{"id":53291,"date":"2026-09-24T15:13:41","date_gmt":"2026-09-24T12:13:41","guid":{"rendered":"https:\/\/tdcenter.org\/?p=53291"},"modified":"2026-10-21T15:47:26","modified_gmt":"2026-10-21T12:47:26","slug":"die-grenzen-des-russischen-einflusses-in-armenien-und-die-instrumente-uber-die-moskau-noch-verfugt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tdcenter.org\/de\/2026\/09\/24\/die-grenzen-des-russischen-einflusses-in-armenien-und-die-instrumente-uber-die-moskau-noch-verfugt\/","title":{"rendered":"Die Grenzen des russischen Einflusses in Armenien \u2013 und die Instrumente, \u00fcber die Moskau noch verf\u00fcgt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-quick-download-button-download-button aligncenter qdbn-wrapper\"><div class=\"qdbn\" data-plugin-name=\"qdbn\" data-style=\"small\" data-file=\"hide-file\" data-size=\"hide-size\" data-icon-position=\"left\"><div class=\"qdbn-download-button-inner\"><button type=\"button\" data-button-type=\"small\" class=\"g-btn f-l\" style=\"background-color:#0e107b;color:#ffffff;border-radius:25px\" data-attachment-id=\"60464\" data-page-id=\"18850\" data-post-id=\"\" data-have-external=\"false\" data-external-url=\"\" data-wait-duration=\"0\" data-target-blank=\"true\" data-msg=\"Please wait...\" data-member=\"0\" data-has-icon-dark=\"false\" title=\"PDF herunterladen\"><span class=\"download-btn-icon\"><svg xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 24 24\" width=\"20\" height=\"20\" aria-hidden=\"true\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M18 11.3l-1-1.1-4 4V3h-1.5v11.3L7 10.2l-1 1.1 6.2 5.8 5.8-5.8zm.5 3.7v3.5h-13V15H4v5h16v-5h-1.5z\"><\/path><\/svg><\/span><span>PDF herunterladen<\/span><\/button><p class=\"up\" style=\"border-radius:0\"><i class=\"fi fi-pdf\"><\/i><\/p><p class=\"down\" style=\"border-radius:0\"><svg xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox=\"0 0 24 24\" width=\"20\" height=\"20\" aria-hidden=\"true\"><path fill=\"currentColor\" d=\"M10 4H4c-1.1 0-1.99.9-1.99 2L2 18c0 1.1.9 2 2 2h16c1.1 0 2-.9 2-2V8c0-1.1-.9-2-2-2h-8l-2-2z\"><\/path><\/svg><span class=\"file-size\">650 KB<\/span><\/p><\/div><\/div><quick-download-button-info class=\"qdb-btn-info\"><\/quick-download-button-info><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 7. Juni 2026 w\u00e4hlte Armenien ein neues Parlament. Auf dem Spiel stand dabei die geopolitische Ausrichtung des Landes: Sollte es unter dem Einfluss Moskaus verbleiben oder seinen Ann\u00e4herungskurs an die Europ\u00e4ische Union fest verankern? Die Partei \u201eZivilvertrag\u201c des amtierenden Ministerpr\u00e4sidenten Nikol Paschinjan errang einen \u00fcberzeugenden Sieg und <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/news\/articles\/cvgel990n51o\">erhielt<\/a> rund 49,7\u201350 % der Stimmen; das prorussische B\u00fcndnis \u201eStarkes Armenien\u201c, angef\u00fchrt von der Familie des Oligarchen Samwel Karapetjan, kam auf etwa 23,3 %.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im knappen Jahr vor der Wahl wurde Armenien zu einem Versuchsfeld, auf dem Russland in Echtzeit nahezu sein gesamtes Einflussarsenal gegen einen postsowjetischen Staat erprobte, der sich der russischen Kontrolle zu entziehen sucht: eine koordinierte Desinformationskampagne, Druck \u00fcber religi\u00f6se Institutionen, die Finanzierung der Opposition \u00fcber einen kremlnahen Oligarchen, Gewaltandrohungen und unverhohlene territoriale Analogien zur Ukraine. F\u00fcr die Ukraine, Moldau und Georgien \u2013 Staaten, die in der von Moskau proklamierten Zone \u201ehistorischer Interessen\u201c liegen \u2013 sind die armenischen Erfahrungen der Jahre 2025\u20132026 geradezu ein fertiges Handbuch. Sie zeigen, zu welchen Hebeln der Kreml greift, wenn er die Kontrolle \u00fcber einen Verb\u00fcndeten verliert, und warum selbst das Scheitern eines solchen Versuchs nicht bedeutet, dass die Bedrohung verschwunden ist.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-der-kremlnahe-herausforderer\" class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Kremlnahe Herausforderer<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Samwel Karapetjan ist eine politische Figur mit engen <a href=\"https:\/\/www.bbc.com\/russian\/articles\/c20rmnzx4k6o\">Verbindungen <\/a>nach Russland; kremlnahe Netzwerke betrachteten sein politisches Projekt als wichtiges Mittel, um Paschinjans prowestlichen Kurs herauszufordern. Das Problem war dabei nicht nur politischer, sondern auch rechtlicher Natur: Karapetjan r\u00e4umte <a href=\"https:\/\/news.am\/ru\/video\/1056561\">in einer Gerichtsverhandlung<\/a> in Jerewan \u00f6ffentlich ein, neben der armenischen Staatsb\u00fcrgerschaft auch einen russischen und einen zyprischen Pass zu besitzen; erst nach seiner Nominierung f\u00fcr das Amt des Ministerpr\u00e4sidenten <a href=\"https:\/\/www.aysor.am\/en\/news\/2026\/04\/15\/Cypriot+citizenship\/2420432\">begann<\/a> er, diese aufzugeben. Damit