{"id":38779,"date":"2026-06-25T18:33:01","date_gmt":"2026-06-25T15:33:01","guid":{"rendered":"https:\/\/tdcenter.org\/?p=38779"},"modified":"2026-09-25T17:58:06","modified_gmt":"2026-09-25T14:58:06","slug":"schweigen-wut-und-die-formel-von-anchorage-einblicke-in-russlands-reaktion-auf-selenskyjs-brief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/tdcenter.org\/de\/2026\/06\/25\/schweigen-wut-und-die-formel-von-anchorage-einblicke-in-russlands-reaktion-auf-selenskyjs-brief\/","title":{"rendered":"Schweigen, Wut und die \u201eFormel von Anchorage\u201c: Einblicke in Russlands Reaktion auf Selenskyjs Brief"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Der offene Brief des ukrainischen Pr\u00e4sidenten Wolodymyr Selenskyj an die russische F\u00fchrung, \u00fcbermittelt im Juni 2026, l\u00f6ste in den russischen Medien und im Milieu der Milit\u00e4rblogger (\u201eZ-Milblogger\u201c) eine eigene Diskurswelle aus. Diese Studie liefert eine umfassende Analyse der Reaktionen und Diskussionen, die innerhalb dieser Gemeinschaften ausgel\u00f6st wurden, und zeigt auf, wie einflussreiche Stimmen auf das Dokument eingegangen sind oder sich strategisch dagegen entschieden haben, sich damit auseinanderzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ausschlaggebend war, dass der Brief die starre Kriegsrhetorik des Kremls durchbrach und sowohl staatliche PropagandistInnen als auch radikale Kriegsbef\u00fcrworterInnen zwang, sich mit einer Frage zu befassen, die sie normalerweise vermeiden: Unter welchen konkreten Bedingungen k\u00f6nnte Russland tats\u00e4chlich Friedensgespr\u00e4chen zustimmen, und welcher Preis w\u00fcrde als akzeptabel angesehen werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Untersucht werden die Reaktionen zentraler Medienfiguren und InfluencerInnen auf Telegram und in den Rundfunkmedien w\u00e4hrend der ersten f\u00fcnf Tage nach Ver\u00f6ffentlichung des Briefes. Im Mittelpunkt steht, wie diese Stimmen das Dokument deuteten. Dabei zeigt sich, dass die Reaktion weniger von einer einheitlichen Vorgabe von oben gepr\u00e4gt war als von einer gewachsenen, defensiven Skepsis.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-inhalt-und-kontext-des-briefes\" class=\"wp-block-heading\"><strong><strong>Inhalt und Kontext des Briefes<\/strong><\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bis zum Juni 2026 hatte sich die strategische Lage im Krieg zwischen Russland und der Ukraine deutlich verschoben. Dem Brief ging eine Phase verst\u00e4rkter ukrainischer Fernangriffe voraus, die auf russische Logistikknotenpunkte und kritische Infrastruktur abzielten und die f\u00fcr die Aufrechterhaltung der Frontlinien unerl\u00e4sslichen Nachschuboperationen wirksam lahmlegten. Zugleich stockte der russische Vormarsch sichtbar: Die F\u00e4higkeit, Durchbr\u00fcche zu erzwingen, litt zunehmend unter diesen logistischen Ausf\u00e4llen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erschwerend kam f\u00fcr den Kreml das \u00fcbergreifende geopolitische Umfeld hinzu, insbesondere die n\u00e4her r\u00fcckenden US-Zwischenwahlen. Sie machten die internationale Unterst\u00fctzung zus\u00e4tzlich unberechenbar und zwangen die russische F\u00fchrung dazu, greifbare Fortschritte am Boden in einem eng bemessenen Zeitfenster vorzuweisen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Ver\u00f6ffentlichung des Briefes inmitten dieser Konstellation nutzte die ukrainische F\u00fchrung den diplomatischen Schwung, um die Geschlossenheit der \u00f6ffentlichen russischen Haltung zum Krieg infrage zu stellen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"538\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-25-1024x538.png\" alt=\"Titelbild\" class=\"wp-image-37245\" style=\"width:721px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-25-1024x538.png 1024w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-25-600x315.png 600w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-25-768x403.png 768w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-25-18x9.png 18w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-25.png 1200w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Der Pr\u00e4sident der Ukraine. Foto: Pr\u00e4sidialamt der Ukraine.