Von der Verteidigungszusammenarbeit zur europäischen Integration: Kann die Sicherheitsdynamik die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU wiederbeleben?

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By Viacheslav Musiienko
December 18, 2025

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Nach Beginn der groß angelegten Invasion Russlands in der Ukraine wurde die Stärkung der Sicherheit zu einem der größten und dringendsten Anliegen der Europäischen Union. Über viele Jahre hinweg wurde diese Frage weitgehend der NATO und insbesondere den Vereinigten Staaten überlassen. Dieses institutionelle Gleichgewicht begann jedoch aufzulösen, nachdem es zu einem Wechsel in der US-Administration gekommen war und Präsident Trump die Europäer wiederholt dazu aufgefordert hatte, die primäre Verantwortung für ihre eigene Verteidigung zu übernehmen, sowie seine Absicht erklärte, die amerikanische militärische Präsenz in Europa zu reduzieren. Diese Entwicklungen signalisierten den EU-Mitgliedstaaten, dass sie darauf vorbereitet sein müssen, die Last der regionalen Sicherheit unabhängig davon zu tragen, wie schwierig dies unter den gegenwärtigen Bedingungen auch sein mag.

Dieser Wandel löste in ganz Europa eine intensive Debatte über die Notwendigkeit aus, größere Verantwortung für die Verteidigung des Kontinents zu übernehmen. In den letzten Jahren hat sich eine klare Tendenz herausgebildet: Die Militärausgaben sind in den meisten EU-Staaten gestiegen, und selbst Deutschland, das lange Zeit durch fiskalische Orthodoxie geprägt war, hat seine seit Langem bestehenden Haushaltsbeschränkungen gelockert, um sowohl die nationale als auch die europäische Verteidigungsindustrie zu unterstützen.

Gleichzeitig haben das Vereinigte Königreich und Frankreich die Führungsrolle bei der Bildung einer sogenannten „Koalition der Willigen“ übernommen, die darauf abzielt, im Falle einer Friedensregelung weitere Aggressionen gegen die Ukraine zu verhindern. Die Unterstützung der Ukraine, ohne dabei die eigenen nationalen Ressourcen zu erschöpfen, ist für viele EU-Mitgliedstaaten zu einer strategischen Notwendigkeit geworden. Obwohl das Vereinigte Königreich nicht mehr Teil der EU ist, teilt es weiterhin mit den europäischen Staaten eine kollektive Verantwortung für die Aufrechterhaltung der regionalen Sicherheit.

Angesichts der schrittweisen Reduzierung der militärischen Präsenz der USA in Europa und der sich verschärfenden Debatte über die Notwendigkeit von Sicherheitsautonomie sieht sich die Europäische Union mit dem Problem begrenzter verteidigungsindustrieller Kapazitäten konfrontiert. Trotz gestiegener Verteidigungsausgaben ist die europäische Rüstungsindustrie bislang nicht in der Lage, die Anforderungen moderner Kriegsführung zeitgerecht zu erfüllen, wodurch ein strukturelles Defizit entsteht, das zuvor durch amerikanische Lieferungen ausgeglichen wurde.

Die Türkei leitet die VJTF der NATO bei der Übung „Steadfast Defender 2021“. Quelle: NATO flickr

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Zusammenarbeit mit Partnern außerhalb der EU, die über technologische Flexibilität und dynamische Produktionskapazitäten verfügen, zunehmend an Bedeutung. Die Türkei, eines der Nicht-EU-Länder mit einem robusten militärisch-industriellen Komplex, nimmt hierbei eine besondere Stellung ein. Ihre Verteidigungsprodukte sind nicht nur qualitativ wettbewerbsfähig, sondern haben ihre Wirksamkeit wiederholt in realen Kampfsituationen unter Beweis gestellt, etwa in Syrien, Libyen, im Konflikt um Bergkarabach sowie im russisch-ukrainischen Krieg. Infolgedessen haben die türkischen Verteidigungstechnologien einen kontinuierlichen Modernisierungsprozess durchlaufen und sich an die sich wandelnden Dynamiken und technologischen Trends der zeitgenössischen Kriegsführung angepasst.

In diesem Artikel wird daher die Entwicklung der türkischen Verteidigungsindustrie untersuchen, bewerten, ob Europa sich auf die Türkei als Verteidigungslieferanten verlassen kann, und die möglichen Auswirkungen dieser Partnerschaft auf das geopolitische Machtgefüge erkunden.