stellte sich die Frage nach seiner W\u00e4hlbarkeit, denn die armenische Verfassung verlangt, dass ein Kandidat f\u00fcr das Amt des Ministerpr\u00e4sidenten in den vorangegangenen vier Jahren ausschlie\u00dflich armenischer Staatsb\u00fcrger und st\u00e4ndig in Armenien ans\u00e4ssig war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karapetjans Gesch\u00e4ftsimperium, die <a href=\"https:\/\/tashir.ru\/about\/president\/\">Tashir<\/a> Group, tr\u00e4gt zwar den Namen seiner armenischen Heimatstadt, wurde aber vor allem in Russland aufgebaut und vergr\u00f6\u00dfert. Dort geh\u00f6ren dem Konzern die Einkaufszentrenkette Rio und die Fora-Bank; Karapetjan selbst stieg vom Direktor eines armenischen Werks zu einem der gr\u00f6\u00dften Entwickler in Russland wie in Armenien auf \u2013 mit Einfluss in den h\u00f6chsten Kreisen beider L\u00e4nder.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1006\" height=\"520\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-10.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-41603\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-10.png 1006w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-10-18x9.png 18w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-10-600x310.png 600w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-10-766x396.png 766w\" sizes=\"(max-width: 1006px) 100vw, 1006px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Der russisch-armenische Magnat Samwel Karapetjan. Foto: Facebook<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders aufschlussreich sind seine institutionellen Verbindungen. Laut <em>The Moscow Times<\/em> ist der Milliard\u00e4r <a href=\"https:\/\/lazarevsky.club\/sovet-kluba\/karapetyan-samvel-sarkisovich\/\">Mitglied<\/a> des <a href=\"https:\/\/lazarevsky.club\/istoriya-sozdaniya\/\">Lasarewskij-Klubs<\/a> um den russischen Senator Konstantin Satulin. Der Klub pr\u00e4sentiert sich als internationale \u00f6ffentliche Plattform zur Entwicklung und St\u00e4rkung der russisch-armenischen Beziehungen; sein erkl\u00e4rtes Ziel ist es, die bilaterale Zusammenarbeit zu er\u00f6rtern und kulturelle, humanit\u00e4re und fachliche Verbindungen durch Treffen, Rundtischgespr\u00e4che und Expertendiskussionen mit Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens, Politikanalysten, Diplomaten und Journalisten aus beiden L\u00e4ndern zu festigen. In der Praxis k\u00f6nnen Plattformen dieser Art Moskau jedoch als Soft-Power-Infrastruktur dienen: Sie b\u00fcndeln russlandorientierte Eliten und Diaspora-Netzwerke, verleihen kremlnahen Narrativen eine seri\u00f6se \u201eExperten\u201c-Fassade und tragen dazu bei, die au\u00dfenpolitischen Weichenstellungen Armeniens in Kategorien zu fassen, die Russland zugutekommen. Derselben Quelle zufolge <a href=\"https:\/\/ru.themoscowtimes.com\/2026\/05\/20\/kreml-zapustil-informatsionnuyu-kampaniyu-protiv-pashinyana-pered-viborami-v-armenii-a195712\">f\u00fchrten<\/a> Satulin und Senator Kosatschew im Vorfeld der Wahl 2026 die Propagandakampagne gegen Paschinjan an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dar\u00fcber hinaus <a href=\"https:\/\/theins.ru\/inv\/292503\">behauptete <\/a>das unabh\u00e4ngige Medium <em>The Insider<\/em> in einer Recherche, der Kreml habe das von Karapetjan gegr\u00fcndete B\u00fcndnis \u201eStarkes Armenien\u201c als eines der wichtigsten Instrumente gegen Paschinjan betrachtet, der nach dem Krieg um Bergkarabach einen Kurs der Ann\u00e4herung an die Europ\u00e4ische Union und die Vereinigten Staaten eingeschlagen hatte. Einem weiteren Artikel desselben Mediums zufolge konzentrierte der Kreml nach dem Scheitern prorussischer Kampagnen in Moldau und Ungarn erhebliche Aufmerksamkeit und Ressourcen auf die armenische Wahl \u2013 in der Hoffnung, einen Sieg der Partei \u201eZivilvertrag\u201c zu verhindern. Bezeichnend ist zudem: Bei Paschinjans Besuch in Moskau im Fr\u00fchjahr 2026 kam es derselben Quelle zufolge zu einem \u00f6ffentlichen Disput mit Putin, in dem dieser darauf bestand, dass prorussische Kr\u00e4fte zur Wahl zugelassen werden sollten, ohne Karapetjan namentlich zu nennen, aber unverkennbar auf ihn bezogen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Samwels Neffe Narek Karapetjan <a href=\"https:\/\/theins.ru\/news\/292785\">f\u00fchrte <\/a>die Liste von \u201eStarkes Armenien\u201c f\u00fcr den \u00c4ltestenrat von Jerewan an; zugleich leiteten armenische Ermittler ein Verfahren gegen ihn ein, weil er bei seiner Registrierung als Kandidat seine russische Staatsb\u00fcrgerschaft verschwiegen habe. Er ist Vorsitzender des Verwaltungsrats der Electric Networks of Armenia CJSC, die seit 2017 zu 70 % der Tashir Capital geh\u00f6rt, einem Teil der Unternehmensstrukturen Samwel Karapetjans. Mit anderen Worten: Die zentrale Energieinfrastruktur des Landes wird von derselben Unternehmerfamilie kontrolliert, die das prorussische politische Projekt finanziert.