{"id":55808,"date":"2026-10-22T14:49:12","date_gmt":"2026-10-22T11:49:12","guid":{"rendered":"https:\/\/tdcenter.org\/?p=55808"},"modified":"2026-11-04T15:43:11","modified_gmt":"2026-11-04T13:43:11","slug":"strategisches-schweigen-selektive-unterstutzung-chinas-haltung-zum-russischen-angriffskrieg-gegen-die-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tdcenter.org\/de\/2026\/10\/22\/strategisches-schweigen-selektive-unterstutzung-chinas-haltung-zum-russischen-angriffskrieg-gegen-die-ukraine\/","title":{"rendered":"Strategisches Schweigen, selektive Unterst\u00fctzung: Chinas Haltung zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-quick-download-button-download-button aligncenter qdbn-wrapper\"><div class=\"qdbn\" data-plugin-name=\"qdbn\" data-style=\"small\" data-file=\"hide-file\" data-size=\"hide-size\" data-icon-position=\"left\"><div class=\"qdbn-download-button-inner\"><button type=\"button\" data-button-type=\"small\" class=\"g-btn f-l\" style=\"background-color:#0e107b;color:#ffffff;border-radius:25px\" data-attachment-id=\"72168\" data-page-id=\"18850\" data-post-id=\"\" data-have-external=\"false\" data-external-url=\"\" data-wait-duration=\"0\" data-target-blank=\"true\" data-msg=\"Bitte warten\u2026\" data-member=\"0\" data-has-icon-dark=\"false\" title=\"PDF herunterladen\"><span class=\"download-btn-icon\"><svg xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewbox=\"0 0 24 24\" width=\"20\" height=\"20\" aria-hidden=\"true\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M18 11.3l-1-1.1-4 4V3h-1.5v11.3L7 10.2l-1 1.1 6.2 5.8 5.8-5.8zm.5 3.7v3.5h-13V15H4v5h16v-5h-1.5z\"><\/path><\/svg><\/span><span>PDF herunterladen<\/span><\/button><p class=\"up\" style=\"border-radius:0\"><i class=\"fi fi-pdf\"><\/i><\/p><p class=\"down\" style=\"border-radius:0\"><svg xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewbox=\"0 0 24 24\" width=\"20\" height=\"20\" aria-hidden=\"true\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M10 4H4c-1.1 0-1.99.9-1.99 2L2 18c0 1.1.9 2 2 2h16c1.1 0 2-.9 2-2V8c0-1.1-.9-2-2-2h-8l-2-2z\"><\/path><\/svg><span class=\"file-size\">653 KB<\/span><\/p><\/div><\/div><quick-download-button-info class=\"qdb-btn-info\"><\/quick-download-button-info><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"734\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/de-2-1024x734.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-55809\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/de-2-1024x734.png 1024w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/de-2-600x430.png 600w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/de-2-768x551.png 768w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/de-2-18x12.png 18w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/de-2.png 1395w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Chinas wachsendem internationalem Einfluss stellt sich die Frage, wie weit sein diplomatischer Diskurs und seine tats\u00e4chliche Praxis \u00fcbereinstimmen. Peking stellt seine Au\u00dfenpolitik in der Regel unter Grunds\u00e4tze wie die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten von Staaten, die Achtung nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t und das Streben nach Verhandlungsl\u00f6sungen. Russlands Krieg gegen die Ukraine ist eines der wichtigsten Fallbeispiele, an denen sich das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen diesen Grunds\u00e4tzen und dem Erhalt der strategischen Beziehungen Chinas untersuchen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Februar 2023 legte Peking einen Zw\u00f6lf-Punkte-Friedensvorschlag vor, der eine politische L\u00f6sung des Konflikts bef\u00f6rdern und Chinas Image als Vermittler st\u00e4rken sollte. Der Vorschlag vermied es jedoch, Russland ausdr\u00fccklich als Aggressor zu benennen, forderte keinen Abzug der russischen Truppen aus den besetzten Gebieten und blieb in der Frage, welche Verantwortung die beteiligten Parteien tragen, mehrdeutig. Zugleich hat China seine wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen zu Moskau weiter ausgebaut. Der wachsende bilaterale Handel und die engere Energiekooperation werfen die Frage auf, inwieweit Peking im Krieg tats\u00e4chlich eine neutrale Position einnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Zusammenhang gewinnt das Konzept des strategischen Schweigens besondere Bedeutung. Dieses Schweigen ist nicht einfach Ausdruck fehlender Positionierung; es wirkt vielmehr \u00fcber selektive Auslassungen, Deutungsrahmen und praktische Entscheidungen, die Pr\u00e4ferenzen signalisieren, ohne sie ausdr\u00fccklich zu benennen. So betrachtet ist diplomatische Ambiguit\u00e4t kein Zeichen von Passivit\u00e4t, sondern ein gezieltes Instrument, um sich Handlungsspielraum zu bewahren. Die Pflege der strategischen Beziehungen zu Russland bedeutet allerdings keine bedingungslose Bindung: Auch die Verhandlungen \u00fcber Gaslieferungen und Infrastruktur zeigen, dass Peking entschlossen ist, sich g\u00fcnstige Handelsbedingungen zu sichern und die Kosten einer zu engen Anlehnung zu begrenzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor diesem Hintergrund untersucht der Beitrag, wie China seine Vermittlungsrhetorik und die praktische Zusammenarbeit mit Russland miteinander verbindet und wo die eigenen Interessen dieser Partnerschaft Grenzen setzen. Er zeichnet die Entwicklung der diplomatischen Grunds\u00e4tze Chinas nach, analysiert Pekings Friedensvorschlag und sein diplomatisches Engagement gegen\u00fcber dem Globalen S\u00fcden und beleuchtet den chinesisch-russischen Handel sowie die Gasverhandlungen. Ziel ist es zu verstehen, wie diplomatische Ambiguit\u00e4t es Peking erm\u00f6glicht, seine Beziehung zu Moskau zu wahren und sich zugleich die Freiheit zu erhalten, Umfang und Bedingungen seiner Zusagen selbst zu bestimmen.