Die Voraussetzungen für den Aufstieg der türkischen Verteidigungsindustrie

Zwei Hauptfaktoren lassen sich als Treibkräfte hinter diesem Prozess feststellen.
An erster Stelle steht die anhaltende existenzielle Bedrohung, der das Land ausgesetzt ist, sowie sein Bestreben, seine nationalen Interessen notfalls auch unter Einsatz militärischer Gewalt zu verfolgen. Dies betrifft in erster Linie die von Syrien ausgehende Bedrohung, wo bis vor Kurzem ein Bürgerkrieg tobte, aus dem zahlreiche radikale Gruppen hervorgingen, darunter der Islamische Staat, Hayat Tahrir al-Sham, Ahrar al-Sham, Jund al-Aqsa und die Freie Syrische Armee. Diese Gruppen zielten nicht nur auf die Destabilisierung Syriens selbst ab, sondern stellten auch eine unmittelbare Gefahr für die Nachbarstaaten dar.

Infolgedessen erkannte die Türkei die Notwendigkeit, eine modernisierte nationale Armee aufzubauen, die mit an die asymmetrische Kriegsführung angepassten Technologien ausgerüstet ist und unter den Bedingungen zeitgenössischer Konflikte eingesetzt werden kann.

Ein zweiter wichtiger Faktor bestand darin, dass die Türkei lange Zeit stark von Waffenimporten aus westlichen Ländern abhängig war, die diese Abhängigkeit häufig als Instrument politischen Einflusses und als Druckmittel gegenüber der türkischen Regierung und ihrem Präsidenten nutzten. Diese Dynamik hat tiefe historische Wurzeln. Eines der frühesten Beispiele ist das Waffenembargo, das nach der militärischen Intervention der Türkei auf Zypern im Jahr 1974 und der Besetzung des nördlichen Teils der Insel verhängt wurde. Ein weiteres Beispiel ist die Entscheidung der USA 2018, die Lieferung von Mehrzweckkampfflugzeugen des Typs F-35 im Rahmen des Programms Joint Strike Fighter an die Türkei zu blockieren, nachdem das Land seine militärische Zusammenarbeit mit Russland ausgeweitet hatte.

2017 unterzeichnete die Türkei ein Abkommen mit Moskau über den Erwerb der russischen Luftabwehrsysteme S-400, ein Schritt, der eine heftige Reaktion der NATO-Partner auslöste. Trotz der Kontroversen wurde das Abkommen zwei Jahre nach seiner Unterzeichnung umgesetzt.

Als Reaktion darauf verhängten die Vereinigten Staaten eine Reihe von Sanktionen auf Grundlage des „Countering America’s Adversaries Through Sanctions Act“ (CAATSA) und schlossen die Türkei offiziell aus dem F-35-Programm aus. Nach Angaben des US-Außenministeriums (2020) sowie Berichten von Reuters richteten sich diese Maßnahmen gegen das türkische Direktorat für Verteidigungsindustrie (SSB) und schränkten Exportlizenzen sowie Finanzierungsmöglichkeiten für den Verteidigungssektor ein.

Auch das F-35-Programm selbst wurde durch den Ausschluss der Türkei negativ beeinflusst, da Teile seiner Lieferkette eng mit türkischen Rüstungsunternehmen verbunden waren, die für die Herstellung Hunderter Komponenten für das Flugzeug verantwortlich waren.

Heute ist die Türkei ein bedeutender Akteur auf dem globalen Rüstungsmarkt und Sitz bekannter Unternehmen wie Aselsan, Baykar, TUSAŞ (Turkish Aerospace Industries), Roketsan, ASFAT und MKE. Die türkischen Rüstungsexporte sind zwischen 2015 und 2024 um 103 Prozent gestiegen, womit das Land zum elftgrößten Waffenexporteur weltweit geworden ist. Das Exportportfolio der Türkei umfasst Raketen, militärische Luftfahrtausrüstung, Kriegsschiffe sowie bodengestützte Waffensysteme.

Türkische Rüstungsunternehmen produzieren und exportieren elektronische und Kommunikationssysteme, Ausrüstung für die elektronische Kampfführung (EloKa), Flugabwehr- und Raketensubsysteme, taktische und operative unbemannte Luftfahrzeuge (Bayraktar TB2, Akıncı), Flugzeuge (Hurjet, Hurkus sowie den Kampfjet der fünften Generation TF Kaan), Kriegsschiffe (Korvetten und Patrouillenboote), taktische und operative Raketen, gelenkte und ungelenkte Artillerieraketen (TR-Serie), Seezielflugkörper und taktische Lenkraketen (Atmaca, Cirit, UMTAS/OMTAS), sowie taktische ballistische Raketensysteme (Bora, J-600T Yıldırım).