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-wie-prorussische-narrative-fur-armenische-wahlerinnen-neu-verpackt-wurden\" class=\"wp-block-heading\">Wie prorussische Narrative f\u00fcr armenische W\u00e4hlerInnen neu verpackt wurden<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Prorussische Akteure versuchten, eine politische Kehrtwende f\u00fcr die W\u00e4hlerschaft akzeptabel zu machen, indem sie russische Interessen in die Sprache der nationalen Sicherheit, der Tradition und der Revanche f\u00fcr fr\u00fchere Verluste kleideten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karapetjans offizielle Wahlkampfbotschaft <a href=\"https:\/\/arminfo.info\/full_news.php?id=99381\">ruhte auf <strong>drei S\u00e4ulen<\/strong><\/a>: <strong>einer starken Armee, kluger Diplomatie und wirtschaftlicher Unabh\u00e4ngigkeit. <\/strong>Auf den ersten Blick sind dies g\u00e4ngige Wahlkampfthemen f\u00fcr ein Land, das Krieg, Gebietsverluste und tiefe Verunsicherung erlebt hat. Im armenischen Kontext 2026 erf\u00fcllten sie jedoch eine spezifischere politische Funktion: Sie stellten Paschinjans friedensorientierten Kurs infrage und legten nahe, die Hinwendung Armeniens zum Westen habe Schw\u00e4che statt Sicherheit hervorgebracht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Parole \u201eFrieden durch St\u00e4rke\u201c zielte direkt gegen Paschinjans Nachkriegsnarrativ. Frieden, so Karapetjan, werde nicht erbettelt, sondern durch St\u00e4rke bewahrt; denn Krieg komme dorthin, wo keine St\u00e4rke sei, und eine schwache Armee provoziere den Feind. Diese Deutung erlaubte es der Kampagne, die Regierung nicht blo\u00df als erfolglos, sondern als gef\u00e4hrlich darzustellen \u2013 als eine F\u00fchrung, deren Streben nach Frieden Armenien angeblich weiteren Dem\u00fctigungen durch Aserbaidschan und die T\u00fcrkei aussetzte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Botschaft deckte sich weitgehend mit Russlands Interesse, vom Westen unterst\u00fctzte Friedensformate zu diskreditieren. Lie\u00dfen sich Armeniens Verhandlungen mit Aserbaidschan unter westlicher oder US-amerikanischer Vermittlung als Kapitulation darstellen, k\u00f6nnte sich Moskau wieder als unverzichtbarer Sicherheitsakteur ins Spiel bringen. Dieser Logik zufolge lag das Problem nicht darin, dass Russland Armenien 2020\u20132023 nicht gesch\u00fctzt hatte, sondern darin, dass Paschinjan den russischen Sicherheitsrahmen vermeintlich aufgegeben hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Narek Karapetjan, das \u00f6ffentliche Gesicht der Kampagne, machte diese Logik noch deutlicher, als er <a href=\"https:\/\/arminfo.info\/full_news.php?id=100978\">die Auffassung vertrat<\/a>, ein k\u00fcnftiges Friedensabkommen solle von mehreren Regionalm\u00e4chten statt von einem einzigen Sicherheitsgaranten abgesichert werden. Formal klang dies nach einem Pl\u00e4doyer f\u00fcr Ausgewogenheit. Politisch implizierte es jedoch, dass Russland neben den USA oder der EU Teil der Verhandlungsarchitektur bleiben sollte, statt aus dem Prozess gedr\u00e4ngt zu werden. Dies entsprach unmittelbar Moskaus Interesse, zu verhindern, dass der S\u00fcdkaukasus zu einem Raum wird, in dem westliche Akteure Sicherheitsarrangements ohne Russland vermitteln k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zudem nutzte die Kampagne Sjunik und den Bezirk Meghri als <strong>emotionale und strategische Reizpunkte<\/strong>. Sorgen um Transportrouten, eine <a href=\"https:\/\/yerkramas.org\/article\/201289\/samvel-karapetyan-silnaya-armiya-%E2%80%93-eto-ne-piar-i-ne-marshi\">angebliche <\/a>Ansiedlung von AserbaidschanerInnen in der Region und Aserbaidschans Einfluss \u00fcber den s\u00fcdlichen Korridor Armeniens wurden nicht nur als politische Sachfragen, sondern <a href=\"https:\/\/arminfo.info\/full_news.php?id=100978\">als existenzielle Bedrohungen der armenischen Staatlichkeit<\/a> dargestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dies war von Bedeutung, weil Sjunik Armeniens einzige Landverbindung zum Iran ist und zugleich das Gebiet, das das aserbaidschanische Kernland von der Region Nachitschewan trennt. Geografisch ist Sjunik die s\u00fcdlichste Provinz Armeniens; in der Umgebung der Stadt Meghri verengt sie sich zu einem schmalen Streifen und grenzt auf einer L\u00e4nge von lediglich einigen Dutzend Kilometern an den Iran. Dies ist der einzige Abschnitt der armenisch-iranischen Grenze und damit Armeniens einziger Landzugang zu einem Staat, der weder ein historischer Feind ist noch Armenien blockiert. Gleichzeitig trennt Sjunik den Hauptteil Aserbaidschans physisch von seiner Exklave, der Autonomen Republik Nachitschewan, die seit der sowjetischen Grenzziehung der 1920er-Jahre vom aserbaidschanischen Kernland abgeschnitten ist. Mit anderen Worten: Sjunik ist ein geografisches Bollwerk \u2013 f\u00fcr Armenien das einzige Fenster nach S\u00fcden in Richtung Iran und zugleich die einzige Barriere, die Aserbaidschan und die T\u00fcrkei an einer durchgehenden Landverbindung hindert. F\u00fcr Russland ist es von Nutzen, in dieser Frage Instabilit\u00e4t aufrechtzuerhalten. Das erlaubt es Moskau, sich als notwendigen Schiedsrichter zu pr\u00e4sentieren und sich zugleich Transportarrangements zu widersetzen, die Russlands Kontrolle \u00fcber die regionale Konnektivit\u00e4t verringern w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"1006\" height=\"526\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-11.