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Indem der Brief die Position des Kreml an den Erhalt von pers\u00f6nlichem Luxus kn\u00fcpfte und zugleich die hohen Verluste der russischen Streitkr\u00e4fte sowie m\u00f6gliche innere Widerst\u00e4nde hervorhob, zielte er auf den Kern <strong>jenes Bildes innerer Stabilit\u00e4t, das der Staat nach au\u00dfen vermittelt.<\/strong> Zudem traf das Schreiben einen Nerv, indem es sich \u00fcber Wladimir Putins fortgeschrittenes Alter und seine jahrzehntelange Herrschaft lustig machte und damit unmittelbar dessen sorgsam gepflegtes Bild von St\u00e4rke und tatkr\u00e4ftiger F\u00fchrung angriff.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-methodik\" class=\"wp-block-heading\"><strong><strong>Methodik<\/strong><\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie befasst sich mit den Strategien der Informationsunterdr\u00fcckung und des Framings, die einflussreiche russische Medienfiguren und prominente \u201eZ-MilbloggerInnen\u201c nach dem diplomatischen Vorschlag von Pr\u00e4sident Wolodymyr Selenskyj verfolgten. Im gegenw\u00e4rtigen Kriegsgeschehen ist Telegram zum wichtigsten Schauplatz im Kampf um die Deutungshoheit geworden: Als schnelles und zentrales Netzwerk, \u00fcber das die russische \u00d6ffentlichkeit Informationen bezieht, ist die Plattform der zentrale Ort, um zu analysieren, wie der Kreml die \u00f6ffentliche Wahrnehmung steuert. Trotz der Einf\u00fchrung staatlich kontrollierter Alternativen in den sozialen Medien wie MAX behauptet Telegram seine dominierende Rolle in der russischen Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Stichprobe umfasst Kan\u00e4le mit einer Gesamtreichweite von mehr als 3,7 Millionen FollowerInnen. Dazu z\u00e4hlen prominente Z-MilbloggerInnen wie \u201eDwa majora\u201c (\u201eZwei Majore\u201c, 1,1 Millionen FollowerInnen), \u201eWarGonzo\u201c (755.000 FollowerInnen) und Alexander Kots (478.000 FollowerInnen) ebenso wie zentrale Figuren der staatlichen Propaganda, darunter Wladimir Solowjow (1,1 Millionen FollowerInnen), Margarita Simonjan (522.000 FollowerInnen) und Olga Skabejewa (223.000 FollowerInnen).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Zentrum steht eine gezielte Auswertung der ersten f\u00fcnf Tage nach Ver\u00f6ffentlichung des Briefes. Ber\u00fccksichtigt wurden ausschlie\u00dflich Reaktionen, die innerhalb von 120 Stunden nach dem Bekanntwerden gepostet wurden; auf diese Weise l\u00e4sst sich die unmittelbare, ungegl\u00e4ttete Reaktion auf die Publikation analysieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-19-1024x576.png\" alt=\"Titelbild\" class=\"wp-image-37234\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-19-1024x576.png 1024w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-19-600x338.png 600w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-19-768x432.png 768w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-19-1536x864.png 1536w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-19-18x10.png 18w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-19.png 1920w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-die-reaktion-der-staatlichen-medien\" class=\"wp-block-heading\"><strong><strong>Die Reaktion der staatlichen Medien<\/strong><\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die russische Propagandamaschinerie reagierte auf den Friedensbrief Pr\u00e4sident Selenskyjs mit sp\u00fcrbarem, nerv\u00f6sem Z\u00f6gern \u2013 einem Schweigen, in dem sich die anf\u00e4ngliche Unsicherheit des Kreml spiegelte. In den ersten Tagen der Berichterstattung