Der wachsende Einfluss der türkischen Verteidigungsindustrie wird in Europa zunehmend sichtbar, insbesondere durch eine Ausweitung der militärischen Zusammenarbeit und ein wachsendes Portfolio an Rüstungsverträgen, die den Weg für vertiefte, strategisch ausgerichtete Partnerschaften ebnen und die regionalen Verteidigungsdynamiken verändern könnten.

Die Türkei ist gezielt und schrittweise in den europäischen Verteidigungsmarkt eingetreten, indem sie sektorspezifische Abkommen verfolgt und sich zugleich als skalierbarer Partner für einzelne EU-Mitgliedstaaten positioniert hat. Zu den erfolgreichen Beispielen zählen die gemeinsame Munitionsproduktion mit Polen, die Lieferung von Fahrzeugen nach Rumänien sowie die marine-militärische Zusammenarbeit mit Portugal. Über bilaterale Verträge hinaus hat die Türkei zudem ihre Rolle in der maritimen Sicherheit im Schwarzen Meer und im Mittelmeer vertieft – einem für NATO und EU gleichermaßen strategisch wichtigen Raum. Diese maritime Dimension wirkt als Multiplikator, stärkt Ankaras Wert als Partner der kollektiven Abschreckung und kann potenziell weitergehende Kooperationsformen mit EU-Mitgliedstaaten begünstigen.

Die Führungsrolle der Türkei im Schwarzmeer- und Mittelmeerraum

Nach der russischen Invasion in die Ukraine wurde der Schwarzmeerraum zu einer Zone erheblicher Herausforderungen und Bedrohungen für die NATO-Mitgliedstaaten. Durch die konsequente Einhaltung der Montreux-Konvention von 1936, die im Falle eines Krieges zwischen zwei Anrainerstaaten die Durchfahrt militärischer Schiffe in das Schwarze Meer beschränkt, verhinderte die Türkei, dass sich das Meer in ein von Russland dominiertes Gebiet oder ein sogenanntes „russisches Binnenmeer“ verwandelte. Diese Politik trug dazu bei, ein ausgewogeneres Kräfteverhältnis auf dem Schlachtfeld aufrechtzuerhalten, sodass die ukrainischen Streitkräfte der russischen Marine und ihrer Seeblockade Widerstand leisten konnten.

Später schwächte die Ukraine durch den Gebrauch moderner Seezielflugkörper, einschließlich gezielter Angriffe auf russische Kriegsschiffe, sowie durch innovative Strategien wie den Einsatz Seedrohnen die russischen Streitkräfte erheblich. Dies wiederum ermöglichte die Einrichtung eines neuen humanitären Seekorridors für den Export ukrainischer Güter.

In diesem Kontext trat die Türkei nicht nur als regionaler Akteur, sondern als zentraler Garant des Machtgleichgewichts im Schwarzmeerbecken hervor. Ihre konsequente Politik und diplomatische Flexibilität halfen dabei, die russische Dominanz einzudämmen, was in Verbindung mit den Erfolgen der ukrainischen Streitkräfte zur Wiederherstellung einer teilweisen Stabilität beitrug und die Fortsetzung des Seehandels ermöglichte.

Im Mittelmeer hat die türkische Marine zur Eindämmung illegaler Migration aus nordafrikanischen Staaten beigetragen – einer Herausforderung, mit der zahlreiche südeuropäische Länder wie Frankreich, Italien und Spanien konfrontiert sind. Um dieses Problem wirksam zu bewältigen, brauchen diese Länder einen verlässlichen Verbündeten in diesen Gewässern und eine Marine, die in der Lage ist, solchen Bedrohungen entgegenzuwirken. Infolgedessen ist die Türkei zu einem richtigen Partner geworden, sowohl als Staat, der maritime Routen kontrollieren kann, als auch als Hersteller moderner Kriegs- und Patrouillenschiffe.