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-von-der-nichteinmischung-zum-selektiven-engagement\" class=\"wp-block-heading\"><strong>Von der Nichteinmischung zum selektiven Engagement<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Gr\u00fcndung der Volksrepublik China 1949 wurde die Au\u00dfenpolitik von <a href=\"https:\/\/www.redalyc.org\/journal\/282\/28245351015\/html\/\">drei ideellen Komponenten gepr\u00e4gt<\/a>: Kommunismus, Nationalismus und Pragmatismus, deren relatives Gewicht sich im Lauf der Zeit verschob. In den ersten Jahrzehnten verfolgte die Volksrepublik eine konfrontative Au\u00dfenpolitik \u2013 zun\u00e4chst im B\u00fcndnis mit der Sowjetunion, sp\u00e4ter in Gegnerschaft zu beiden Superm\u00e4chten. Ziel war es, mit dem sogenannten \u201e<a href=\"https:\/\/www.redalyc.org\/journal\/282\/28245351015\/html\/\">Jahrhundert der Dem\u00fctigung<\/a>\u201c zu brechen und die eigene Souver\u00e4nit\u00e4t gegen\u00fcber den imperialen M\u00e4chten zu festigen, die das Land seit dem 19. Jahrhundert unterworfen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts dieses historischen Hintergrunds geh\u00f6rt das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten zu den best\u00e4ndigsten Pfeilern der chinesischen Au\u00dfenpolitik. Formalisiert wurde es 1954 mit den <a href=\"http:\/\/www.scielo.org.co\/scielo.php?script=sci_arttext&amp;pid=S0122-44092016000200537\">F\u00fcnf Prinzipien der friedlichen Koexistenz<\/a>, die erstmals in einem Abkommen zwischen China und Indien niedergelegt wurden. Sie wurden sp\u00e4ter zu einem ideologischen Fundament der Bewegung der Blockfreien Staaten und zu einem zentralen Bezugsrahmen der chinesischen Au\u00dfenpolitik. Die f\u00fcnf Prinzipien lauten: gegenseitige Achtung der Souver\u00e4nit\u00e4t und der territorialen Integrit\u00e4t, gegenseitiger Nichtangriff, gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten, Gleichberechtigung und gegenseitiger Nutzen sowie friedliche Koexistenz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Rahmen tritt <a href=\"https:\/\/www.iri.edu.ar\/revistas\/revista_dvd\/revistas\/R2\/R2EST01.html\">China <\/a>f\u00fcr die friedliche Beilegung internationaler Streitigkeiten ein und lehnt die Anwendung von Gewalt ebenso ab wie die Androhung von Krieg. Die L\u00f6sung der inneren Probleme eines Landes m\u00fcsse, so Pekings Argument, allein in den H\u00e4nden der jeweiligen Bev\u00f6lkerung liegen; ausl\u00e4ndische Interventionen weist es zur\u00fcck. Dar\u00fcber hinaus fordert China die Errichtung einer gerechten und vern\u00fcnftigen neuen internationalen politischen und wirtschaftlichen Ordnung. Diese Haltung erm\u00f6glichte es Peking, auf der Grundlage antikolonialer Solidarit\u00e4t und der formalen Gleichheit der Staaten, unabh\u00e4ngig von deren politischem oder wirtschaftlichem System, Beziehungen zu Entwicklungsl\u00e4ndern in Afrika, Asien und Lateinamerika aufzubauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die pragmatische Wende begann mit der wirtschaftlichen \u00d6ffnung, die Deng Xiaoping Ende der 1970er-Jahre einleitete. Nach den Ereignissen auf dem Tiananmen-Platz 1989 und dem Zusammenbruch des internationalen Kommunismus formulierte Deng die sogenannte \u201e<a href=\"https:\/\/www.redalyc.org\/journal\/282\/28245351015\/html\/\">24-Schriftzeichen-Strategie<\/a>\u201c: ruhig beobachten, die eigene Position sichern, Angelegenheiten gelassen angehen, die eigenen F\u00e4higkeiten verbergen und den richtigen Zeitpunkt abwarten, sich bedeckt halten und niemals die F\u00fchrung beanspruchen. Diese Doktrin strategischer Zur\u00fcckhaltung erlaubte es China, sich in das internationale System einzuf\u00fcgen, wirtschaftliche Macht anzuh\u00e4ufen und eine direkte Konfrontation mit dem Westen mehr als zwei Jahrzehnte lang zu vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Folgen waren tiefgreifend. <a href=\"https:\/\/www.redalyc.org\/journal\/282\/28245351015\/html\/\">Die chinesische Wirtschaft wuchs<\/a> j\u00e4hrlich um rund 10 % und vergr\u00f6\u00dferte sich von 1 Billion US-Dollar im Jahr 1990 auf 17,5 Billionen US-Dollar im Jahr 2014. Ihr Anteil an der Weltwirtschaft stieg damit von 4 % auf 16,5 %; gemessen an der Kaufkraftparit\u00e4t wurde China zur gr\u00f6\u00dften Volkswirtschaft der Welt. Dieses Wachstum verwandelte Chinas Abh\u00e4ngigkeit vom Ausland in eine Interdependenz und zwang Peking, seine au\u00dfenpolitische Strategie schrittweise neu zu bestimmen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"624\" height=\"490\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-55812\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-2.png 