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-41604\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-11.png 1006w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-11-18x9.png 18w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-11-600x314.png 600w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-11-767x401.png 767w\" sizes=\"(max-width: 1006px) 100vw, 1006px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Quelle: Egmont \u2013 Royal Institute for International Relations<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Karabach<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> war die tiefste emotionale Ressource dieser Strategie. Prorussische Akteure konnten nicht mehr glaubhaft versprechen, Arzach mithilfe russischen Schutzes wiederherzustellen, denn Russlands eigene Passivit\u00e4t w\u00e4hrend der aserbaidschanischen Milit\u00e4roperationen hatte diesen Anspruch diskreditiert. Stattdessen wurde der Verlust Karabachs zum Beweis f\u00fcr Paschinjans Schw\u00e4che und f\u00fcr die angebliche Gefahr umgedeutet, sich auf den Westen zu verlassen. Die Botschaft lautete nicht einfach \u201eRussland wird Arzach zur\u00fcckholen\u201c, sondern vielmehr: \u201eArmenien hat Arzach verloren, weil es sich von Russland abgewandt, westlichen Versprechungen vertraut und die Logik der St\u00e4rke aufgegeben hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Narrativ machte Karabach von einer territorialen und humanit\u00e4ren Frage zu einer Wahlkampfwaffe. Es erlaubte prorussischen Kr\u00e4ften, Paschinjan nationalen Verrat vorzuwerfen, Ressentiments unter vertriebenen und traumatisierten Gemeinschaften zu mobilisieren und jeden Kompromiss mit Aserbaidschan als weiteren Schritt zur Ausl\u00f6schung der Nation darzustellen. Zugleich verdeckte es den grundlegenden Widerspruch der russischen Position: Moskau ist zu stark auf die T\u00fcrkei und Aserbaidschan angewiesen, um f\u00fcr Armenien eine ernsthafte Konfrontation zu riskieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rhetorik der \u201e<a href=\"https:\/\/golosarmenii.am\/%D0%9A%D0%B0%D1%80%D0%B0%D0%BF%D0%B5%D1%82%D1%8F%D0%BD-%D0%B7%D0%B0%D1%8F%D0%B2%D0%B8%D0%BB-%D0%BE%D0%B1-%D0%BE%D1%82%D1%81%D1%83%D1%82%D1%81%D1%82%D0%B2%D0%B8%D0%B8-%D1%80%D0%B0%D0%B2%D0%BD%D1%8B\/\">T\u00fcrkisierung<\/a>\u201c erf\u00fcllte einen \u00e4hnlichen Zweck. Indem Karapetjans Lager und ihm nahestehende Stimmen Behauptungen verst\u00e4rkten, Armenien werde zu Zugest\u00e4ndnissen an die T\u00fcrkei und Aserbaidschan gedr\u00e4ngt, machten sie aus einem geopolitischen Dissens eine zivilisatorische Bedrohung. Es ging nicht mehr nur darum, wo Armenien Sicherheitsgarantien suchen sollte, sondern darum, ob die Identit\u00e4t, das Ged\u00e4chtnis und die historische Kontinuit\u00e4t des Landes preisgegeben w\u00fcrden. Damit verf\u00fcgte die Kampagne \u00fcber eine emotionale Sprache, die weit \u00fcber gew\u00f6hnliche Oppositionspolitik hinausging.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" width=\"1008\" height=\"506\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-12.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-41605\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-12.png 1008w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-12-18x9.png 18w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-12-600x301.png 600w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-12-767x385.png 767w\" sizes=\"(max-width: 1008px) 100vw, 1008px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Samwel Karapetjans Neffe Narek Karapetjan bei einer Wahlkampfkundgebung. Quelle: Sputnik Armenia<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch <strong>die Armenische Apostolische Kirche <\/strong>wurde Teil dieses umfassenderen Einfluss\u00f6kosystems. <a href=\"https:\/\/www.eurointegration.com.ua\/articles\/2025\/11\/17\/7224936\/\">Der Konflikt <\/a>zwischen Paschinjans Regierung und Teilen der Kirchenhierarchie schuf einen institutionellen Kanal, \u00fcber den Fragen nationaler Identit\u00e4t, Tradition und Loyalit\u00e4t politisiert werden konnten. F\u00fcr viele ArmenierInnen bleibt die Kirche ein Symbol historischer Kontinuit\u00e4t, zumal nach dem Trauma von Karabach. Dadurch wurde religi\u00f6se Autorit\u00e4t zu einem wirkungsvollen Instrument, um die Regierung als nicht nur <strong>politisch verfehlt, sondern als geistlich oder national