Die Bedeutung der Türkei in diesen Regionen nimmt proportional zum Ausbau ihrer Marineflotte zu, weil das Land seine maritimen Patrouillenfähigkeiten kontinuierlich stärkt. Seit Anfang 2025 hat die Türkei bereits mehrere neue Schiffe auf den Markt gebracht, während sich weitere 31 Einheiten in heimischen Werften im Bau befinden – darunter die ersten eigenständig hergestellten U-Boote, Zerstörer und ein Flugzeugträger. Bemerkenswert ist, dass der Lokalisierungsgrad der zuletzt in Dienst gestellten türkischen Kriegsschiffe bei etwa 70 bis 80 Prozent liegt. Mit der Indienststellung dieser zusätzlichen Einheiten dürfte die Gesamtgröße der türkischen Flotte auf 209 Schiffe erhöhen, was ihren Status als bedeutende Seemacht weiter festigt.

arüber hinaus ist die türkische Schiffsbauindustrie sowohl auf die Deckung des nationalen Bedarfs als auch auf Exportmärkte ausgerichtet. Zu den aktuellen ausländischen Abnehmern türkischer Marineplattformen zählen die Seestreitkräfte von Katar, Pakistan, der Ukraine und dem Irak. Im vergangenen Jahr wurden neue Schiffsbauverträge mit Saudi-Arabien und Malaysia unterzeichnet, und es wurde erstmals ein Vertrag mit Portugal abgeschlossen. Diese Entwicklung kennzeichnet den Eintritt der Türkei in den europäischen Verteidigungs- und Schiffsbaumarkt.

Somit stellt die herausragende Rolle der Türkei im Schwarzmeer- und Mittelmeerraum in Verbindung mit ihrem wettbewerbsfähigen und technologisch fortgeschrittenen Schiffsbausektor einen erheblichen strategischen Vorteil dar, den die Europäische Union bei Überlegungen zu einer engeren Zusammenarbeit mit Ankara im umfassenderen Kontext der Stärkung der europäischen Sicherheitsarchitektur voraussichtlich berücksichtigen wird.

Die Türkei als strategischer Vorposten gegen Russland

Angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen Russland und der Europäischen Union richten die EU-Mitgliedstaaten ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf die Türkei als potenziellen Partner, der in der Lage ist, bestehenden wie auch möglichen Risiken entgegenzuwirken und im Falle einer weiteren Eskalation moderne militärische Ausrüstung bereitzustellen. Die Türkei nimmt für die EU-Staaten eine zentrale geopolitische Rolle ein, da sie als wichtigste Pufferzone und als Hub zwischen Europa und Asien, einschließlich des Nahen Ostens, fungiert. Die Betonung des Nahen Ostens ist dabei keineswegs zufällig: Nach der Abkehr von russischen Energieressourcen wandten sich die EU-Länder den Golfstaaten als alternativer Versorgungsquelle zu.

Auch für die Türkei besitzt diese Zusammenarbeit einen erheblichen geopolitischen Mehrwert, da sie dem Land zusätzliche Ressourcen und Einflussmöglichkeiten zur Durchsetzung seiner außenpolitischen Ziele verschafft.

Außerdem spielt die Türkei eine außergewöhnlich wichtige Rolle im Kaukasus, indem sie Russland daran hindert, seine wirtschaftlichen, politischen und diplomatischen Ressourcen vollständig aus dieser Region abzuziehen, um sie für seine hybride Konfrontation mit der EU einzusetzen. Eine ähnliche Situation besteht in Zentralasien, wo die Türkei über die Organisation der Turkstaaten, eine Plattform, die turksprachige Nationen vereint, aktiv engagiert ist. In den vergangenen Jahren hat sich die Tätigkeit dieser Organisation deutlich intensiviert; hervorzuheben ist insbesondere der 12. Gipfel, der am 8. Oktober 2025 in Baku, Aserbaidschan, stattfand.

Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass die Türkei ein aktiver regionaler Akteur ist, der in der Lage ist, Russland in verschiedenen Dimensionen und Regionen wirksam entgegenzutreten, was sie im Falle einer weiteren Eskalation mit Moskau zu einem wertvollen strategischen Verbündeten für die EU-Mitgliedstaaten macht.

Die Türkei und die Europäische Union: Ein pragmatischer Ansatz für Sicherheit und Zusammenarbeit

Als integraler Bestandteil Europas betrachtet die Türkei ihre Mitgliedschaft in der Europäischen Union als strategische Priorität. Während eines festlichen Iftars, an dem alle Botschafter teilnahmen, unterstrich Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Bedeutung der Beziehungen zwischen der Türkei und der EU und betonte, dass „die Schaffung europäischer Sicherheit ohne die Türkei undenkbar ist“. Ebenso brachte er seine Erwartung zum Ausdruck, dass die europäischen Partner diese Realität anerkennen und die Fortschritte der Türkei auf dem Weg zur Vollmitgliedschaft mit einer langfristigen Perspektive fördern würden.