624w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-2-600x471.png 600w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-2-15x12.png 15w\" sizes=\"(max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Machtantritt Xi Jinpings 2012\/13 markierte eine deutliche Abkehr von der Strategie der Zur\u00fcckhaltung, die Xi von Deng \u00fcbernommen hatte. <a href=\"https:\/\/www.scielo.org.mx\/scielo.php?script=sci_arttext&amp;pid=S1870-35692024000100001\">Xis Doktrin<\/a> umfasst drei Kernelemente: die \u201egro\u00dfe Wiederbelebung der chinesischen Nation\u201c, die \u201eSchicksalsgemeinschaft der Menschheit\u201c und \u201eChinas neue und gr\u00f6\u00dfere Beitr\u00e4ge f\u00fcr die Menschheit\u201c. Letztlich geht es darum, China bis 2035 zu einem \u201emodernen sozialistischen Land\u201c und bis 2049, wenn der hundertste Jahrestag der Gr\u00fcndung der Volksrepublik begangen wird, zu einer \u201estarken und wohlhabenden\u201c Gro\u00dfmacht zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter Xi Jinping verst\u00e4rkte Peking sein Bestreben, als verantwortungsvoller Akteur der internationalen Gemeinschaft aufzutreten und internationale \u00f6ffentliche G\u00fcter wie die Verbesserung der Umweltbedingungen und die Friedenssicherung bereitzustellen. Zugleich bezog es in Territorialstreitigkeiten mit Nachbarstaaten im S\u00fcdchinesischen und im Ostchinesischen Meer offensivere Positionen. Dieser Dualismus \u2013 multilaterale Kooperation einerseits, Unnachgiebigkeit bei der Verteidigung sogenannter \u201eKerninteressen\u201c andererseits \u2013 pr\u00e4gt den ambivalenten Charakter der chinesischen Au\u00dfenpolitik in der \u00c4ra Xi.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichwohl wird das Prinzip der Nichteinmischung stets aufs Neue bekr\u00e4ftigt. So stellte Pr\u00e4sident <a href=\"https:\/\/www.jornada.com.mx\/noticia\/2024\/07\/22\/politica\/nueva-connotacion-de-los-5-principios-de-coexistencia-pacifica-8878\">Xi Jinping<\/a> im Juni 2024 zum 70. Jahrestag der F\u00fcnf Prinzipien den Aufbau einer Schicksalsgemeinschaft der Menschheit als zeitgem\u00e4\u00dfe Antwort auf diese Prinzipien dar. Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer L\u00e4nder und friedliche Koexistenz, so Xi, wiesen weiterhin die Richtung beim Aufbau der angestrebten Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese diskursive Kontinuit\u00e4t ist aufschlussreich: Die Nichteinmischung bleibt ein zentrales Element des diplomatischen Narratives Chinas, auch wenn ihre praktische Anwendung zunehmend Spannungen offenbart. Mit dem \u00dcbergang zu einer offensiveren Au\u00dfenpolitik geriet die Notwendigkeit, chinesische Staatsb\u00fcrger und Verm\u00f6genswerte im Ausland zu sch\u00fctzen, in ein Spannungsverh\u00e4ltnis zu diesem Prinzip. Dieser Wandel wurde nicht offiziell verk\u00fcndet. Er zeigte sich vielmehr schrittweise: in Operationen zur R\u00fcckf\u00fchrung chinesischer Staatsb\u00fcrgerInnen aus dem Ausland, in der Marinepr\u00e4senz im S\u00fcdchinesischen Meer und im wirtschaftlichen und politischen Einfluss, den Peking \u00fcber die Belt and Road Initiative (BRI) auf seine Partner aus\u00fcbt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Spannung zwischen erkl\u00e4rtem Prinzip und tats\u00e4chlicher Praxis offenbart eine doppelte Logik, die sich durch Chinas Au\u00dfenpolitik zieht: <strong>Peking beruft sich auf die Nichteinmischung als normativen Schutzschild gegen westliche Kritik<\/strong> (insbesondere mit Blick auf Taiwan, Tibet oder Xinjiang), <strong>entfaltet in anderen Kontexten jedoch eine aktive und mitunter auf Zwang setzende Pr\u00e4senz. <\/strong>Diese Selektivit\u00e4t folgt einem strategischen Kalk\u00fcl, das das Nichteinmischungsprinzip als rhetorisches Instrument zum Schutz eigener Interessen nutzt, ohne dass daraus eine entsprechende Verpflichtung folgte, selbst auf ein Eingreifen zu verzichten, wenn Pekings Interessen es erfordern.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-strategisches-schweigen-ambiguitat-als-diplomatisches-instrument\" class=\"wp-block-heading\"><strong>Strategisches Schweigen: Ambiguit\u00e4t als diplomatisches Instrument<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Strategisches Schweigen bezeichnet eine bewusste Haltung kalkulierter Ambiguit\u00e4t: Ein staatlicher Akteur vermeidet ausdr\u00fcckliche Festlegungen, die ihn in einem internationalen Konflikt oder Streit auf die eine oder andere Seite verpflichten w\u00fcrden, und sichert sich zugleich die Vorteile, die ihm seine Beziehungen bieten, ebenso wie materiellen Nutzen. Anders als Neutralit\u00e4t, die den Verzicht auf eine Beteiligung am Konflikt und konkrete v\u00f6lkerrechtliche Pflichten mit sich bringt, impliziert strategisches Schweigen nicht notwendigerweise Unparteilichkeit. Es ist vielmehr eine Form politischen Handelns, die \u00fcber selektive Auslassungen, Deutungsrahmen und wirtschaftliche Entscheidungen wirkt und so Pr\u00e4ferenzen signalisiert, ohne sie ausdr\u00fccklich zu benennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf diplomatischer Ebene hat China in multilateralen Foren eine konsequente Praxis narrativer Umdeutung entwickelt. Bei Konflikten oder Streitigkeiten lenkt Peking die Debatte in der Regel weg von der Frage der Verantwortung und hin zu abstrakten Prinzipien \u2013 Souver\u00e4nit\u00e4t, Dialog, politische L\u00f6sung, Nichteinmischung, die keine der Parteien formal zur\u00fcckweisen kann. Dieser Mechanismus erlaubt es China, sich als Stimme der M\u00e4\u00dfigung zu pr\u00e4sentieren, ohne die Verantwortung f\u00fcr den Konflikt ausdr\u00fccklich zu thematisieren. <strong>Das Ungesagte ist daher ebenso bedeutsam wie das Erkl\u00e4rte: <\/strong>Ein Staat, der darauf verzichtet, eine Handlung zu verurteilen, seinen Handel mit einer der Parteien ausweitet und Vermittlungsinitiativen vorschl\u00e4gt, die einen der Kontrahenten beg\u00fcnstigen, bezieht Position (auch wenn er dies nicht formal erkl\u00e4rt).