sorgten KommentatorInnen wie Wladimir Solowjow, Olga Skabejewa und Margarita Simonjan f\u00fcr eine strikte \u201estrategische Leere\u201c und blendeten das Dokument damit praktisch aus der Telegram-Diskussion aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwar beherrschen all diese PropagandistInnen das russische Staatsfernsehen, doch auf ihren riesigen Telegram-Kan\u00e4len gingen sie auf den Brief nicht ein. Dieses selektive Schweigen ist aufschlussreich, zumal inl\u00e4ndische Umfragen einen allm\u00e4hlichen Vertrauensverlust gegen\u00fcber dem traditionellen Fernsehen zeigen (<a href=\"https:\/\/re-russia.net\/review\/810\/\">selbst laut russischen Umfragen<\/a>), wodurch Telegram zur eigentlichen Arena f\u00fcr die Meinungsbildung in den aktiveren Teilen der russischen Gesellschaft wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ausbleiben der Debatte ist nicht als organisch gewachsene Entscheidung zu verstehen. Es ergab sich vielmehr daraus, dass die offiziellen staatlichen Institutionen sich beeilten, die Deutungshoheit \u00fcber das Narrativ an sich zu ziehen. Als Erster \u00e4u\u00dferte sich Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow: Er wies den Brief nicht rundweg zur\u00fcck, sondern best\u00e4tigte, dass das Schreiben Putin \u00fcbergeben worden sei, und k\u00fcndigte an, es werde beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg zur Sprache kommen. Erst nachdem Wladimir Putin selbst den offiziellen Ton vorgegeben und den Brief \u00f6ffentlich <a href=\"https:\/\/www.pravda.com.ua\/eng\/news\/2026\/06\/05\/8037958\/#:~:text=%22elements%20of%20rudeness\">als \u201earrogant\u201c<\/a> abgetan hatte, erhielt der Propagandaapparat sein Stichwort.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" width=\"1023\" height=\"575\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-21.png\" alt=\"Titelbild\" class=\"wp-image-37236\" style=\"aspect-ratio:1.779130952774928;width:697px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-21.png 1023w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-21-600x337.png 600w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-21-768x432.png 768w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-21-18x10.png 18w\" sizes=\"(max-width: 1023px) 100vw, 1023px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em><em>Der Pr\u00e4sident Russlands. Foto: Anastasija Baraschkowa (Reuters).<\/em><\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Dynamik zeigt eine starre, von oben nach unten wirkende Hierarchie, die den russischen Medienapparat immer dann l\u00e4hmt, wenn er \u00fcberrascht wird. Statt die \u00f6ffentliche Wahrnehmung aktiv zu pr\u00e4gen, mussten diese einflussreichen Akteure innehalten und auf ein ausdr\u00fcckliches institutionelles Signal warten. Das belegt: Ohne direkte Weisung aus dem Kreml bleibt der gewaltige staatliche Propagandaapparat gegen\u00fcber unerwarteten diplomatischen Man\u00f6vern zutiefst anf\u00e4llig.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-die-reaktion-der-nichtstaatlichen-z-gemeinschaft\" class=\"wp-block-heading\"><strong><strong>Die Reaktion der nichtstaatlichen Z<\/strong>-Gemeinschaft<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Perspektive der Frontberichterstattung steht Alexander Kots. <a href=\"https:\/\/t.me\/sashakots\/62175\">In einem am 5. Juni beim Sender Zargrad ver\u00f6ffentlichten Interview und auf seinem Telegram-Kanal<\/a> nannte er den Brief anma\u00dfend und bezeichnete ihn als Ultimatum. Ausdr\u00fccklich deutete er das Schreiben als unmittelbare Drohung an die russischen B\u00fcrgerInnen, die eine Revolution im Inneren ausl\u00f6sen solle: <em>\u201eAusgesprochen wurde diese Drohung nicht gegen\u00fcber dem Pr\u00e4sidenten Russlands, sondern gegen\u00fcber seinen B\u00fcrgerInnen \u2013 sinngem\u00e4\u00df: Wenn ihr dort nicht irgendeinen Majdan veranstaltet, wird es noch schlimmer. Das ist eigentlich der Kern von Selenskyjs Erkl\u00e4rung.