illegitim<\/strong> darzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Moskau nutzt seit Langem konservative, religi\u00f6se und auf \u201etraditionelle Werte\u201c gest\u00fctzte Narrative, um prowestliche Regierungen im gesamten postsowjetischen Raum zu schw\u00e4chen. In Armenien lie\u00df sich dieses Instrumentarium an die lokalen Gegebenheiten anpassen \u2013 \u00fcber den Einfluss der Kirche, die Erinnerung an den V\u00f6lkermord, die Angst vor der T\u00fcrkei und Aserbaidschan sowie das Misstrauen gegen\u00fcber dem westlichen Liberalismus. Das Ergebnis war eine politische Sprache, in der sich Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber Russland nicht als Abh\u00e4ngigkeit vom Ausland darstellen lie\u00df, sondern als Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber der armenischen Tradition und dem \u00dcberleben der Nation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Desinformationsinfrastruktur untermauerte diese Botschaften. Mit Russland verbundene Netzwerke und Medien\u00f6kosysteme <a href=\"https:\/\/www.isdglobal.org\/digital-dispatch\/all-operations-on-armenia-russias-influence-machine-targets-the-vote\/\">verst\u00e4rkten <\/a>Narrative \u00fcber das \u201eukrainische Szenario\u201c, einen angeblichen Verrat des Westens, Bedrohungen f\u00fcr Sjunik, den Verlust Arzachs und den vermeintlichen moralischen Niedergang, der mit der europ\u00e4ischen Integration einhergehe. Telegram-Kan\u00e4le, russischsprachige Medien, Diaspora-Netzwerke und <strong>Einflussoperationen <\/strong>wie <strong><a href=\"https:\/\/fip.am\/en\/48968\">Storm-1516<\/a><\/strong> trugen dazu bei, diese Themen in unterschiedlichen Zielgruppen in Umlauf zu bringen. Ziel war es, bei den W\u00e4hlern Angst zu sch\u00fcren, Misstrauen gegen\u00fcber der Regierung zu s\u00e4en und Skepsis gegen\u00fcber jeder vom Westen unterst\u00fctzten Alternative zum russischen Einfluss zu wecken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Sinne war die armenische Wahl nicht nur ein innenpolitischer Wettstreit zwischen Regierung und Opposition. Sie war ein Test daf\u00fcr, wie Russland seine Einflussstrategie anpassen konnte, als seine direkte Kontrolle schwand. Statt allein auf offene Pro-Moskau-Parolen zu setzen, arbeitet Russland mit lokaler Unzufriedenheit, historischen Wunden, Einflussnetzwerken und Medien\u00f6kosystemen. Dasselbe Muster ist f\u00fcr die Ukraine, Moldau, Georgien, Rum\u00e4nien und andere Staaten unter russischem Druck relevant: Moskau destabilisiert Gesellschaften selten, indem es Spaltungen aus dem Nichts erfindet. Es sp\u00fcrt ungel\u00f6ste Konflikte auf, verpackt sie in seiner eigenen geopolitischen Sprache neu und nutzt einheimische Akteure, um sie in Instrumente politischen Drucks zu verwandeln.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-wen-die-prorussische-kampagne-erreichte\" class=\"wp-block-heading\"><strong>Wen die prorussische Kampagne erreichte<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wahlgeografie zeigt, dass sich der russische Einfluss in Armenien nicht nur auf ein traditionell konservatives oder provinzielles Publikum st\u00fctzte. Im Gegenteil: Karapetjans Kampagne fand im st\u00e4dtischen Umfeld, insbesondere in Jerewan, sichtbaren Widerhall. <a href=\"https:\/\/armenianweekly.com\/2026\/07\/08\/the-election-armenias-opposition-was-not-prepared-to-win\/\">Umfragen <\/a>zufolge war \u201eZivilvertrag\u201c gerade in Jerewan am schw\u00e4chsten und in l\u00e4ndlichen Gebieten am st\u00e4rksten, wo die Partei vor der Wahl auf \u00fcber 32 % Zustimmung kam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Alter war der st\u00e4rkste Pr\u00e4diktor f\u00fcr das Wahlverhalten: Die Unterst\u00fctzung f\u00fcr \u201eZivilvertrag\u201c stieg mit dem Alter stetig an und erreichte im Fr\u00fchjahr 2026 unter Befragten ab 60 Jahren mehr als ein Drittel, w\u00e4hrend sie unter j\u00fcngeren W\u00e4hlern deutlich geringer ausfiel. Genau hier lag jedoch die Falle f\u00fcr die Opposition: J\u00fcngere Befragte waren auch deutlich h\u00e4ufiger unentschlossen oder gaben an, gar nicht w\u00e4hlen zu wollen. Die relative Beliebtheit der Opposition unter jungen Menschen schlug sich daher nicht im gleichen Ma\u00dfe in tats\u00e4chlichen Stimmen nieder wie die stabile Unterst\u00fctzung der \u00e4lteren Generation f\u00fcr \u201eZivilvertrag\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Aufschl\u00fcsselung nach Bildungsstand f\u00fcgt eine weitere Ebene hinzu: Die Regierungspartei schnitt unter W\u00e4hlerInnen mit Sekundar- oder Berufsbildung am besten ab, w\u00e4hrend die Oppositionsparteien insgesamt unter W\u00e4hlerInnen mit Hochschulbildung vergleichsweise mehr Zuspruch fanden. Zugleich verweigerte gerade diese gebildete Gruppe am h\u00e4ufigsten die Antwort auf Fragen der Meinungsforscher \u2013 ein Hinweis eher auf politische Vorsicht als auf eine konsequente Mobilisierung zugunsten der Opposition.