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Strategisches Schweigen st\u00fctzt sich nicht allein auf Rhetorik. Damit Ambiguit\u00e4t funktioniert, muss sie durch konkrete Instrumente unterlegt sein, die China realen Einfluss verschaffen, ohne seine deklaratorische Position zu gef\u00e4hrden. Die Ausweitung oder Einschr\u00e4nkung von Handelsbeziehungen, der Zugang zum chinesischen Markt und die Beteiligung an Finanzierungs- und Investitionsprojekten schaffen Anreize wie Hemmnisse, die die Entscheidungen anderer Staaten beeinflussen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So ist die <a href=\"https:\/\/www.scielo.sa.cr\/scielo.php?script=sci_arttext&amp;pid=S2215-45822024000200035\">BRI<\/a> nicht nur ein Infrastruktur- und Konnektivit\u00e4tsprojekt: Sie kann finanzielle und logistische Abh\u00e4ngigkeiten schaffen, die den politischen Handlungsspielraum der Empf\u00e4ngerl\u00e4nder einschr\u00e4nken, ohne dass China expliziten Druck aus\u00fcben m\u00fcsste. Zusammengenommen erlauben diese Instrumente Peking, das Umfeld zu pr\u00e4gen, in dem Entscheidungen getroffen werden, ohne sich unmittelbar an den Konflikten zu beteiligen, die dieses Umfeld erst hervorbringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Kombination aus deklaratorischer Auslassung, narrativer Umdeutung und selektivem wirtschaftlichem Engagement ist eng mit dem Konzept des <em><a href=\"https:\/\/revistas.ucm.es\/index.php\/MIRA\/article\/view\/80416\">Hedgings <\/a><\/em>verbunden: einer Au\u00dfenpolitik, die konkurrierendes und kooperatives Verhalten verbindet, Beziehungen zu miteinander im Konflikt stehenden Akteuren pflegt und dabei exklusive politische oder milit\u00e4rische Bindungen vermeidet. So betrachtet ist diplomatische Ambiguit\u00e4t kein Zeichen von Passivit\u00e4t, sondern ein gezieltes Instrument, um sich Handlungsspielraum zu bewahren. F\u00fcr Russlands Krieg gegen die Ukraine r\u00fcckt dieser Analyserahmen drei Dimensionen des chinesischen Verhaltens in den Fokus: die Prinzipien, auf die sich Peking beruft, die Verantwortlichkeiten, die es unbenannt l\u00e4sst, und die praktischen Entscheidungen, mit denen es seine Beziehung zu Moskau aufrechterh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"755\" height=\"454\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-3.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-55813\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-3.png 755w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-3-600x361.png 600w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-3-18x11.png 18w\" sizes=\"(max-width: 755px) 100vw, 755px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Quelle: Real Instituto Elcano<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h4 id=\"h-chinas-friedensvorschlag-souveranitat-ohne-ruckzugsforderung\" class=\"wp-block-heading\"><strong>Chinas Friedensvorschlag: Souver\u00e4nit\u00e4t ohne R\u00fcckzugsforderung<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die chinesische Au\u00dfenpolitik bewegt sich auf zwei Ebenen, die nicht immer deckungsgleich sind. Deklaratorisch tritt Peking f\u00fcr Souver\u00e4nit\u00e4t, Multilateralismus, Nichteinmischung und Verhandlungsl\u00f6sungen ein. Operativ sichert es materielle Interessen und festigt strategische Beziehungen \u2013 auch dann, wenn diese Bindungen seinen erkl\u00e4rten Prinzipien widersprechen. Diese doppelte Logik erkl\u00e4rt, wie der Zw\u00f6lf-Punkte-Plan als Friedensvorschlag pr\u00e4sentiert werden konnte, ohne eine ausdr\u00fcckliche Verurteilung der Aggression oder einen Abzug der russischen Truppen zu fordern. Die Ambiguit\u00e4t war kein unbeabsichtigter Mangel des Dokuments, sondern die Voraussetzung daf\u00fcr, dass China als Vermittler auftreten konnte, ohne die Verbindungen zu Moskau zu kappen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Krieg zwischen Russland und der Ukraine zeigt sich Chinas strategisches Schweigen zuerst in der Sprache. Zum ersten Jahrestag der russischen Invasion ver\u00f6ffentlichte das chinesische Au\u00dfenministerium einen Zw\u00f6lf-Punkte-Plan, der Souver\u00e4nit\u00e4t, Waffenstillstand, humanit\u00e4re Hilfe, den Schutz der Zivilbev\u00f6lkerung, nukleare Sicherheit, Gefangenenaustausch, Lieferketten und die Ablehnung einseitiger Sanktionen behandelte. Entscheidend war jedoch, was der Plan aussparte: Peking sprach von einer \u201eKrise\u201c statt von einer Invasion und von \u201eKonfliktparteien\u201c, ohne zwischen Aggressor und \u00dcberfallenem