Gleichzeitig stoßen die Bemühungen um engere Beziehungen zur Türkei auf mehrere Hindernisse. Dazu zählen politische Hürden wie die zunehmenden autokratischen Tendenzen im Inneren der Türkei, Spannungen in den Beziehungen zu Zypern und Griechenland sowie die seit Langem andauernde Stagnation der EU-Beitrittsverhandlungen. Die Integrationsfrage befindet sich derzeit praktisch in einer „langen Pause“: Der Erweiterungsprozess der EU in Bezug auf die Türkei ist eingefroren, es werden keine neuen Verhandlungskapitel eröffnet, und die Europäische Kommission berichtet regelmäßig über Rückschritte im Bereich der Rechtsstaatlichkeit und der demokratischen Standards. Eine politische Entscheidung zur Wiederbelebung der Verhandlungen wird zudem durch das fehlende Einvernehmen unter den EU-Mitgliedstaaten erschwert.

Trotzdem bekundet Präsident Recep Erdoğan weiterhin das Interesse der Türkei an einer europäischen Integration. Die Frage ist, inwieweit diese Ankündigungen lediglich rhetorischer Natur sind. Einerseits nutzt Ankara den europäischen Diskurs, um Verhandlungsspielräume zu wahren und seine Außenpolitik zu legitimieren. Andererseits unternimmt die Türkei durchaus konkrete Schritte: Sie modernisiert Institutionen in Bereichen wie Zollregulierung, Migrationspolitik und digitaler Infrastruktur, beteiligt sich an ausgewählten europäischen Forschungs- und Innovationsprogrammen und signalisiert Bereitschaft zur Vertiefung der sektoralen Integration. Diese Schritte erfolgen jedoch selektiv und verändern die grundlegende politische Dynamik nicht.

Aus diesem Grund bleibt die Zusammenarbeit im Bereich Sicherheit und Verteidigung der vielversprechendste Weg für eine Annäherung. In diesem Bereich ist die Türkei ein wichtiger Partner sowohl für die EU als auch für die NATO und eröffnet damit realistische Möglichkeiten zur Weiterentwicklung der Beziehungen selbst bei ausbleibenden Fortschritten in der politischen Integration. Gemeinsame militärisch-technische Projekte, die Beteiligung an EU-Programmen zum Ausbau von Verteidigungsfähigkeiten sowie die Zusammenarbeit in der Terrorismusbekämpfung und im Grenzmanagement können die gegenseitige Abhängigkeit erheblich stärken.

Auch die Position der EU ist in diesem Kontext pragmatisch. Trotz der Kritik an den innenpolitischen Entwicklungen in der Türkei erkennt die EU deren Rolle für regionale Stabilität, Energiesicherheit, Migrationsmanagement und Verteidigungsinitiativen an. Kurzfristig ist daher davon auszugehen, dass beide Seiten ihre Zusammenarbeit im Rahmen einer Logik des „Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten“ ausbauen. Dies bedeutet, dass sich die Türkei schrittweise in die Sicherheits- und Verteidigungsdimension integrieren könnte (etwa durch die Teilnahme an gemeinsamen Programmen, militärisch-industriellen Projekten und der Entwicklung von Abwehrsystemen), während sie zugleich außerhalb der politischen Architektur der EU verbleibt. Ein solcher Ansatz erlaubt es beiden Seiten, den gegenseitigen Nutzen zu maximieren und gleichzeitig Flexibilität und Pragmatismus in ihrer strategischen Partnerschaft zu bewahren.

Potenzielle Entwicklungsszenarien:

Vertiefung der Verteidigungszusammenarbeit innerhalb der NATO und der EU

Angesichts der NATO-Mitgliedschaft der Türkei kann eine schrittweise Vertiefung der Sicherheitszusammenarbeit sowie eine weitergehende politische Annäherung als eines der möglichen Zukunftsszenarien für die Entwicklung der EU-Türkei-Beziehungen betrachtet werden.

Die Rolle der Türkei in der European Sky Shield Initiative (ESSI) ist von strategischer Bedeutung, da ihre Beteiligung nicht nur die geografische Abdeckung des europäischen Luftraumschutzes erweitert, sondern die Initiative auch durch eigene technologische und militärische Fähigkeiten stärkt. Als Schlüsselstaat an der südlichen Flanke der NATO verleiht die Türkei den europäischen Frühwarn- und Überwachungsfähigkeiten zusätzliche Tiefe, was insbesondere vor dem Hintergrund wachsender Risiken durch Raketenangriffe und den Einsatz unbemannter Systeme von zentraler Bedeutung ist. Die entwickelte verteidigungsindustrielle Basis der Türkei, einschließlich nationaler Luftabwehrsysteme, eröffnet zudem die Möglichkeit, die Gesamtfähigkeiten der ESSI durch die Integration einheimischer technologischer Lösungen und die Beteiligung an gemeinsamen Projekten zu erweitern.