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf ein Profil verdichtet: Karapetjans Kampagne verfing am besten bei st\u00e4dtischen, relativ jungen und h\u00f6her gebildeten W\u00e4hlerInnen in Jerewan, die von der Staatsf\u00fchrung entt\u00e4uscht waren \u2013 bei jenem Segment also, das bei Stra\u00dfenprotesten und in sozialen Medien am sichtbarsten ist, bei der tats\u00e4chlichen Wahlbeteiligung aber am wenigsten verl\u00e4sslich. Bemerkenswert ist zudem, dass der Anteil der ArmenierInnen, die Sicherheits- und Grenzfragen als wichtigstes Problem des Landes nannten, von 44 % im Juni 2025 auf 21 % im Februar 2026 <a href=\"https:\/\/www.iri.org\/resources\/public-opinion-survey-residents-of-armenia-february-2026\/\">sank<\/a>. Mit anderen Worten: Gerade die Angst, auf die Karapetjan den Kern seiner Botschaft von der \u201estarken Armee\u201c gr\u00fcndete, verlor w\u00e4hrend des Wahlkampfs systematisch an Resonanz \u2013 und damit schrumpfte die nat\u00fcrliche Basis f\u00fcr eine Mobilisierung \u00fcber dieses Thema.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-warum-russische-sicherheitsgarantien-nicht-mehr-greifen\" class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum russische Sicherheitsgarantien nicht mehr greifen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zentrale Widerspruch des prorussischen Narrativs besteht darin, dass es die Armenier auffordert, in einen Sicherheitsrahmen zur\u00fcckzukehren, der sie bereits im Stich gelassen hat. Die Kampagne um Karapetjan setzte stark auf die Sprache von St\u00e4rke, Schutz und Abschreckung, doch die j\u00fcngere Geschichte des S\u00fcdkaukasus zeigt, dass Moskau nicht mehr als verl\u00e4sslicher Garant der armenischen Sicherheit fungiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ereignisse der Jahre 2020\u20132023 haben dies deutlicher gezeigt als jede theoretische Debatte. Als Aserbaidschan im September 2022 das souver\u00e4ne Staatsgebiet Armeniens direkt <a href=\"https:\/\/www.radiosvoboda.org\/a\/virmenia-azerbaidzhan-nahirnyi-karabakh-viyna\/32599490.html\">attackierte<\/a>, schritten weder Russlands 102. Milit\u00e4rbasis in Gjumri noch die Kr\u00e4fte der Organisation des Vertrags \u00fcber kollektive Sicherheit (OVKS) ein. Die OVKS verurteilte das Vorgehen Aserbaidschans nicht einmal politisch eindeutig. Im September 2023 verhinderten auch die russischen Friedenstruppen in Karabach die Milit\u00e4roperation Bakus nicht; faktisch sahen sie zu, wie Aserbaidschan die Kontrolle \u00fcber die Region wiederherstellte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Versagen war nicht einfach die Folge von Paschinjans pers\u00f6nlichem Konflikt mit Moskau. Russlands strategisches Kalk\u00fcl hat sich ver\u00e4ndert. Aserbaidschan und die T\u00fcrkei sind f\u00fcr Moskau <a href=\"https:\/\/rozsliduvach.info\/news\/53808-rocija_namagajetjsja_obijti_zahidni_sanktsiji_za_dopomogoju_turechchini_-_minfin_ssha\">als Hubs f\u00fcr die Umgehung von Sanktionen<\/a>, f\u00fcr Parallelimporte, Energieexporte und regionale Verkehrsverbindungen zu wichtig geworden. Die Beziehungen zu Baku oder Ankara zu besch\u00e4digen, um armenische Interessen zu verteidigen, liefe Russlands eigenen wirtschaftlichen Priorit\u00e4ten in Kriegszeiten zuwider.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinzu kommt ein milit\u00e4rischer Faktor. Russlands Armee und R\u00fcstungsindustrie sind durch den Krieg gegen die Ukraine gebunden. Moskau fehlen freie Kapazit\u00e4ten, moderne Ausr\u00fcstung und die politische Bereitschaft, eine ernsthafte Konfrontation im S\u00fcdkaukasus durchzustehen. Eine prorussische Regierung in Jerewan w\u00fcrde daher h\u00f6chstwahrscheinlich keinen Schutz erhalten, sondern Druck, unter dem Vorzeichen von \u201eStabilit\u00e4t\u201c, \u201eZur\u00fcckhaltung\u201c und \u201eVerhinderung eines gr\u00f6\u00dferen Krieges\u201c neue Zugest\u00e4ndnisse zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die politische Funktion des Versprechens russischen Schutzes liegt auf der Hand: Es verwandelt die Angst vor einem weiteren Krieg in Druck gegen die Diversifizierung der armenischen Sicherheitspartnerschaften und hilft, jede Abkehr von Moskau als unmittelbare Bedrohung f\u00fcr das \u00dcberleben der Nation darzustellen. Es erlaubt prorussischen Akteuren zu behaupten, Armenien bleibe keine Alternative zur R\u00fcckkehr in Moskaus Orbit, und dabei der zentralen Frage auszuweichen: Warum versagte das von Russland gef\u00fchrte Sicherheitssystem gerade dann, als Armenien es am dringendsten brauchte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bedeutet allerdings nicht, dass Armenien alle Verbindungen zu Russland \u00fcber Nacht kappen kann. <strong>Wirtschaftlich bleibt das Land in hohem Ma\u00dfe von Moskau abh\u00e4ngig:<\/strong> Gaslieferungen per Pipeline, das Armenische Kernkraftwerk, die Eisenbahninfrastruktur und der Zugang zum Markt der Eurasischen Wirtschaftsunion (EAWU) machen einen abrupten Bruch gef\u00e4hrlich. Wirtschaftlicher Pragmatismus ist jedoch nicht gleichbedeutend mit strategischer Unterordnung. Die Lehre der vergangenen Jahre lautet, dass Russland die Abh\u00e4ngigkeit Armeniens aufrechterhalten kann, ohne dessen Sicherheit zu garantieren \u2013 um diese Abh\u00e4ngigkeit dann als Argument daf\u00fcr zu nutzen, dass es keinen anderen Weg gebe.