zu unterscheiden; es berief sich auf die Souver\u00e4nit\u00e4t, ohne einen russischen Abzug zu verlangen, und schlug Dialog vor, ohne Moskau Verantwortung zuzuweisen. Diese Formel verschob die Debatte weg von der territorialen Aggression hin zu einem Narrativ der Deeskalation zwischen vermeintlich gleichrangigen Akteuren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Ukraine k\u00f6nnte ein Waffenstillstand ohne milit\u00e4rischen R\u00fcckzug zwar die K\u00e4mpfe verringern, zugleich aber die Besatzung unter dem Deckmantel einer Verhandlungsl\u00f6sung einfrieren. Russland wiederum stand als dialogbereiter Akteur da, ohne Gebiete zur\u00fcckzugeben oder Verantwortung f\u00fcr die Invasion zu \u00fcbernehmen. Folgerichtig st\u00fctzte sich die Kritik der Vereinigten Staaten, der Europ\u00e4ischen Union (EU) und der NATO auf denselben Einwand: Ein Vermittler, der nicht zwischen Aggressor und Opfer unterscheidet, relativiert die Verantwortung derjenigen Partei, die den Krieg begonnen hat. Der chinesische Vorschlag berief sich zwar auf die Souver\u00e4nit\u00e4t, zeigte aber keinen gangbaren Weg auf, sie zu verteidigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die normative Selektivit\u00e4t macht diesen Widerspruch noch deutlicher. China hat sein internationales Ansehen zu einem gro\u00dfen Teil auf die Verteidigung nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t und der Nichteinmischung gegr\u00fcndet \u2013 Prinzipien, auf die es sich etwa mit Blick auf Taiwan oder Xinjiang nachdr\u00fccklich beruft. <strong>Die Annexion ukrainischer Gebiete durch Russland l\u00f6ste in Peking jedoch keine vergleichbare Reaktion aus. <\/strong>Allgemeine Verweise auf das V\u00f6lkerrecht traten an die Stelle einer klaren Verurteilung eines Krieges, der auf die Annexion fremder Gebiete zielt. Eine Analyse von Bonnie Glaser f\u00fcr den German Marshall Fund, einen in den USA und Europa ans\u00e4ssigen transatlantischen Thinktank, beschreibt diese Selektivit\u00e4t als au\u00dfenpolitisches Muster und nicht als vor\u00fcbergehende Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese kalkulierte Ambiguit\u00e4t zeigt sich auch auf anderen hochkomplexen Schaupl\u00e4tzen: beim Konflikt im Nahen Osten sowie im Streit um Taiwan und den Indopazifik. In all diesen F\u00e4llen hat Peking eine Strategie des strategischen Schweigens verfolgt \u2013 verstanden nicht als Passivit\u00e4t, sondern als bewusst mehrdeutige Haltung, die es ihm erlaubt, seinen Nutzen zu maximieren, ohne die Kosten einer offenen Parteinahme tragen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-friedensdiplomatie-und-der-globale-suden\" class=\"wp-block-heading\"><strong>Friedensdiplomatie und der Globale S\u00fcden<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Au\u00dferhalb des westlichen Lagers fiel die Reaktion noch ambivalenter aus. Mehrere Regierungen in Lateinamerika, Afrika und Asien verteidigten in den Vereinten Nationen (UN) die Souver\u00e4nit\u00e4t der Ukraine, vermieden es aber, sich den von den USA und Europa vorangetriebenen Wirtschaftssanktionen und Waffenlieferungen vollst\u00e4ndig anzuschlie\u00dfen. Brasilien war das prominenteste Beispiel: Die Regierung von Luiz In\u00e1cio Lula da Silva schlug eine Gruppe nicht unmittelbar am Krieg beteiligter L\u00e4nder vor und trieb anschlie\u00dfend gemeinsam mit China eine Initiative f\u00fcr eine politische L\u00f6sung voran. Diese Haltung spiegelt das Streben nach diplomatischer Autonomie wider, b\u00fc\u00dft jedoch an \u00dcberzeugungskraft ein, wenn sie es vermeidet, die Aggression ausdr\u00fccklich zu benennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Afrika deuteten mehrere Regierungen <a href=\"http:\/\/www.china.org.cn\/world\/Off_the_Wire\/2023-07\/29\/content_96384733.htm\">den chinesischen Plan<\/a> als Signal f\u00fcr einen diplomatischen Weg, der sich vom westlichen unterscheidet. Peking wollte sich dem Globalen S\u00fcden im Gegensatz zum Kurs der USA, die Ukraine aufzur\u00fcsten und den Druck auf Russland zu erh\u00f6hen, als stabilisierende Macht pr\u00e4sentieren. Dieses Narrativ brauchte regionale R\u00fcckendeckung mit politischem Gewicht. Im Juni 2023 besuchte eine <a href=\"https:\/\/issafrica.org\/iss-today\/african-peace-mission-one-step-forward-one-step-back\">Delegation aus sieben afrikanischen L\u00e4ndern<\/a> unter F\u00fchrung S\u00fcdafrikas, der zudem die Komoren, die Republik Kongo, \u00c4gypten, Senegal, Uganda und Sambia angeh\u00f6rten, Kyjiw und Moskau \u2013 <a href=\"https:\/\/issafrica.org\/iss-today\/african-peace-mission-one-step-forward-one-step-back\">die erste afrikanische Friedensmission <\/a>zu einem Konflikt au\u00dferhalb des eigenen Kontinents. Wladimir Putin erkl\u00e4rte, <a href=\"http:\/\/www.china.org.cn\/world\/Off_the_Wire\/2023-07\/29\/content_96384733.htm\">die afrikanische Initiative<\/a> greife die Bestimmungen des chinesischen Plans auf, w\u00e4hrend der s\u00fcdafrikanische Pr\u00e4sident Cyril Ramaphosa betonte, die afrikanischen Vorschl\u00e4ge stimmten mit den von Peking vorgelegten \u00fcberein. Auf dem BRICS-Gipfel im August 2023 in Johannesburg besiegelten China und S\u00fcdafrika ihren Schulterschluss. Beide Regierungen erkl\u00e4rten Dialog und Verhandlungen