Russland könnte Europa unter dem Vorwand angreifen, das globale Böse zu bekämpfen

Clock Icon 4 min read
März 29, 2022

Inhalt

Russlands taktische Fehlschläge in der Ukraine, die den ursprünglichen Plan von Invasion und Besatzung vollständig durchkreuzten, zwangen die russische Armee zur Schwerpunktverlagerung: Die Hauptanstrengungen richten sich nun auf die Einnahme von Gebieten im Süden und Osten der Ukraine, die Russland später hypothetisch mit der „LPR/DPR“ vereinen und als Sieg zum „Gesichtswahren“ ausgeben könnte. Der Kreml hat zudem bedeutende Offensivoperationen aufgegeben, um eine Verteidigungslinie zu sichern und zu einem langwierigen Stellungskrieg überzugehen.

Inhalt

Die offensichtlichen Misserfolge Russlands an der Front sind ein Schock für die ganze Welt — ebenso wie für Putin. Die internationale Gemeinschaft hat erkannt, dass die berüchtigte, bewusst übertriebene Macht der russischen Armee nichts als ein Mythos ist. Damit genießt Russland nicht länger den Status einer militärischen Supermacht, die nicht mit konventionellen Waffen angegriffen werden kann. Der Kreml muss seinerseits nach Wegen suchen, seine Schritte gegenüber den Russinnen und Russen zu rechtfertigen, die bereits zu ahnen beginnen, dass „nicht alles nach Plan läuft“.

Die russische Propaganda hat ihre Narrative drastisch verändert: Wurde das russische Publikum am Vorabend der Invasion noch mit der Vorstellung einer unmittelbar bevorstehenden, unvermeidlichen Niederlage der Ukraine gefüttert, so wurde angesichts der offensichtlichen Misserfolge der russischen Armee nun die These verbreitet, dass „Russland gegen Europas zweitstärkste Militärmacht kämpft“. Jetzt verschiebt sich der Akzent weiter: Es wird die These wiederholt, dies sei überhaupt kein Krieg gegen die Ukraine, sondern gegen das gesamte „Weltböse“, dem Russland sich selbstlos zum Wohle des Guten widersetzen müsse. Dies ist eine extreme Ausprägung auf das Inland gerichteter Propagandanarrative und ein direkter Hinweis darauf, dass der Kreml beschlossen hat, den Krieg um jeden Preis fortzusetzen.

Selbst vor dem Hintergrund der für Russlands jüngstes Selbstbild undenkbaren Misserfolge an den Frontlinien wird der Kreml keinem Waffenstillstand oder Kompromiss zustimmen, da dies einer Niederlage gleichkäme. Russland kann den Krieg in seiner jetzigen Form jedoch wegen seiner Sinnlosigkeit und der Untragbarkeit militärischer Verluste ebenfalls nicht fortsetzen. Daher wird sich Russlands Militärstrategie noch stärker auf die Notwendigkeit eines direkten Zusammenstoßes mit Europa ausrichten. Das russische Publikum wird bereits mit einer breiten Palette von Propagandamitteln darauf vorbereitet. Darüber hinaus gehört eine verdeckte, landesweit durchzuführende Mobilmachung zu Russlands Plänen. Dies ist ein direkter Beleg dafür, dass der Kreml einen Angriff auf Europa plant, mit den baltischen Staaten oder Polen als Ziel.

Der Angriff auf Europa wird von einer Flut von Lügen und Unterstellungen in den Medien begleitet sein, unter dem Vorwand des erklärten „Schutzes Russlands und der Russen“. Putin kann jede Aggression mit unglaublichen Lügen und doppelten Standards rechtfertigen — ein klassisches Merkmal der sowjetischen Propagandaschule. Die USA und Europa werden bereits als universelles „Böses“, als Quelle einer direkten Bedrohung dargestellt. Jede Ermahnung des Westens ebenso wie Friedensaufrufe wird der Kreml als weiteren Beweis für Böswilligkeit darstellen. Darauf wird ein hybrider oder umfassender militärischer Angriff auf die verwundbarsten Staaten folgen. Europa wird den blutigsten Krieg auf seinem Territorium seit 1945 erleben.

Putin kann noch immer nicht an seine taktische Niederlage glauben und entwickelt daher Pläne für eine weitere Konfrontation. Angesichts seines in sowjetischer Zeit geprägten Charakters und Weltbilds wird er den Westen als Hauptschuldigen für die umfassenden Verluste ansehen, die Russland im ersten Kriegsmonat erlitt, einschließlich einer beispiellosen Zahl von Toten an der Front. Die Ukraine wird nur als Zwischenziel auf dem Weg zur Wiederherstellung der „Größe“ des russischen Reichs des 21.Jahrhunderts, und den Westen hingegen als Hauptfeind und strategischen Gegner auf dem Schlachtfeld, der der Ukraine hilft, russische Soldaten zu töten. Der Kreml-Diktator glaubt, dass ein vergleichsweise dünn besiedeltes Russland mit begrenzter Fähigkeit, kampffähige Männer einzuziehen, gezwungen sei, allein gegen die ganze Welt zu stehen, die zu den Waffen gegen Russland gegriffen habe. Dies ist eine sehr gefährliche Lage, denn Europa ist derzeit einer realen militärischen Bedrohung ausgesetzt. In diesem Sinne schützt die Ukraine unter Einsatz des Lebens ihrer Bürgerinnen und Bürger die gesamte zivilisierte Welt vor russischer Aggression.

Der Westen steht vor der Wahl: wirksame Schritte zugunsten der Ukraine zu unternehmen und dem Land die erforderlichen Waffen zu liefern, oder morgen den Krieg in die eigenen Häuser und auf die friedlichen, zivilisierten Straßen Berlins und Paris’ kommen zu sehen. Sollte Putin die Ukraine trotz enormer Verluste einnehmen, wird er das Material der ukrainischen Armee den russischen Streitkräften hinzufügen und in die nächstgelegenen europäischen Länder vorrücken, die sich als völlig wehrlos erweisen werden.

Es gibt noch eine Chance, diese Katastrophe abzuwenden und der Ukraine rechtzeitig mit Waffen zu helfen. Hätten die USA der Ukraine wenigstens ein Viertel der Waffen geliefert, die sie 2021 schließlich in Afghanistan zurückließen, wäre ein ukrainischer Sieg viel näher, und der Westen könnte sich sicher fühlen und zuversichtlich in die Zukunft blicken.