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-warum-dies-fur-die-ukraine-und-die-region-von-bedeutung-ist\" class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum dies f\u00fcr die Ukraine und die Region von Bedeutung ist<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Ukraine ist der armenische Fall bedeutsam, weil er dasselbe Prinzip ber\u00fchrt, um das es im Kern des russischen Krieges geht: ob postsowjetische Staaten ihren geopolitischen Kurs ohne Moskaus Erlaubnis selbst bestimmen k\u00f6nnen. Wird Armeniens Hinwendung zu Europa als leichtsinnig oder illegitim dargestellt, st\u00e4rkt der Kreml genau jene Logik, die er auch gegen die Ukraine ins Feld f\u00fchrt \u2013 dass Staaten im fr\u00fcheren imperialen Raum Russlands keine volle strategische Souver\u00e4nit\u00e4t besitzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Fall hat auch eine praktische Dimension. Die Ukraine und Armenien hatten erst vor Kurzem begonnen, ihren politischen Dialog wiederaufzubauen; Selenskyjs Treffen mit Paschinjan im Mai <a href=\"https:\/\/nv.ua\/ukr\/world\/geopolitics\/vizit-zelenskogo-do-virmeniji-klyuchovi-zavdannya-dlya-ukrajini-na-samiti-50605026.html\">war <\/a>der erste Besuch eines ukrainischen Pr\u00e4sidenten in Armenien seit 24 Jahren. Zugleich k\u00f6nnten vom Westen unterst\u00fctzte Konnektivit\u00e4tsprojekte wie der TRIPP-Korridor, der im August 2025 unter Vermittlung Trumps <a href=\"https:\/\/cepa.org\/article\/trumps-route-begins-to-re-make-the-south-caucasus\/\">vereinbart <\/a>wurde, dazu beitragen, den S\u00fcdkaukasus, das Schwarze Meer und Zentralasien \u00fcber Routen zu verbinden, die weniger von Russland abh\u00e4ngig sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb ist Sjunik nicht nur eine armenische Angelegenheit. Als einzige Landverbindung Armeniens zum Iran und als das Gebiet, das das aserbaidschanische Kernland von Nachitschewan trennt, ist die Provinz f\u00fcr jede k\u00fcnftige regionale Verkehrsarchitektur von zentraler Bedeutung. <strong>Kann Moskau Einfluss darauf nehmen, wie dieser Korridor verwaltet wird, beh\u00e4lt es Druckmittel in Fragen der regionalen Konnektivit\u00e4t. <\/strong>Bewahrt Armenien hingegen die souver\u00e4ne Kontrolle und beteiligt sich zugleich an vom Westen unterst\u00fctzten Rahmenwerken, wird der S\u00fcdkaukasus weniger abh\u00e4ngig von russischer Vermittlung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1006\" height=\"462\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-13.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-41606\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-13.png 1006w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-13-18x8.png 18w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-13-600x276.png 600w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/image-13-766x352.png 766w\" sizes=\"(max-width: 1006px) 100vw, 1006px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"> <em>US-Pr\u00e4sident Donald Trump (Mitte) h\u00e4lt die H\u00e4nde des aserbaidschanischen Pr\u00e4sidenten Ilham Alijew (links) und des armenischen Ministerpr\u00e4sidenten Nikol Paschinjan (rechts) bei der Unterzeichnung eines Abkommens zwischen den beiden Kaukasusstaaten<br>Quelle: Andrew Harnik \/ Getty Images<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der armenische Fall spiegelt zudem ein breiteres regionales Muster wider, auf das Analysten mit Blick auf Georgien zunehmend verweisen: <strong>Selbst nach Krieg, Besatzung und Gebietsverlusten k\u00f6nnen Gesellschaften politisch wieder in Russlands Einflusssph\u00e4re gezogen werden.<\/strong> Die Angst vor einem erneuten Konflikt kann statt Widerstand Ersch\u00f6pfung hervorbringen \u2013 eine Vorliebe f\u00fcr Vorsicht, Verhandlungen und \u201ePragmatismus\u201c gegen\u00fcber Moskau. Russland hat jedoch wiederholt gezeigt, dass es solchen Pragmatismus nicht als Grundlage f\u00fcr Kompromisse betrachtet, sondern als Einfallstor f\u00fcr mehr Einfluss und letztlich f\u00fcr Vorherrschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb sind Armenien und Georgien Warnbeispiele f\u00fcr die Ukraine und andere Staaten unter russischem Druck. Selbst nach schweren Verlusten, Kriegen und nationalen Traumata verschwindet die Gefahr eines politischen R\u00fcckfalls nicht. Russische Einflussnetzwerke bleiben widerstandsf\u00e4hig: Sie \u00fcberdauern durch Gesch\u00e4ftsbeziehungen, politische Mittelsleute, Medien\u00f6kosysteme, religi\u00f6se oder konservative Institutionen und die