zum einzig gangbaren Weg, den russisch-ukrainischen Krieg zu beenden, und sagten zu, eine konstruktive Rolle bei einer politischen L\u00f6sung zu spielen. Die Legitimit\u00e4t dieses Vorsto\u00dfes blieb jedoch br\u00fcchig. Der afrikanischen Mission fehlte ein formelles Mandat des Friedens- und Sicherheitsrats der Afrikanischen Union, also jenes Gremiums, das innerhalb der kontinentalen Organisation f\u00fcr Krisen und Konflikte zust\u00e4ndig ist. Zudem unterhielten vier der beteiligten L\u00e4nder \u2013 \u00c4gypten, S\u00fcdafrika, die Republik Kongo und Uganda \u2013 bedeutende Verbindungen oder nennenswerte Kooperationen mit Russland. Diese N\u00e4he spiegelte in Afrika dieselbe grundlegende Spannung wider, die auch China als Vermittler schw\u00e4chte: die Schwierigkeit, Neutralit\u00e4t geltend zu machen, wenn strukturelle Bindungen an eine der Parteien \u00f6ffentlich bekannt sind.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"742\" height=\"540\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/image-9.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-53307\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/image-9.png 742w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/image-9-16x12.png 16w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/image-9-600x437.png 600w\" sizes=\"(max-width: 742px) 100vw, 742px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Quelle: El Pais<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Friedensplan st\u00e4rkte Chinas internationales Image als Macht, die im Globalen S\u00fcden eine Vermittlerrolle anstrebt, insbesondere bei Akteuren, die seine Ablehnung von Sanktionen und westlicher F\u00fchrung teilen. Seine Wirkung blieb jedoch im Wesentlichen auf die diskursive Ebene beschr\u00e4nkt. Er ver\u00e4nderte weder das milit\u00e4rische Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis, noch bewirkte er einen russischen Abzug oder substanzielle Verhandlungen. Sein Erfolg lag auf einer anderen Ebene: Er positionierte Peking als unverzichtbaren Akteur in allen k\u00fcnftigen Verhandlungen, ohne dass China seine Beziehungen zu Moskau aufs Spiel setzen oder konkrete Kosten f\u00fcr die Fortdauer des Konflikts tragen musste.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-gasgeschafte-und-die-grenzen-der-grenzenlosen-partnerschaft\" class=\"wp-block-heading\"><strong>Gasgesch\u00e4fte und die Grenzen der \u201egrenzenlosen\u201c Partnerschaft<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese diplomatische Ambiguit\u00e4t zahlte sich wirtschaftlich unmittelbar aus. 2022 stiegen die chinesischen Exporte nach Russland um 12,8 %, w\u00e4hrend die chinesischen Importe russischer Rohstoffe um 43,4 % zulegten. 2023 wuchs der bilaterale Handel insgesamt um weitere 26 %. <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/ae458591-5941-45f1-bf7b-7110bc35eb88\">Die westlichen Sanktionen<\/a> trieben Moskau in Richtung Peking, das dadurch Verhandlungsmacht gegen\u00fcber einem Partner gewann, der dringend nach alternativen Abnehmern, Lieferanten und Handelswegen suchte. Russland bietet strategische Ressourcen, milit\u00e4rische Macht, einen st\u00e4ndigen Sitz im <a href=\"https:\/\/research.un.org\/en\/docs\/sc\/quick\/veto\">UN-Sicherheitsrat<\/a> und Druckpotenzial gegen\u00fcber Europa. China bietet einen Absatzmarkt, Industrieg\u00fcter, Technologie, Finanzkan\u00e4le und eine wirtschaftliche Lebensader. Die Beziehung ist kein B\u00fcndnis unter Gleichen, sondern eine immer tiefere Abh\u00e4ngigkeit Russlands.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders deutlich zeigt sich diese Dynamik im Energiebereich. Die Energiekooperation zwischen der Volksrepublik China und der Russischen F\u00f6deration hat sich zu einem der zentralen Pfeiler der bilateralen Beziehungen entwickelt, vom pragmatischen Handel hin zu einem Fundament ihrer heutigen geopolitischen Positionierung. Der Krieg in der Ukraine und die westlichen Sanktionen gegen Russland beschleunigten eine Neuordnung, die die chinesisch-russische Interdependenz st\u00e4rkte, allerdings zu Bedingungen, die zunehmend Peking beg\u00fcnstigen. Dennoch bleibt China in hohem Ma\u00df auf russische Energieimporte angewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Streben nach Energiesicherheit hat f\u00fcr die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) <a href=\"https:\/\/digitalcommons.usf.edu\/gnsi_decision_briefs\/1\/\">zunehmend an Bedeutung gewonnen<\/a>. Die Partei sah sich veranlasst, den Zugang zu Energieressourcen sowie die See- und Landwege f\u00fcr deren Transport zu sichern, zumal der Energieverbrauch die heimische Produktionskapazit\u00e4t zunehmend \u00fcbersteigt. Sch\u00e4tzungen zufolge wird die rasche Alterung der Bev\u00f6lkerung in Verbindung mit dem Wirtschaftswachstum diese L\u00fccke weiter vergr\u00f6\u00dfern. Ein Paradebeispiel f\u00fcr diese strategische Interdependenz ist die<a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/mundo\/noticias-internacional-50647056\"> Gaspipeline \u201eKraft Sibiriens\u201c<\/a>, ein enormes Infrastrukturprojekt, das im Dezember 2019 in Betrieb genommen wurde und Gasfelder in Ostsibirien mit Provinzen im Nordosten Chinas verbindet. Ausgelegt auf eine Lieferkapazit\u00e4t von 38 Mrd. Kubikmetern Erdgas pro Jahr \u00fcber einen Zeitraum von drei Jahrzehnten, gewann dieser Landkorridor nach Beginn des Krieges in der Ukraine f\u00fcr den Kreml strategische Bedeutung. Als die europ\u00e4ischen Staaten ihre Abh\u00e4ngigkeit von russischem Gas abbauten und traditionelle Transitrouten stilllegten, verlagerte der Staatskonzern Gazprom seinen strategischen Schwerpunkt auf den asiatischen Markt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"980\" height=\"551\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-4.