Darüber hinaus macht die umfangreiche operative Erfahrung der Türkei in komplexen regionalen Sicherheitsumfeldern sie zu einem wertvollen Partner beim Aufbau einer widerstandsfähigen, mehrschichtigen europäischen Luftabwehrarchitektur. Über die technische Dimension hinaus besitzt ein Beitritt der Türkei zur ESSI auch erhebliches politisches Gewicht: Er würde Ankaras Bereitschaft zur Mitwirkung an europäischen Sicherheitsinitiativen unterstreichen, das gegenseitige Vertrauen stärken und zusätzliche Spielräume für eine schrittweise politische Annäherung an die EU im Verteidigungsbereich eröffnen.

Ein weiterer wichtiger Schritt hin zu einer vertieften Zusammenarbeit könnte eine potenzielle Beteiligung der Türkei am Instrument SAFE (Sicherheitsmaßnahmen für Europa) sein, das im Rahmen des EU-Plans ReArm Europe / Bereitschaft 2030 geschaffen wurde. SAFE ist darauf ausgelegt, bis zu 150 Milliarden Euro an langfristigen, von der EU besicherten Darlehen bereitzustellen, um schnelle und umfassende Investitionen in kritische Verteidigungsfähigkeiten, etwa in die Raketenabwehr, Drohnensysteme und andere strategische Schlüsselkapazitäten, zu ermöglichen. Das Instrument fördert die gemeinsame Beschaffung unter den teilnehmenden Staaten, um Skaleneffekte und Interoperabilität zu erzielen. Bemerkenswert ist, dass SAFE nicht ausschließlich den EU-Mitgliedstaaten offensteht, sondern unter bestimmten Voraussetzungen auch Drittstaaten einbezieht. Die Ukraine sowie die EWR-EFTA-Staaten sind ausdrücklich teilnahmeberechtigt; zudem könnten Länder, die mit der EU eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft geschlossen haben, potenziell auch die Türkei, an gemeinsamen Beschaffungsprogrammen teilnehmen.

Für die Türkei als bedeutenden Rüstungsexporteur würde eine Beteiligung an SAFE eine konkrete Möglichkeit bieten, sowohl ihre verteidigungsindustrielle Präsenz in Europa auszubauen als auch ihre Ausrichtung an europäischen Sicherheitsprioritäten zu vertiefen. Durch die Bereitstellung ihrer Systeme für gemeinsame europäische Beschaffungsprogramme könnte die Türkei ihre Integration in die technologische und industrielle Basis der europäischen Verteidigung (EDTIB) vertiefen, ihren Einfluss innerhalb der regionalen Sicherheitsarchitektur ausweiten und zugleich von günstigen Finanzierungsbedingungen für ihre Verteidigungsexporte profitieren. Außerdem würde ein solches Engagement die politische Anbindung der Türkei an EU-Verteidigungsinitiativen stärken und ein sichtbares Bekenntnis zur europäischen kollektiven Verteidigung signalisieren, während zugleich die eigenen industriellen Stärken genutzt würden.

Sektorale Integration der Türkei in EU-Verteidigungsinitiativen und -rahmen

In diesem Szenario könnte sich die Türkei lediglich an ausgewählten Projekten im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Europäischen Union beteiligen, ohne die Möglichkeit einer Ausweitung auf ein umfassenderes Engagement im Bereich der Verteidigungsindustrie mit allen EU-Mitgliedstaaten. Dies würde sich vor allem auf die Teilnahme an spezifischen Komponenten von EU-Programmen beschränken, etwa auf die gemeinsame technologische Entwicklung im Bereich C4ISR, die Modernisierung von Luftabwehrsystemen, Initiativen zur Cybersicherheit oder die Mitwirkung an ausgewählten PESCO-Projekten, in denen die Beteiligung von Drittstaaten formal zulässig ist. Dazu könnten beispielsweise Projekte im Bereich militärischer Mobilitätsplattformen, Komponenten unbemannter Systeme oder die Teilnahme an Konsortien gehören, die aus dem Europäischen Verteidigungsfonds (EDF) finanzierte Elemente herstellen. Eine solche Beteiligung würde jedoch nicht zu einer systemischen Integration führen, da die meisten EU-Mitgliedstaaten wahrscheinlich weiterhin zurückhaltend bleiben werden, der Türkei Zugang zu strategisch sensiblen industriellen Wertschöpfungsketten zu gewähren.