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kots nutzte zudem den Zeitpunkt des Briefes, der mit taktischen Schl\u00e4gen gegen russische Infrastruktur zusammenfiel, um den ukrainischen Schritt als grunds\u00e4tzlich unaufrichtig darzustellen. Kyjiw k\u00f6nne nicht ernsthaft \u201eFrieden anbieten\u201c und gleichzeitig die Logistik angreifen oder Schiffe beschie\u00dfen, so seine Argumentation; dass Russland seine eigenen milit\u00e4rischen Operationen ebenso wenig eingestellt hat, \u00fcberging er dabei geflissentlich. Mit dem Hinweis auf diesen vermeintlichen Widerspruch lenkte Kots den Blick weg von der M\u00f6glichkeit eines Kriegsendes und hin zu der Erz\u00e4hlung, Selenskyj spreche eine verdeckte Drohung aus: Entweder Russland akzeptiere die ukrainischen Bedingungen, oder es drohe innere Instabilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"960\" height=\"540\" src=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-24.png\" alt=\"Titelbild\" class=\"wp-image-37239\" style=\"width:727px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-24.png 960w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-24-600x338.png 600w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-24-768x432.png 768w, https:\/\/tdcenter.org\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/image-24-18x10.png 18w\" sizes=\"(max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Moskau am 18. Juni nach einem weiteren ukrainischen Drohnenangriff.<\/em> <em>Foto von AFP \/ Scanpix \/ LETA.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine komplexere, quasioffizielle milit\u00e4rische Sicht kam vom bekannten Kanal \u201eZwei Majore\u201c. <a href=\"https:\/\/t.me\/dva_majors\/94101\">In einem Beitrag vom 5. Juni<\/a> taten die Betreiber den Brief als \u201einformationelle Kampfoperation\u201c westlicher Geheimdienste ab und behaupteten, die russische F\u00fchrung treffe Entscheidungen niemals unter Druck. Den Gedanken von Verhandlungen wiesen sie damit jedoch nicht g\u00e4nzlich zur\u00fcck. Kritisiert wurde vielmehr die Form der Ansprache, untermauert mit einem aufschlussreichen historischen Vergleich, der verdeutlichen sollte, wie ein \u201erichtiger\u201c Friedensprozess auszusehen habe:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u201eH\u00e4tte der Gegner Verhandlungen suchen wollen, h\u00e4tte er es getan. Trotz aller Witze \u00fcber den \u201aGeist von Anchorage\u2018 war das Treffen so organisiert, wie es sich geh\u00f6rt: respektvoll, unter Demonstration der Macht beider Staaten und mit einem angemessenen zeremoniellen Teil. Ge\u00e4ndert hat das allerdings nichts.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Verweis auf den \u201eGeist von Anchorage\u201c legt einen doppelten Ma\u00dfstab innerhalb der radikalen Kriegsbef\u00fcrworterInnen offen. Zum einen unterstreicht er deren <strong>Besessenheit von der Au\u00dfenwirkung<\/strong>: Verlangt wird ein gro\u00dfer, zeremonieller Rahmen, in dem Russland als gleichrangige Supermacht behandelt und ihm jede \u00f6ffentliche Dem\u00fctigung erspart wird. Zum anderen offenbart er <strong>das maximalistische Denken <\/strong>der rechtsextremen BloggerInnen. Mit dem Bezug auf Anchorage bekennen sie sich implizit zu Putins starrer \u201eFormel von Anchorage\u201c: Die Ukraine soll die Krim rechtlich abtreten, den gesamten Donbas (Regionen Donezk und Luhansk) \u00fcbergeben und die russische Kontrolle \u00fcber die Regionen Saporischschja und Cherson de facto anerkennen. F\u00fcr die Z-Gemeinschaft ist jede Verhandlung inakzeptabel, die hinter diesen maximalistischen imperialen Zielen zur\u00fcckbleibt; Selenskyjs direkter und informeller Brief war damit von vornherein chancenlos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der <a href=\"https:\/\/t.me\/wargonzo\/34633\">popul\u00e4re Z-Analyst Semjon