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-55814\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-4.png 980w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-4-600x337.png 600w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-4-18x10.png 18w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/11\/image-4-767x431.png 767w\" sizes=\"(max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Quelle: France 24<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie internationale Presseberichte zeigen, f\u00fchrte diese Dringlichkeit zu intensiven <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/business\/energy\/what-is-russias-power-siberia-pipeline-2-china-2026-05-19\/\">Verhandlungen \u00fcber das Projekt \u201eKraft Sibiriens 2\u201c<\/a>, eine zweite Pipeline, die durch die Mongolei verlaufen und j\u00e4hrlich 50 Mrd. Kubikmeter Erdgas von den Gasfeldern auf Jamal liefern soll. Bereits im September 2025 war vereinbart worden, die Kapazit\u00e4t von \u201eKraft Sibiriens 1\u201c auf 44 Mrd. Kubikmeter Erdgas pro Jahr zu erh\u00f6hen. F\u00fcr Moskau, das infolge der EU-Sanktionen vom europ\u00e4ischen Markt abgeschnitten ist, hat die neue Pipeline hohe Dringlichkeit. Energieinfrastruktur ist keine rein kommerzielle Angelegenheit mehr, sondern ein Instrument des politischen \u00dcberlebens f\u00fcr das russische Regime. <a href=\"https:\/\/www.chathamhouse.org\/2026\/05\/china-and-russias-strategic-duo-endures-its-limits-are-clear\">Die Umsetzung dieser Megaprojekte legt jedoch die Grenzen der von beiden Staatschefs ausgerufenen \u201eFreundschaft ohne Grenzen\u201c offen.<\/a> W\u00e4hrend Russland den Vertrag unterzeichnen will, um seine Haushaltseinnahmen langfristig zu stabilisieren, h\u00e4lt sich Peking mit der endg\u00fcltigen Zustimmung zur\u00fcck, um Druck f\u00fcr g\u00fcnstige Preise und Lieferbedingungen auszu\u00fcben. Diese Zur\u00fcckhaltung zeigt, dass die chinesisch-russische Ann\u00e4herung divergierende Interessen nicht beseitigt: Politischer Gleichklang r\u00e4umt Misstrauen nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Chinas strategisches Schweigen ist von dem Ziel bestimmt, die eigene nationale Sicherheit zu maximieren. China braucht Russland als Energielieferanten und geopolitischen Partner, vermeidet es aber, in eine untergeordnete Rolle zu geraten, und will sich gen\u00fcgend Flexibilit\u00e4t bewahren, um seinen wirtschaftlichen Nutzen zu maximieren und zugleich die Kosten einer zu engen Anlehnung zu begrenzen. Eine zu gro\u00dfe Abh\u00e4ngigkeit von einem einzigen Lieferanten bedeutet eine strategische Verwundbarkeit, die China seit Jahren durch die Diversifizierung seiner Energiequellen zu verringern sucht. <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/business\/energy\/what-is-russias-power-siberia-pipeline-2-china-2026-05-19\/\">China verf\u00fcgt \u00fcber f\u00fcnf bestehende Pipelines, die Erdgas aus Zentralasien, Myanmar und Russland transportieren;<\/a> hinzu kommt eine im Bau befindliche Pipeline, \u00fcber die 10 Mrd. Kubikmeter von der russischen Pazifikinsel Sachalin nach China flie\u00dfen sollen. Andererseits teilen beide Staaten zwar ein Weltbild, das sich gegen die von den USA gef\u00fchrte internationale Ordnung richtet, wie die j\u00fcngste <a href=\"https:\/\/english.www.gov.cn\/news\/202605\/21\/content_WS6a0e5466c6d00ca5f9a0b24c.html\">gemeinsame Erkl\u00e4rung <\/a>zeigt, die f\u00fcr eine multipolare Welt und einen neuen Typ internationaler Beziehungen eintritt, ihre strategischen und geopolitischen Priorit\u00e4ten decken sich jedoch nicht. Nachdem China das Modell <em><a href=\"https:\/\/geopoliticaenaccion.com\/el-ajedrez-del-indo-pacifico-china-sus-vecinos-y-el-cerco-estrategico-de-e-e-u-u\/\">Made in China <\/a><\/em><a href=\"https:\/\/geopoliticaenaccion.com\/el-ajedrez-del-indo-pacifico-china-sus-vecinos-y-el-cerco-estrategico-de-e-e-u-u\/\">gefestigt und sein BIP vervielfacht hat<\/a>, ist seine Wirtschaft deutlich st\u00e4rker in die Weltwirtschaft integriert als die russische. Eine direkte Konfrontation mit dem Westen w\u00e4re f\u00fcr Peking daher mit erheblichen <a href=\"https:\/\/www.chathamhouse.org\/2026\/05\/china-and-russias-strategic-duo-endures-its-limits-are-clear\">wirtschaftlichen und strategischen Kosten<\/a> verbunden; dies erkl\u00e4rt zum Teil, weshalb es darauf bedacht ist, sich nicht den westlichen Sanktionen gegen Russland auszusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Streben nach nationaler Sicherheit und globaler Autonomie hat China eine Strategie gew\u00e4hlt, die von wirtschaftlichem Pragmatismus und politischer Ambiguit\u00e4t gepr\u00e4gt ist. Dieser Ansatz folgt der Logik des <strong><em><a href=\"https:\/\/geopoliticaenaccion.com\/turkiye-entre-disposiciones-y-capacidades-los-dilemas-de-hacer-hedging\/\">Hedgings<\/a><\/em><\/strong>, das F\u00e1tima F\u00fanez und Ver\u00f3nica P\u00e9rez Taffi als <strong>Alternative zur bedingungslosen Anlehnung an einen der Machtpole oder zur direkten Konfrontation mit ihm beschreiben<\/strong>. In seinen Energiebeziehungen zu Russland h\u00e4lt Peking an der Zusammenarbeit fest, strebt zugleich g\u00fcnstige Lieferbedingungen an und vermeidet eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Abh\u00e4ngigkeit von einem einzigen Partner.