutzung der Vergangenheit zur Legitimierung von Helden, Opfern und aktuellen politischen Zielen [Kasianov, 2022]. Wenn staatliche Gedenkinstitute zugleich Archive öffnen, Forschung organisieren und das offizielle Narrativ prägen, wird ein Streit über die UPA oder Wolhynien rasch zu einer Frage nationaler Würde und politischer Loyalität – und nicht mehr allein zu einer Frage von Quellen und Fakten.

Das heißt nicht, dass die Gedenkinstitute aus dem Dialog ausgeschlossen werden sollten. Sie sollten aber nicht dessen einzige Schiedsrichter sein: In diesem Fall zieht ein politischer Kurswechsel eine Änderung der Agenda, der Begrifflichkeit und der praktischen Folgen der Diskussion nach sich. Der Geschichtsdialog sollte daher einem unabhängigen Konsortium von Institutionen übertragen werden; das ukrainische und das polnische Institut für Nationales Gedenken sollten Dokumente und Experten beisteuern, ohne einseitige Schlussfolgerungen festzulegen oder diese mit diplomatischen Entscheidungen zu verknüpfen. Als jährliches Ergebnis sollte eine Übersicht über einvernehmlich festgestellte Fakten, Streitpunkte und Quellenlücken vorliegen, ergänzt um Materialien für Lehrer; ein eigenes Forum sollte Forscher regelmäßig mit Abgeordneten verschiedener Parteien, Journalisten und lokalen Aktivisten zusammenbringen.

Der dritte Schritt besteht darin, die Jugendzusammenarbeit massiv auszubauen. Zwischen 2016 und 2025 hat der Polnisch-Ukrainische Rat mehr als 21.000 Teilnehmende erreicht, im Schnitt rund 2.100 pro Jahr; die deutsch-polnische Bilanz nach 35 Jahren wird dagegen bereits in Millionen Teilnehmende gemessen. Ein Arbeitsziel für 2028 könnte daher nicht in der mechanischen Übernahme deutscher Größenordnungen bestehen, sondern in einer mindestens verdoppelten polnisch-ukrainischen Reichweite: 150 Projekte und 5.000 Teilnehmer pro Jahr. Bei den derzeitigen Erstattungssätzen für siebentägige Austauschprogramme entspräche dies einem Budget von rund 3 Millionen Euro jährlich. Den konkreten Finanzierungsschlüssel müssen die Regierungen vereinbaren; angesichts ihrer unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten könnte der polnische Anteil jedoch höher ausfallen oder mit Mitteln der EU und anderer Geber kombiniert werden. Gefördert werden sollten nicht einmalige Reisen, sondern mindestens dreijährige Partnerschaften zwischen denselben Schulen, Museen und Gemeinden. Denn es war die Wiederholung und nicht die Zahl feierlicher Zusammenkünfte, die den deutsch-polnischen Austausch zu einer gesellschaftlichen Infrastruktur gemacht hat.

Schließlich gibt es keine Institution, die all diese Arbeit finanzieren würde: Der bestehende Rat für Jugendaustausch deckt nur einen Bereich ab, während Sucharbeiten, Quellenübersetzungen, lokale Museen und Lehrerbildung von gesonderten Ausschreibungen und politischen Entscheidungen abhängen. Füllen ließe sich diese Lücke durch eine Stiftung für polnisch-ukrainische Zusammenarbeit mit paritätisch besetztem Vorstand und unabhängigem binationalem Sekretariat. Ein Startbudget von 20 Millionen Euro für fünf Jahre, also 4 Millionen pro Jahr, würde den Übergang von Dutzenden Vorzeigeveranstaltungen zu mehrjährigen Förderausschreibungen ermöglichen. Die Stiftung sollte lokale Museen und Gedenkstätten, Quellenübersetzungen, Lehrerbildung, einen digitalen Katalog der Grabstätten sowie zivilgesellschaftliche Projekte fördern, mit Schwerpunkt auf verschiedenen Aspekten des polnisch-ukrainischen historischen Erbes.

Die deutsch-polnischen und deutsch-tschechischen Erfahrungen beweisen nicht, dass Staaten eine einheitliche Erinnerung hervorbringen können. Sie zeigen vielmehr, dass sich selbst scharfer Dissens einhegen lässt, wenn für Bestattungen, Denkmäler, Forschung und politische Reaktionen jeweils eigene Regeln gelten. Genau diesen Weg könnten die Ukraine und Polen einschlagen.

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