Im Kontext einer möglichen Neuverteilung der Sicherheitsverantwortung, insbesondere im Falle einer weiteren Reduzierung der militärischen Präsenz der USA in Europa, stünden die EU-Mitgliedstaaten vor einem strategischen Dilemma: Sicherheit entweder durch den Import ausländischer Waffensysteme zu gewährleisten oder durch den Ausbau der eigenen verteidigungsindustriellen Basis. Der erste Weg würde die Abhängigkeit von externen Technologien erhöhen und zu erheblichen finanziellen Abflüssen aus der Union führen. Der zweite Weg hingegen würde Arbeitsplätze schaffen, die Entwicklung lokaler Industriecluster fördern und zur strategischen Autonomie beitragen, allerdings um den Preis weiterer Fragmentierung und Doppelstrukturen innerhalb der europäischen Rüstungsindustrie. Angesichts der aktuellen geopolitischen Trends erscheint letzteres Szenario wahrscheinlicher.

Eine weitere Dimension betrifft den Einflussgewinn, den dies der Türkei verschaffen könnte. Ankara hat seine Rolle als Pufferstaat für Migrationsströme bereits als Verhandlungsmittel in den Beziehungen zur EU genutzt. Eine vertiefte Verteidigungszusammenarbeit könnte der Türkei zusätzliche Hebel an die Hand geben, etwa durch die Kontrolle über kritische Komponenten oder Technologien, die in europäische Waffensysteme integriert sind. Eine solche Entwicklung würde potenziell die regionalen Ambitionen der Türkei stärken und ihre Verhandlungsposition in Fragen des östlichen Mittelmeers, Zyperns sowie der Modernisierung der EU-Türkei-Zollunion verbessern. Mehrere europäische Thinktanks haben bereits die Sorge geäußert, dass eine übermäßige Abhängigkeit der EU von türkischen Industriekapazitäten politische Risiken mit sich bringen könnte, ähnlich jenen, die bereits im Migrationsbereich zu beobachten sind.

Vor diesem Hintergrund würde die Türkei voraussichtlich in erster Linie als temporärer Technologielieferant und Berater bei der Lokalisierung der Verteidigungsproduktion innerhalb der EU fungieren, nicht jedoch als langfristiger Hauptlieferant. Dennoch könnte Ankara in bestimmten Sektoren ein wettbewerbsfähiger Exporteur bleiben, insbesondere in Bereichen, in denen es bereits über fortgeschrittene Fähigkeiten verfügt, wie unbemannte Luftfahrzeuge, Loitering Munition und ein wachsendes Portfolio an Raketensystemen. Die derzeitigen technologischen Vorteile der Türkei in diesen Feldern würden es ihr erlauben, ihre Exportpositionen aufrechtzuerhalten, bis die EU-Mitgliedstaaten eigene vollständig autonome Produktionskapazitäten für derart komplexe Systeme aufgebaut haben.

Sicherheitspartnerschaft als Alternative zur vollständigen EU-Mitgliedschaft

Der Europäische Parlamentarische Forschungsdienst (EPRS) hat mögliche Entwicklungsszenarien der europäischen Sicherheitsarchitektur bis 2035 und 2050 analysiert und modelliert. Dazu zählen unter anderem die fortbestehende Zentralität der NATO als primärer Sicherheitsrahmen Europas; die Schaffung einer eigenständigen „europäischen NATO“, die potenziell die Türkei einschließen, jedoch außereuropäische Staaten ausschließen könnte; der Aufbau einer unabhängigen Europäischen Verteidigungsunion; eine „Patchwork-Politik“ mit der Herausbildung mehrerer Zentren innerhalb der EU, die jeweils andere Mitgliedstaaten unter einem gemeinsamen Rahmen bündeln; sowie ein Übergang zu einem Kooperationsmodell auf der Grundlage friedlicher Koexistenz, das sich aus den vorhergehenden Szenarien ergeben könnte.