gesellschaftliche Ersch\u00f6pfung, die auf anhaltende Unsicherheit folgt. Moskau muss die Erinnerung an den Konflikt nicht ausl\u00f6schen; es muss lediglich gen\u00fcgend Menschen davon \u00fcberzeugen, dass die Vermeidung einer weiteren Konfrontation die Hinnahme von Einschr\u00e4nkungen der Souver\u00e4nit\u00e4t erfordert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Lehre f\u00fcr die Ukraine, Moldau, Georgien, Rum\u00e4nien und andere lautet: Russischer Einfluss verschwindet nicht, wenn eine prorussische Partei eine Wahl verliert. Er passt sich an und \u00fcberdauert \u2013 durch ungel\u00f6ste Territorialkonflikte, die Angst vor neuer Gewalt, Streit um Infrastruktur, wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit, religi\u00f6se Autorit\u00e4t, oligarchische Netzwerke und Informationsoperationen. \u00dcber diese Kan\u00e4le versucht Moskau, Souver\u00e4nit\u00e4t gef\u00e4hrlich und Abh\u00e4ngigkeit wie Frieden erscheinen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-schlussfolgerungen-eine-niederlage-kein-verschwinden\" class=\"wp-block-heading\"><strong>Schlussfolgerungen: Eine Niederlage, kein Verschwinden<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Wahl von 2026 hat die Grenzen des russischen Einflusses in Armenien aufgezeigt \u2013 nicht aber dessen Verschwinden. Der Kreml konnte keine ihm genehme politische Kraft an die Macht bringen, behielt jedoch viele der Instrumente, mit denen er die armenische Politik von innen unter Druck setzen kann: wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit, Energieinfrastruktur, oligarchische Netzwerke, kirchennahe konservative Narrative, das Trauma von Karabach, den russischsprachigen Medienraum und die Angst vor einem neuen Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darin liegt die Bedeutung des armenischen Falls \u00fcber Armenien hinaus. F\u00fcr die Ukraine, Georgien, Moldau und andere Staaten, die sich aus Russlands Einflusssph\u00e4re l\u00f6sen wollen, zeigt Armenien, wie sich der Kreml anpasst, wenn seine direkte Kontrolle schwindet. Er verl\u00e4sst sich nicht auf ein einziges Instrument, sondern kombiniert Desinformation, sicherheitspolitische Erpressung, Identit\u00e4tspolitik, wirtschaftliche Hebel und lokale politische Akteure, die Moskaus Interessen in die Sprache der Innenpolitik \u00fcbersetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Paschinjans Sieg sollte daher nicht als Ende des russischen Ringens um Armenien gelesen werden. Treffender ist es, ihn als Scheitern einer Kampagne innerhalb einer l\u00e4ngeren Konfrontation zu verstehen. Moskau hat die Wahl verloren, nicht aber die Netzwerke, \u00c4ngste und Abh\u00e4ngigkeiten, \u00fcber die es einen neuen Anlauf nehmen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Kyjiw ist die Lehre eindeutig: Die Souver\u00e4nit\u00e4t im postsowjetischen Raum wird nicht nur auf Schlachtfeldern oder in diplomatischen Formaten verteidigt, sondern auch in Informations\u00f6kosystemen, im historischen Ged\u00e4chtnis, in religi\u00f6sen Institutionen und entlang von Infrastrukturkorridoren \u2013 und durch die F\u00e4higkeit von Gesellschaften, pragmatische Beziehungen zu Russland von strategischer Abh\u00e4ngigkeit zu unterscheiden. Armenien hat diesen Kampf nicht entschieden. Es ist lediglich in seine n\u00e4chste Phase eingetreten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>The views, thoughts, and opinions expressed in the papers published on this site belong solely to the authors and not necessarily to the Transatlantic Dialogue Center, its committees, or its affiliated organizations. The papers are intended to stimulate dialogue and discussion and do not represent official policy positions of the Transatlantic Dialogue Center or any other organizations with which the authors may be associated.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> \u201eBergkarabach\u201c und \u201eArzach\u201c bezeichnen dasselbe Gebiet, sind jedoch politisch unterschiedlich konnotiert. \u201eBergkarabach\u201c bezeichnet eine Region auf dem Gebiet des heutigen Aserbaidschan, die den s\u00fcd\u00f6stlichen Abschnitt des Kleinen Kaukasus umfasst. Diesen Begriff verwenden die Vereinten Nationen (UN), die Organisation f\u00fcr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die meisten westlichen Regierungen und internationale Medien. \u201eArzach\u201c ist der historische armenische Name und spiegelt das nationale und historische Narrativ Armeniens wider. In diesem Beitrag werden beide Begriffe je nach Kontext und den jeweils behandelten Quellen verwendet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 7. Juni 2026 w\u00e4hlte Armenien ein neues Parlament. Auf dem Spiel stand dabei die geopolitische Ausrichtung des Landes: Sollte es unter dem Einfluss Moskaus verbleiben oder seinen Ann\u00e4herungskurs an die Europ\u00e4ische Union fest verankern? 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