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verhandlungen \u00fcber \u201eKraft Sibiriens 2\u201c veranschaulichen dieses Kalk\u00fcl. W\u00e4hrend Moskau einen langfristigen Absatzweg f\u00fcr sein Gas sucht, h\u00e4lt sich Peking mit der endg\u00fcltigen Zustimmung zur\u00fcck und dringt auf g\u00fcnstige Preise und Lieferbedingungen. Politische N\u00e4he zu Moskau verpflichtet China also nicht dazu, ung\u00fcnstige kommerzielle Bedingungen zu akzeptieren. Die Grenzen der \u201eFreundschaft ohne Grenzen\u201c werden genau dort sichtbar, wo Russlands Handlungsdruck auf Chinas Verhandlungsmacht trifft.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-schlussfolgerungen\" class=\"wp-block-heading\"><strong>Schlussfolgerungen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Chinas strategisches Schweigen ist nicht mit Neutralit\u00e4t gleichzusetzen, sondern eine Form impliziter Positionierung. Peking verk\u00fcndet Prinzipien und wirbt f\u00fcr Verhandlungen, vermeidet es aber, Russland ausdr\u00fccklich als Aggressor zu benennen oder die Grenzen seiner eigenen Unterst\u00fctzung festzulegen. Sein Friedensvorschlag beruft sich auf die Souver\u00e4nit\u00e4t, ohne einen russischen Abzug zu fordern, und erlaubt es China so, sich als m\u00f6glicher Vermittler zu pr\u00e4sentieren, ohne die Beziehungen zu Moskau zu gef\u00e4hrden. Diese Ambiguit\u00e4t erh\u00e4lt diplomatische Optionen und verringert die Reputationskosten einer offenen Parteinahme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Chinas Position kommt jedoch nicht nur in dem zum Ausdruck, was es sagt oder verschweigt, sondern auch in seinen praktischen Entscheidungen. Der Ausbau des bilateralen Handels und der Energiekooperation h\u00e4lt f\u00fcr Russland eine wirtschaftliche Lebensader offen und sichert China zugleich Ressourcen und Gesch\u00e4ftsm\u00f6glichkeiten. Diplomatie und wirtschaftliches Engagement sind somit Teil desselben strategischen Kalk\u00fcls: Peking h\u00e4lt an seinem Diskurs der Verhandlungsl\u00f6sungen fest und pflegt zugleich eine Partnerschaft, die seinen materiellen Interessen und seinen \u00fcbergeordneten geopolitischen Zielen dient.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Partnerschaft ist jedoch keine bedingungslose Bindung. Russlands Bedarf an alternativen Absatzm\u00e4rkten st\u00e4rkt Chinas Verhandlungsposition, w\u00e4hrend Pekings Interesse an einer diversifizierten Energieversorgung und einem dauerhaften Zugang zur Weltwirtschaft seine Bereitschaft begrenzt, die Kosten einer zu engen Anlehnung zu tragen. Die Verhandlungen \u00fcber die Gasinfrastruktur offenbaren diese Asymmetrie: China kann politische N\u00e4he zu Moskau wahren und zugleich kommerzielle Zusagen verweigern, die keine ausreichend g\u00fcnstigen Bedingungen bieten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Strategisches Schweigen offenbart somit sowohl die Substanz als auch die Grenzen der chinesischen Position. Peking ist weder unparteiischer Beobachter noch ein Partner, der bereit w\u00e4re, Moskau um jeden Preis zu unterst\u00fctzen. Es pflegt die Beziehung und beh\u00e4lt sich zugleich vor, deren Bedingungen selbst zu bestimmen. Diplomatische Ambiguit\u00e4t und praktische Zusammenarbeit mit Russland folgen dabei derselben Priorit\u00e4t: dem Schutz der eigenen Interessen Chinas, nicht der \u00dcbernahme von Verpflichtungen, die politische Solidarit\u00e4t auferlegen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph translation-block\"><em>Die in den auf dieser Website ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4gen ge\u00e4u\u00dferten Ansichten, Gedanken und Meinungen stammen ausschlie\u00dflich von den Autorinnen und Autoren und spiegeln nicht zwangsl\u00e4ufig die Ansichten des Transatlantic Dialogue Center, seiner Aussch\u00fcsse oder seiner angeschlossenen Organisationen wider. Die Beitr\u00e4ge sollen den Dialog und die Diskussion anregen und stellen weder offizielle politische Positionen des Transatlantic Dialogue Center noch solche anderer Organisationen dar, mit denen die Autorinnen und Autoren m\u00f6glicherweise verbunden sind.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Chinas wachsendem internationalem Einfluss stellt sich die Frage, wie weit sein diplomatischer Diskurs und seine tats\u00e4chliche Praxis \u00fcbereinstimmen. Peking stellt seine Au\u00dfenpolitik in der Regel unter Grunds\u00e4tze wie die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten von Staaten, die Achtung nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t und das Streben nach Verhandlungsl\u00f6sungen. 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