Innerhalb dieser Szenarien variiert die Rolle der Türkei erheblich – von einem positiven Akteur, der Sicherheitsbedrohungen und Herausforderungen mit den EU-Staaten teilt, bis hin zu einem potenziell problematischen Faktor aufgrund gelegentlicher Abweichungen von EU-Positionen und einseitiger Handlungen in umstrittenen Regionen. Ein weiteres Szenario sieht die Türkei als regionalen Vermittler, der fragmentierte Teile Europas miteinander verbindet und gemeinsame Anstrengungen koordiniert, indem er bilateral mit einzelnen Mitgliedstaaten kooperiert. Der Einfluss der Türkei in dieser Rolle gründet sich auf ihre geografische Lage, die Kontrolle über Migrationsströme, etablierte bilaterale Beziehungen sowie auf verteidigungsindustrielle Kapazitäten, die lokalisierte europäische Initiativen unterstützen können.

Unter den gegenwärtigen Umständen, in denen die EU-Integration der Türkei faktisch auf Eis liegt, erscheint das wahrscheinlichste Szenario darin zu bestehen, dass Ankara sich auf regionale Initiativen und bilaterale Projekte konzentriert und zugleich eine begrenzte Koordination mit der EU aufrechterhält. Dieser Ansatz ermöglicht es, Spannungen in einzelnen Bereichen zu mindern, ohne nennenswerte Fortschritte bei der formalen Integration vorauszusetzen, und verschafft der Türkei zugleich Spielräume zur Durchsetzung ihrer nationalen Interessen. Er verdeutlicht, dass die Rolle der Türkei weder eindeutig positiv noch eindeutig negativ ist, sondern vielmehr kontextabhängig und flexibel, abhängig von den jeweiligen Interaktionsfeldern mit der Europäischen Union.

Schlussfolgerungen

Die Türkei verfügt über ein erhebliches Potenzial zur Vertiefung ihrer Zusammenarbeit mit der Europäischen Union im Bereich der Sicherheit; die Ausschöpfung dieses Potenzials bleibt jedoch durch eine Reihe politischer und strategischer Faktoren begrenzt. Trotz ihrer Vorteile (einer entwickelten verteidigungsindustriellen Basis, ihrer strategischen geografischen Lage, leistungsfähiger Streitkräfte sowie umfangreicher Erfahrungen in internationalen Missionen) weist die Interaktion zwischen Ankara und Brüssel weiterhin überwiegend einen selektiven und pragmatischen Charakter auf.

Eine zentrale Voraussetzung für eine substanzielle Annäherung ist die gegenseitige politische Bereitschaft. Für die EU-Mitgliedstaaten bleibt die zunehmend autokratische Innenpolitik der Türkei ein bedeutender Hemmfaktor. Umgekehrt zeigt die türkische Führung nur eine begrenzte Kompromissbereitschaft, da sie ihre strategische Autonomie sowohl in der Innen- als auch in der Außenpolitik wahren möchte und sich gegen eine tiefgreifende institutionelle Integration in die Sicherheitsstrukturen der EU sträubt.

Unter diesen Bedingungen erscheint eine umfassende Integration der Türkei in die Sicherheitsarchitektur der EU wenig wahrscheinlich. Stattdessen zeichnet sich als realistischeres Szenario die Fortsetzung einer selektiven, themenbezogenen und bilateralen Zusammenarbeit mit einzelnen EU-Mitgliedstaaten ab, die es Ankara ermöglicht, solche Partnerschaften als Instrumente zur Förderung seiner eigenen außenpolitischen Ziele zu nutzen.

Gleichzeitig könnte eine vertiefte Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich für beide Seiten Vorteile bringen. Die Türkei wäre in der Lage, die Verteidigungsfähigkeiten der EU durch die Beteiligung an gemeinsamen Projekten, den Zugang zu ihren Verteidigungstechnologien, den Ausbau von Ko-Produktionsinitiativen sowie durch ihren Beitrag zur Stabilität in strategisch wichtigen Regionen zu stärken. Für Ankara bestünden die potenziellen Vorteile in einem erweiterten Zugang zu europäischen Rüstungsmärkten, zu technologischen und finanziellen Instrumenten der EU sowie in einer Stärkung seines politischen Handlungsspielraums im europäischen Kontext.

Daher ist der wahrscheinlichste Weg ein Modell der selektiven, pragmatischen und für beide Seiten vorteilhaften Zusammenarbeit, das zwar keine vollständige Integration der Türkei in die Sicherheitsstrukturen der EU beinhaltet, aber dennoch zur Stärkung der regionalen Sicherheit und zur Verbesserung der Fähigkeit beider Seiten beiträgt, aktuelle Herausforderungen zu bewältigen.


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