Pegow<\/a> (WarGonzo) deutete den Vorgang rein geopolitisch und l\u00f6ste den Brief aus seinem bilateralen Zusammenhang: Er las ihn ausschlie\u00dflich als Funktion der US-Innenpolitik und des Bed\u00fcrfnisses Donald Trumps nach einem au\u00dfenpolitischen Erfolg vor den Kongresswahlen. Kyjiw, so Pegows Unterstellung, sei an der Front zu schwach, um aus eigener Kraft derart selbstbewusst aufzutreten; der Brief sei folglich von \u201eStrippenziehern in \u00dcbersee\u201c diktiert worden. Wie \u201eDwa Majora\u201c konzentrierte sich auch Pegow stark auf den Ton der Kommunikation und behauptete, Selenskyjs anma\u00dfendes Auftreten sei der Hauptgrund f\u00fcr den Stillstand der Verhandlungen. Zwar deutete er kurz an, dass Russland eine Waffenruhe brauche; zugleich f\u00fchrte er die innenpolitischen Schwierigkeiten der Ukraine (Mobilisierung und L\u00fccken in der Luftabwehr) ins Feld, um Friedensgespr\u00e4che als blo\u00dfes strategisches Instrument darzustellen: als Gelegenheit f\u00fcr Russland, innezuhalten, sich neu aufzustellen und aus einer Position absoluter St\u00e4rke auf das Schlachtfeld zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n\n\n\n<h4 id=\"h-schlussfolgerungen\" class=\"wp-block-heading\"><strong><strong>Schlussfolgerungen<\/strong><\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die unterschiedlichen Reaktionen auf den Brief von Pr\u00e4sident Selenskyj legen einen wachsenden Riss in der kriegsbef\u00fcrwortenden Medienlandschaft Russlands offen. W\u00e4hrend der staatlich kontrollierte Propagandaapparat mit einem l\u00e4hmenden, von oben verordneten Schweigen reagierte und erst das offizielle Stichwort Putins abwartete, um das Thema auf Telegram dann gefahrlos zu \u00fcbergehen, setzte sich die Z-Gemeinschaft aktiv mit ihm auseinander.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entscheidend ist: Der Brief zwang das radikale Netzwerk der Kriegsbef\u00fcrworterInnen, ein eigenes Tabu zu brechen und offen \u00fcber die Bedingungen m\u00f6glicher Friedensgespr\u00e4che zu sprechen. Selbst durch ihre aggressive Rhetorik hindurch wurde bei diesen BloggerInnen eine innere Zerrissenheit sichtbar: Sie schwanken zwischen dem Wunsch nach einem gro\u00dfen, gesichtswahrenden diplomatischen Schauspiel und dem verbissenen Festhalten an den maximalistischen Gebietsforderungen der \u201eFormel von Anchorage\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Ukraine unterstreicht das den Wert eines dauerhaften, asymmetrischen Informationsdrucks. Indem sie sich direkt an den russischen Staat und dessen \u00d6ffentlichkeit wendet, kann sie das starre Kreml-Narrativ umgehen, die Widerspr\u00fcche zwischen staatlichen Sprachrohren und frontnahen Kommentatoren verst\u00e4rken und die russische Gesellschaft zwingen, sich langsam, aber unausweichlich mit dem wahren Preis eines schwer fassbaren Friedens auseinanderzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph translation-block\"><em>Die in den auf dieser Website ver\u00f6ffentlichten Beitr\u00e4gen ge\u00e4u\u00dferten Ansichten, Gedanken und Meinungen stammen ausschlie\u00dflich von den Autorinnen und Autoren und spiegeln nicht zwangsl\u00e4ufig die Ansichten des Transatlantic Dialogue Center, seiner Aussch\u00fcsse oder seiner angeschlossenen Organisationen wider. Die Beitr\u00e4ge sollen den Dialog und die Diskussion anregen und stellen weder offizielle politische Positionen des Transatlantic Dialogue Center noch solche anderer Organisationen dar, mit denen die Autorinnen und Autoren m\u00f6glicherweise verbunden sind.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der offene Brief des ukrainischen Pr\u00e4sidenten Wolodymyr Selenskyj an die russische F\u00fchrung, \u00fcbermittelt im Juni 2026, l\u00f6ste in den russischen Medien und im Milieu der Milit\u00e4rblogger (\u201eZ-Milblogger\u201c) eine eigene Diskurswelle aus. 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